Schon am bundesweiten Protesttag im Juni hatten viele Apotheken – hier in Balingen im Zollernalbkreis – dicht gemacht. Foto: Silke Thiercy

Immer mehr Apotheker geben ihre Geschäfte auf. Gleichzeitig kämpfen die, die weitermachen, mit stark steigenden Kosten, nicht lieferbaren Medikamenten – und dem Bundesgesundheitsminister. Am Mittwoch bleiben Apotheken geschlossen.

Nicht lieferbare Medikamente, Personalmangel, eine Vergütung, die seit 2013 nicht mehr angehoben wurde, und vor allem ein Bundesgesundheitsminister, mit dem das sprichwörtliche Tischtuch offenbar zerschnitten ist: Das sind die Sorgen, die die Apotheker in Deutschland derzeit umtreiben. Auch im Juni gab es bereits Arbeitsniederlegungen etwa im Kreis Freudenstadt, in Villingen-Schwenningen oder im September in Nagold, im Kreis Rottweil und im Ortenaukreis.

 

Ausdruck finden diese Sorgen nun wieder in Protestaktionen: Die Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA) hat den November zum Protestmonat erklärt. Am Mittwoch, 22. November, bleiben so die Apotheken in Baden-Württemberg und Bayern geschlossen, und in Stuttgart findet eine zentrale Kundgebung statt. In Hannover und Dortmund wurde bereits demonstriert, am letzten Mittwoch des Monats geht es in Dresden weiter.

Die Kundgebung in Stuttgart

Thomas Fein, Vize-Präsident des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg, und Betreiber der Calwer Stadtapotheke, geht davon aus, dass sich auch die Pharmazeuten im Landkreis Calw daran beteiligen werden. Er und sein Team sind am Mittwoch jedenfalls bei der Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz anstatt in der Calwer Lederstraße anzutreffen.

Die Veranstaltung beginnt um fünf nach 12 Uhr. Die Betonung liegt dabei laut Fein auf „nach“. Denn wenn es so weitergehe, dass immer mehr Apotheken schlössen, dann gebe es bald richtige Löcher in der Versorgung der Bevölkerung.

Die Apotheker und der Bundesgesundheitsminister

17 830 Apotheken (Stand Juni 2023) gibt es in Deutschland. Während in den vergangenen Jahren durchschnittlich 300 pro Jahr zugemacht hätten, seien es 2022 bundesweit 393 gewesen. Tendenz steigend: Denn im ersten Halbjahr 2023 waren es laut Thomas Fein bereits 238. „Der stärkste Rückgang seit Beginn der Aufzeichnungen 1956.“ Städte und ländliche Regionen seien in gleichem Maß betroffen.

Thomas Fein, Vize-Präsident des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg Foto: LAV

„Herr Lauterbach muss sehen, dass es so nicht weitergeht“, erklärt der Pharmazeut aus der Hesse-Stadt. Auf die Einsicht des SPD-Gesundheitsministers indes warten Fein und seine Kollegen noch. Im Vorfeld des deutschen Apothekertags Ende September hatte die ABDA Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) „sechs existenzielle Fragen“ gestellt. Unter anderem ging es um die Honorierung, die flächendeckende Versorgung mit und Lieferengpässe bei Medikamenten.

Die Fragen blieben unbeantwortet, und zum Apothekertag ließ sich der Minister online zuschalten, anstatt zu kommen. Beides trägt nicht zur Verbesserung der Stimmung zwischen Apothekern und Gesundheitsminister bei. Genauso wenig wie Lauterbachs Pläne zur Stärkung der Apotheken vor Ort.

Die Pläne des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach

Der SPD-Politiker will die Gründung von Apotheken und Filialen erleichtern, um so den vielen Schließungen etwas entgegenzusetzen. Anders als bisher müsste in solch einer Filiale kein Apotheker mehr vor Ort sein. Von diesen Plänen halten die Pharmazeuten allerdings nichts.

Bisher könne eine Hauptapotheke bereits drei Filialen eröffnen, erklärt Thomas Fein. Diese Möglichkeit hätten von den gut 17 800 Apotheken allerdings nur 348 genutzt. „Wenn das eine so tolle Sache wäre, dann hätten die Leute das ausgeschöpft.“

Die Pläne des Ministers Lauterbach mit den Filialen ohne Pharmazeuten nennt Fein „Apotheke light“. Rezepturen könnten dort nicht hergestellt werden, auch für Nacht- und Notdienste – die nur Apotheker leisten können – stünden sie nicht zur Verfügung. Die Folge: möglicherweise noch längere Wege für Kunden zu einer Notdienstapotheke.

Darüber hinaus vermutet Thomas Fein, dass solche Filialen eher in Großstädten entstehen als auf dem Land. Da grabe dann eine „Apotheke light“ dem benachbarten Vollversorger noch das Wasser ab. Dabei ist die Honorierung schon jetzt einer der Kritikpunkte.

Die Kritikpunkte in der Branche

So hat sich das Apothekenhonorar pro rezeptpflichtigem Arzneimittel seit 2013 nicht mehr erhöht. Die Grundvergütung liegt bei 8,35 Euro. Gestiegen ist dagegen der Abschlag, den Apotheken bei Arzneimitteln an die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen müssen: Er beträgt seit 1. Januar zwei Euro. „Um das Kassensystem zu stützen“, sagt Fein. Gleichzeitig sind die Tariflöhne der Mitarbeiter gestiegen, genau wie Energiekosten.

Gesamt betrachtet lohnt es sich laut dem Vize-Präsidenten kaum mehr, sich als Apotheker selbstständig zu machen. Zwar gibt es viele Apotheken, die überdurchschnittlich gut laufen. Es gebe aber eben auch viele Selbstständige, die am Ende nicht mehr übrig haben als ein im Krankenhaus angestellter Pharmazeut.

Wie überall herrscht auch in den Apotheken Fachkräftemangel. Beim Personal konkurrieren sie mit der Pharmaindustrie und den Krankenkassen – und können im Zweifel schlechter bezahlen, obwohl die Mitarbeiter hoch qualifiziert seien. „Wir liegen bei den Löhnen unter der Pflege.“

Das nächste große Thema sind die fehlenden Medikamente. „So viel Arbeit wie wir aktuell haben, um diesen Lieferengpass zu managen, dass ist unglaublich“, berichtet Thomas Fein. Seine „Defektliste“ umfasst bereits jetzt knapp 400 Artikel, die er eigentlich auf Lager hat, die derzeit aber nicht verfügbar sind. Etwa ein Zehntel seines normalen Bestands. „Das Ergebnis ist, dass wir im Endeffekt die Patienten nicht versorgen können.“ Das sei auch für seine Mitarbeiter eine schwierige Situation.

Am Mittwoch tragen sie ihre Sorgen, aber auch ihren Unmut in Stuttgart nach außen. Notdienst-Apotheken haben vor Ort aber trotzdem geöffnet. „Wir lassen niemanden im Regen stehen“, sagt Fein.

Situation im Südwesten

Rückgang
Seit dem Jahr 2007, damals gab es noch 2782 Haupt- und Filialapotheken in Baden-Württemberg, geht deren Zahl im Südwesten kontinuierlich zurück. Zum Stand 31. Oktober 2023 existierten laut Apothekerkammer Baden-Württemberg noch 2235 öffentliche Apotheken. Allein im vorigen Jahr haben 54 geschlossen. Die Zahl der Krankenhausapotheken sinkt ebenfalls. Sie lag laut Landesapothekervereinigung Anfang 2023 bei 47. 1991 gab es noch 72.