Hatten viel zu besprechen (von links): Hanna Stauß, Johannes Kretschmann, Alexander Korn, Markus Ringle und Wolfgang Kowalczyk beim Rundgang durch Korn Recycling. Foto: Schilling

Wie hält es Johannes Kretschmann mit dem Heizkraftwerk, das die Firma Korn Recycling unter dem Malesfelsen bauen will? Der Bundestagskandidat der Grünen beantwortete die Gretchenfrage beim Besuch bei Korn weder mit einem "Dafür" noch einem "Dagegen".

Albstadt-Ebingen - Alles andere hätte auch ziemlich überrascht. Wäre Korn für Kretsch­mann der "Gottseibeiuns", als den viele Gegner des Müllverbrennungsprojekts das Unternehmen sehen, dann hätte er kaum in dessen Ebinger Zentrale vorbeigeschaut. Blankoschecks auszustellen kann er sich allerdings auch nicht leisten, und auf "Blanko" wäre es für ihn als Außenstehenden wohl hinausgelaufen. Was ihm offensichtlich vertraut war, das war das Grundproblem: Wer sich für Klima-, Umwelt- und Naturschutz engagiert, gerät unweigerlich in Zielkonflikte – die Windkraft ist wahrscheinlich das schlagendste, aber nicht das einzige Beispiel.

Siehe Korn. Nach wie vor wird bei der Zementproduktion Kohle verfeuert, die im Zweifelsfall zuvor um die halbe Welt verschifft wurde, beispielsweise aus Australien, das zu den größten Förderländern der Welt zählt – es ist mit einiger Sicherheit bekömmlicher fürs Klima, die Holcim-Öfen mit Ersatzbrennstoff aus dem Hause Korn zu befeuern als mit Qualitätskohle von "Down Under".

Technisch voll auf der Höhe der Zeit

Ob mit dieser Alternative allerdings schon alle Möglichkeiten, den Kohlendioxidausstoß zu minimieren, ausgeschöpft sind, steht auf einem anderen Blatt, aber das ist ja gerade das Problem: "Es gibt keinen Punkt, an dem wir sagen könnten, wir seien zufrieden", kommentierte Johannes Kretschmann – das Bessere ist immer des Guten Feind.

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Was aber gut und was besser ist, hängt von den Umständen ab. Alexander Korn, der Firmenchef, und Wolfgang Kowalczyk, Mitglied der Geschäftsführung, zeigten Kretschmann und seinen Begleitern Hanna Stauß, der Vorsitzenden der Grünen Jugend in Sigmaringen, und dem Albstädter Stadtverbandschef Markus Ringle auf, dass sie bei der Abfallsortierung technisch auf dem neuesten Stand der Dinge sind und den Vergleich mit der um ein Vielfaches größeren Konkurrenz nicht zu scheuen brauchen. Zehn Nahinfrarotsortiersysteme, sechs Elektromagneten, jeweils drei Ballistikseparatoren, Vor- und Nachzerkleinerer, dazu Langteilescheider, Zick-Zack-Sichter, Vibrationssieber, Spannwellensiebe, Induktions- und Röntgensortiersysteme und Metalldetektoren kommen zum Einsatz; der technische Aufwand ist immens, und Alexander Korn findet, dass das beileibe nicht hinreichend gewürdigt wird.

Korn: Kommunen mögen es preisgünstig

Korn erbost es, dass nicht zuletzt die Kommunen, weit davon entfernt, technische Investitionen zu honorieren, gern der günstigeren Lösung – beispielsweise der Abfallverbrennung im billigeren Ausland – den Vorzug geben, statt sich für die hochgerüstete und entsprechend teurere einheimische Technik zu entscheiden. Hinzu komme, das die Entwicklung derartiger Technik durch Sicherheitsauflagen erschwert werde: Röntgensortierung weiterentwickeln, das gehe heute kaum noch – man stehe mit einem Bein im Gefängnis.

Indes ist es auch mit avanciertester Technik derzeit nicht möglich, wesentlich mehr als 30 Prozent der Abfälle einer Verwertung zuzuführen. Weshalb? Weil sich die meisten Verbundstoffe nicht so trennen lassen, wie es nötig wäre, weil beispielsweise die Automobilindustrie kalkuliert Kunststoffe mit Schwermetallen anreichert, damit sie nicht so leicht brennen. Man müsste, sagt Alexander Korn, die gesamte Fertigung umstellen und von vorneherein die Option Recycling berücksichtigen, um die Möglichkeiten der Wiederverwertung nachhaltig zu steigern. Aber so weit sei die Wirtschaft offenbar noch nicht.

Wäre sie es, dann wären etwaige Vorzüge des Energieträgers Ersatzbrennstoff vielleicht kein Thema. Aber so wie die Dinge stehen, wird sich die Frage, was in der jeweiligen Situation gut und was besser ist, nach der Aussagekraft von Emissionswerten und den Nachteilen von Tallagen weiter stellen. Johannes Kretsch­mann hatte bei seinem Besuch in Ebingen auch keine letztgültige Antwort parat.

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