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Horb a. N. Mord in Nordstetten: Hintergründe zum Urteil

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Iyad B. wird in den Gerichtssaal geführt. Er schützt sein Gesicht mit einem Aktendeckel. Foto: Lück

Rottweil/Horb - Die Angehörigen des ermordeten Immobilienunternehmers Michael Riecher (57) sind enttäuscht. Die ältere Schwester des Opfers sagt: "Dann werden wir in ein oder zwei Jahren den Tätern in Horb begegnen, wenn sie auf Bewährung wieder draußen sind." Die Zwillingsschwester sagt nach dem Urteil der Schwurgerichtskammer: "Was? So wenig?"

Das Urteil im Riecher-Mordprozess ist gefallen: der syrische Flüchtling Mohammed O. (29) wurde wegen räuberischer Erpressung zu sechs Jahren verurteilt, sein Komplize Iyad B. (33) zu vier Jahren und sechs Monaten. Kein Urteil wegen Mordes. Kein Urteil wegen Totschlags.

Beweisaufnahme kann Täter nicht überführen

Der Grund: Weil auch die Beweisaufnahme in 29 Verhandlungstagen keine objektiven Erkenntnisse brachte, dass Riechers Schützling Mohammed O. wirklich den Immobilienunternehmer erwürgt hat, kann nicht ausgeschlossen werden, dass es auch Iyad B. war. Deshalb hat sich das Gericht dafür entschieden, wie der Schwarzwälder Bote schon berichtet hatte, "alternative Tatsachengrundlagen" für sein Urteil zu Grunde zu legen. Der Vorsitzende Richter Karlheinz Münzer: "Durch wessen Hand Michael Riecher zu Tode gekommen ist, konnte die Kammer nicht klären!"

Staatsanwaltschaft und Nebenkläger hatten für eine lebenslange Verurteilung von Mohammed O. wegen Mordes bei besonderer Schwere der Tat plädiert. Weil er es gewesen sei, der das Opfer erwürgt hat. Münzer: "Der andere Geschehensablauf, wie von Staatsanwaltschaft und Nebenklage plädiert, mag wahrscheinlicher sein. Sogar viel wahrscheinlicher sein. Ob ein alternativer Geschehensablauf (gemeint: Iyad hat Riecher erwürgt, Anm. d. Red.) ausgeschlossen werden kann, vermochte die Kammer nicht entscheiden. Dass O. das Opfer eigenhändig erwürgt hat, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Deshalb gilt ›in dubio pro reo‹ (Im Zweifel für den Angeklagten). Für beide Angeklagten wird deshalb der günstigste Sachverhalt bewertet."

Das heißt: Die Kammer hält es für möglich, dass entweder O. oder B. der Mörder war. Weil aber unklar ist, wer es war, wird Mord oder Totschlag bei der rechtlichen Bewertung außen vor gelassen. Sondern nur das minder schwere Delikt "räuberische Erpressung" verurteilt.

Nebenkläger Rüdiger Kaulmann hatte in seinem Plädoyer gesagt, dass er sich auch vorstellen kann, dass Iyad Riecher erwürgt hat. Um den Raub zu verdecken. Weil das Opfer ihn nach O. gefragt hatte und er Angst hatte, entdeckt zu werden.

Fakt ist: Die Ermittlungspannen nach dem Auffinden der Leiche haben sicherlich nicht dazu beigetragen, mögliche Spuren von O. am Opfer zu finden. Die Leiche wurde nach der Obduktion gewaschen, bei der Leichenschau wurde der Tote entkleidet.

Richter Münzer: "Bei dieser Kritik an den Ermittlern wurde ein wesentlicher Punkt außen vor gelassen. Es war ein Todesermittlungsverfahren am Anfang. Dort wird lediglich eine hypothetische Beweissicherung für den Fall der Fälle gemacht. Erst nach der Obduktion stand fest, dass es ein Todesermittlungsverfahren gibt. Und das ist geprägt von Mohammed O.. Durch sein Tarnen, Tricksen, Täuschen. Die Mitnahme des Oberhemdes des Opfers. Das Betreten der Wohnung mit dem vermeintlich zufälligem Auffinden der Leiche – mit Zeugen, die er für seine Zwecke nutzen wollte. Durch die gravierende Änderung des Spurenbildes durch ihn. Die Ermittler haben dann jeden Stein umgedreht."

Der Richter später in der ausführlichen Begründung: "O. war nach dem Geschehen am Tatort klar, dass am Leichnam Spuren von ihm zu finden sind. Er hat dann den nächsten Plan entwickelt: Die Leiche mit möglichst vielen Personen zu finden. Den Leichnam dann vor diesen Zeugen zu berühren. Damit es plausibel erscheint, dass auch seine Spuren am Leichnam zu finden sind."

Schon unmittelbar nach der Tat habe O., so die Erkenntnisse der Kammer, alles getan, damit ihn viele Zeugen sehen. Er habe erst einem Bekannten in der Hirschgasse um 19.52 Uhr geliehenes Geld zurückgezahlt und sei dann in den Kaufland gegangen, damit ihn viele Zeugen sehen.

War Tod des Opfers nie geplant?

Doch warum reicht das nicht für eine Verurteilung zu Mord oder Totschlag? Die Schwurgerichtskammer geht davon aus, dass weder Mohammed O. noch Iyad B. die Tötung des Opfers vor der Tat geplant haben. Richter Münzer: "In all dem, was wir von den Zeugen gehört haben, ging es bei den Tatplanungen nie darum, das Opfer zu töten. Dagegen spricht auch, dass beide Angeklagte beim Überfall ohne Waffen waren. Wir gehen deshalb von einer Komplikation im Ablauf der Tat aus und einem Mordexzess. Nur so ist zu erklären, dass die Ermittler 7600 Euro Bargeld im Schlafzimmer, Goldmünzen und Bargeld in Höhe von 500 Euro im Geldbeutel des Opfers fanden. Das spricht gegen eine geplante Tötung. Sonst hätte man die Wohnung weiter abgesucht!"

Das Fazit der Schwurgerichtskammer, so Karlheinz Münzer: "Es bleibt, so unbefriedigend es sein mag: Eine gemeinschaftliche räuberischer Erpressung der beiden Angeklagten liegt vor."

Und warum hat Mohammed O. mit sechs Jahren mehr bekommen aus Iyad? Richter Münzer erklärt: "Er hat lange und intensiv die Tat vorbereitet und strebte eine hohe Beute an. Er warb Mittäter für die räuberische Erpressung an. Er hat das Opfer in der eigenen Wohnung überfallen, hat sein nahes Verhältnis zu Michael Riecher ausgenutzt. Im Nachgang hat er noch versucht, Zeugen zu beeinflussen."

Der Komplize Iyad B. –­ staatenloser Palästinenser – wurde zu vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Warum das? Münzer: "Bei ihm ist weit mehr auf der Habenseite. Er hat bei der Polizei ein frühes Geständnis abgelegt. Er zeigte Reue, hat sich entschuldigt und seinen eigenen Beuteanteil zurückgezahlt. Allerdings: Er ist in die Wohnung seines kranken Opfers eingedrungen, hat ihn niedergerungen. Er hat sich schon im Vorfeld damit abgefunden, dass der Tod des Opfers durch die Vorerkrankung der Lunge eintreten kann. Das gibt der Tat ihr besonderes Gepräge."

Mehr zum Mord in Nordstetten lesen Sie auf unserer Themenseite.

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