Grüner wird’s nicht: Friedrich Rau plädiert für mehr Fassadengrün im Hufeisen. Foto: Rau

Der interessanteste Teil der "Strategien für das Hufeisen", des Konzepts von Stadtrat Friedrich Rau, sind die "Maßnahmen". Wie wird aus einem Viertel im Niedergang wieder ein blühendes Zentrum?

Albstadt-Ebingen - Dass die Bewohner des Hufeisen-Viertels und die Bürger, die dort verkehren, wesentlich mitverantwortlich sind für dessen Erscheinungsbild, stellt Friedrich Rau dem wichtigsten Kapitel seiner "Strategien für das Hufeisen" voran: den "Maßnahmen". Kein Wunder: Der Stadtrat von Bündnis ’90/Die Grünen ist Architekt, lebt, arbeitet und verkehrt täglich im Hufeisen – zu Fuß.

 

Ideen aus Wien könnten helfen

Um das Miteinander der Menschen im Hufeisen zu stärken, schlägt Rau vor, das Förderprogramm "Sozialer Zusammenhalt" dort einzusetzen, weil es zur nicht gerade homogenen Bevölkerungsstruktur gut passe. Ein Nachbarschaftstag – eine Idee aus Wien – könne helfen, damit Bewohner sich kennenlernen, was auch ihrem Selbstbewusstsein gegenüber der Stadtverwaltung gut tue. Für besonders wichtig hält Rau eine Sozialraumanalyse als Basis für Weiterentwicklung des Quartiers, seiner Infrastruktur, der Gesundheitsförderung und der Entwicklung lokaler Bildungsnetzwerke.

Die Bodenpolitik ist der Schlüssel

Der "Schlüssel zu einer erfolgreichen Stadtentwicklung" ist für Rau die Bodenpolitik, und er nennt Ulm als Vorbild, wo man unbebaute Grundstücke nur von der Stadt kaufen könne und dort bauen müsse, sonst gehe es zurück zur Stadt – zum selben Preis, was Spekulanten Schachmatt setze. Die Vorteile: Bodenpreiskontrolle, Gestaltungsoptionen und Handlungsfähigkeit blieben bei der Stadt. In Albstadt freilich fehle ein überzeugendes Liegenschaftskonzept. "Trotz zahlreicher Möglichkeiten, in dem ausgewiesenen Sanierungsgebiet tätig zu werden, hat die Verwaltung bisher nie das ihr zustehende Vorkaufsrecht geltend gemacht", kritisiert der Architekt. Dabei müsse sich die Stadt "dringend aktiv auf dem Immobilienmarkt einmischen", um den weiteren Verfall der Innenstadtlagen zu verhindern.

Den heimischen Handel bewerben

Die städtische Wohnungsbaugenossenschaft aswohnbau sieht Rau in der Pflicht – und hält eine Genossenschaft, in welche die Immobilien der aswohnbau eingebracht würden, für einen Weg, die Handlungsfähigkeit der Stadt sowie die Versorgungslage auf dem Wohnungsmarkt erheblich zu verbessern. Noch besser wäre in seinen Augen ein Zusammenschluss mit der Wohnungsbaugenossenschaft Tailfingen. Wer Genossenschaftsanteile erwerbe, erhalte Anrecht auf preiswerte Miete.

Als wesentliches Element sieht der Architekt die Bewerbung der Wochenmärkte und der heimischen Händler, wofür Albstadt bisher kein offizielles Konzept habe. In diesem Punkt hat Rau freilich nicht ganz Recht: Im Internet unter myalbstadtshops.de listet die Stadt – im Impressum als verantwortlich genannt – lokale Fachgeschäfte, Gastronomen, Lebensmittelgeschäfte, Gesundheitsdienstleister und allgemeine Dienstleister auf, informiert über Kontaktdaten und Öffnungszeiten, das Angebot und die Leistungen. Zu Recht lob Rau daneben die Kampagne "Shop local" der Städtleinitiative, eines Zusammenschlusses von Geschäftsfrauen der Ebinger Innenstadt.

Weitgehend autofrei, ohne Lärm und Abgase

Als Beispiel für sicheren Straßenraum – Rau ist nicht der Einzige, der die aktuellen Verhältnisse im Hufeisen für unerträglich hält – nennt er das Französische Viertel in Tübingen, weitgehend autofrei, ohne Lärm und Abgase – mit Platz für die Menschen. Die verkehrsberuhigte Zone im Hufeisen werde hingegen von den wenigsten Autofahrern wahrgenommen. "Sie nehmen keine Rücksicht auf spielende Kinder", beobachtet Rau regelmäßig und weißt auf die "fehlende Kontrolle der Aufsichtsbehörde" hin. Im Rahmen des Wiener Aktionsprogrammes "Grätzloase" gestalteten die Wiener die städtischen Außenräume kreativ selbst unter dem Motto: "Wir holen uns die Straße zurück".

Drei Standorte für Parkhäuser

Die Autos müssten – bei einer Umsetzung im Hufeisen – verbannt werden (siehe Info). Als Standorte für mögliche innerstädtische Parkhäuser schlägt Rau die Stellestraße, den Parkplatz Langwatte und den Hang neben dem Schlossberg-Center in der Schmiechastraße vor.

Basierend auf seiner Beobachtung der Hufeisen-Bewohner hat Rau zudem Nutzungsschwerpunkte definiert: für Gastronomie im Hof, für Veranstaltungen den Spitalhof, wo ihm eine Art kleines Amphitheater vorschwebt, für Spielraum auf dem freien Grundstück in der Pfarrstraße, für Urban Gardening die westliche Pfarrstraße und den Landgraben für eine kleine Allee – und für Fußgänger.

Urban und Guerilla Gardening

"Urban Gardening" – Stadtgärten, die von Anwohnern gepflegt und genutzt werden – "hat eine neue Wertschätzung von Umwelt, Eigeninitiative und Gemeinsinn hervorgebracht", weiß Rau aus Berichten über solche Projekte überall in Deutschland. Als weitere Elemente schlägt er Parklets – die Umnutzung ehemaliger Parkflächen – sowie Fassadenbegrünung – sie kühle Gebäude, filtere Schadstoffe und biete Tieren Lebensraum – und Baumpatenschaften vor. Die rüstige Rentnerin", die seit Jahren aktiv Pflanzensamen verbreite, erwähnt Rau unter "Guerilla Gardening" – ohne zu bewerten.

Die Bewohner sind nicht sichtbar

Als großes Problem hat der Architekt die Wohnblöcke in der Wilhelm-Dodel-Gasse ausgemacht, in denen ein Fünftel der Hufeisen-Bewohner lebten, aber kaum sichtbar seien. Ein Ausweg ist für ihn das Anbringen von Balkonen.

Nicht zuletzt widmet sich Rau den Umwelt- und Klimaschutzaspekten, fordert den wasserdurchlässigen Umbau versiegelter Flächen, bodenverbessernde Maßnahmen, standortgerechte Bepflanzung, Maßnahmen zur Überflutungsvorsorge und Wärmenetze. Mehr der Umweltverschönerung hingegen dient seine Idee, Unterflurcontainer für Müll zu errichten.

Info: Erschließung nur für Anlieger

Als Bewohner des Hufeisens weiß Friedrich Rau, dass der Landgraben, der das Hufeisen teilt, stärker befahren ist als wohl die allermeisten Straßen in Wohngebieten. Er schlägt deshalb vor, den Parksuchverkehr, das Parken von Fahrzeugen der Mitarbeiter von Betrieben in der Innenstadt sowie den Schülertransport zur Kirchgrabenschule zu erschweren respektive ganz zu unterbinden. Die Durchfahrt zwischen Grüngrabenstraße und Schütte, ohnehin eine der gefährlichsten Ecken der Stadt, würde Rau unterbrechen und Lieferverkehr, Fahrten zu den Arztpraxen und zu privaten Stellplätzen über Sigmundstraße, Grüngrabenstraße und Landgraben leiten. "Der Schülertransport der bisher täglich mehrmals zu einer enormen Belastung der Kreuzung Kapellstraße/Landgraben führt, muss künftig über die Gartenstraße erfolgen", heißt es.