"Bottom up statt Top down" – diese Forderung des Ministeriums Ländlicher Raum macht sich der Verfasser des Konzeptes "Strategien für das Hufeisen" zu eigen. Friedrich Rau fordert, die Bürger zu beteiligen anstatt von oben etwas zu verordnen.
Albstadt-Ebingen - Er ist Architekt, Stadtrat – und vor allem wohnt und arbeitet Friedrich Rau mitten im "Hufeisen", dem ältesten Ebinger Wohnviertel. Für dessen Neugestaltung haben die Stadtplaner vom Stuttgarter Büro "Lehen Drei" und danach der Albstädter Stadtverband Bündnis ’90/Die Grünen, dem auch Rau angehört, ein Konzept vorgelegt. Beide liegen seither in der Schublade. Nichts passiert, während Autoverkehr und Müll im Hufeisen zunehmen, das Viertel herunterkommt.
"Wir sollten es wagen, den Bürgern mehr Mitverantwortung zuzumuten"
Rau will dem nicht weiter zuschauen und hat deshalb ein 51 Seiten starkes Konzept ausgearbeitet und reich bebildert, in dem er "Strategien für das Hufeisen" entwirft. Sein Ziel: "die Diskussion auf gutem Niveau führen", und zwar mit jenen, die es betrifft: "Nichts ist für unsere Stadt vorteilhafter, als wenn wir als Vertreter qualifiziert über zeitgemäße Grundlagen der Stadtentwicklung debattieren können", so Rau. "Vor allem sollten wir es auch wagen, den Bürgern mehr Mitverantwortung in Sachen Baukultur zuzubilligen, oder besser: zuzumuten."
Gefährlich für Kinder und Ältere
Zunächst untersucht der Architekt den Status quo, geht auf die Probleme und Herausforderungen ein – ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: "Der öffentliche Raum ist unsicher bis gefährlich für Kinder und ältere Mitbürger und unattraktiv für Bewohner, Besucher und Händler", schreibt er. Die Straßen, die als Zubringer zur fußläufig schnellen Erreichbarkeit des Einzelhandels gedacht seien, seien "zum großflächigen Parkplatz verkommen".
Muttis und ihre raumgreifenden Wendemanöver
Der Einzelhandel sei "auch ohne Corona mittlerweile stark weggebrochen", die Parkplätze nutzten die Angestellten der Innenstadt, die Bewohner und die Kunden, welche die Geldautomaten der Banken besuchten. "Mal schnell ins Städtle" – damit greift Rau ein Wort der "Städtleinitiative" auf – gelte "auch für die Muttis, die ihre Kinder mit oft sehr großen Fahrzeugen täglich durch das Viertel zur Schule transportieren und dort mit raumgreifenden Wendemanövern den Straßenraum unsicher machen".
"Das Hufeisen ist kein Parkplatz"
Die große Herausforderung sieht Rau darin, "die Bürger und den Handel davon zu überzeugen, dass das Hufeisenviertel kein Parkplatz ist und die Fahrzeuge außerhalb des Viertels untergebracht werden müssen, sofern sie auf dem Wohn- oder Geschäftsgrundstück selbst keinen Parkplatz nachweisen können", betont der Architekt unverblümt. Parkplätze an der Peripherie zu schaffen – damit habe Albstadt zwar begonnen, dort für weitere fehlten die Grundstücke.
"Allein für diese Feststellung hat es sich gelohnt"
Mit seiner Analyse sieht sich Rau in guter Gesellschaft und zitiert "Lehen Drei": "Der öffentliche Raum ist größtenteils geprägt durch parkende Pkws und viel Verkehr. Dadurch ist keine Aufenthaltsqualität im Quartier vorhanden. Nicht nur die hohe Verkehrsbelastung und die fehlende Aufenthaltsqualität und Freiraumgestaltung" kennzeichneten das Quartier, auch bei vielen Wohngebäuden gebe es Modernisierungsrückstände. Rau ergänzt: "Diese Feststellung bereits lohnte schon die Bestellung eines auswärtigen Planerbüros. Denn denjenigen, die schon immer ahnten, dass der Verkehr das Viertel zerstört hat, wurde nicht geglaubt, und diejenigen, die das nicht wahrhaben wollten, hatten die Auseinandersetzung darüber in Unkenntnis der komplexen Zusammenhänge leider durch eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit verhindert."
Die Anwohner sind die Verlierer
Die Fußnote dieses Satzes führt zur Internetseite www.zukunft-in-albstadt.de, auf der die Mitglieder der "Städtleinitiative" Vorfahrt für Kundenparkplätze im Hufeisen, den Rauswurf der Dauerparker, eine Einbahnstraßenregelung und die Einbindung der Kurzzeitparkplätze ins Parkleitsystem fordern. Fußnote zur Fußnote: Der Protest der Initiative gegen die einstigen Pläne der Stadt, die Zahl der Kundenparkplätze im Hufeisen zugunsten der Zahl der Anwohnerparkplätze zu verringern, ist Makulatur. Denn die Pläne wurden nie umgesetzt – im Gegenteil: Zwar dürfen Anwohner mit Parkausweis auf dem neuen Parkplatz Langwatte – anders als vor dessen Sanierung – nicht mehr parken. Zusätzliche Parkplätze haben sie dafür im Hufeisen nicht bekommen, sind somit schlechter gestellt als vorher, ohne dass dies das Ladensterben in der Innenstadt gebremst hätte.
Ein Schmuckstück als gelungenes Beispiel
Lichtblicke sieht Friedrich Rau immerhin auf dem Immobilienmarkt und listet – auch bildlich – eine Reihe von Häusern auf, die in den vergangenen Jahren den Besitzer gewechselt hätten und saniert worden seien, darunter das prominenteste Beispiel in der Grüngrabenstraße 64: Das so genannte "Schlössle" hat der Architekt Bernd Haensch vor dem Verfall gerettet, zu einem gelungenen Mehrfamilienhaus und zum Schmuckstück in der Sichtachse Landgraben ausgebaut. Auch er selbst ist dort eingezogen.
"Ghettobildung und Vorort-Slum"
Die "Verwaltung als Kontrollinstanz" fordert Friedrich Rau indes ganz deutlich auf, die Entwicklung des dynamischen Immobilienmarktes im Hufeisen "genau zu beobachten und bei zu vermutenden Fehlentwicklungen einzugreifen", zumal die Bodenpreise anzögen. Gleichzeitig kritisiert er, dass die Wohnblocks in der Wilhelm-Dodel-Gasse 4 und Kapellstraße 2 einer "Ghettobildung" Vorschub leisteten, die Blockrandbebauung entlang der Schütte an ein "Vorort-Slum" erinnere. Dabei wohnten in den beiden Bereichen – laut einer Erfassung von 2017 – 26 Prozent der Einwohner des Hufeisens.