Die Frage, wo Babys künftig zur Welt kommen sollen, treibt etliche Menschen im Raum Calw um. Foto: © Simon Dannhauer - stock.adobe.co/Simon Dannhauer

Frauenarzt und Geburtshelfer Günter Oettling nennt zahlreiche Gründe, warum die Geburtshilfe – entgegen den Plänen des Klinikverbunds – in Calw besser aufgehoben wäre als in Nagold. Nicht zuletzt lässt der Mediziner auch eines der „gegnerischen“ Argumente nicht gelten.

Die Pläne des Klinikverbunds Südwest, die Geburtshilfe von Calw nach Nagold zu verlegen, sorgen weiter für Unruhe – und für teils schlimme Befürchtungen. Nun meldet sich Günter Oettling zu Wort. Der promovierte Frauenarzt und Geburtshelfer, der in Calw tätig ist und auch zeitweise im dortigen Krankenhaus arbeitet, führt in einer Stellungnahme zahlreiche Argumente an, warum die Geburtshilfe in Calw bleiben sollte.

 

Jede Minute zählt Denn, so Oettling, nicht nur bei Herzinfarkt oder Schlaganfall gehe es um jede Minute. Entsprechendes gelte auch für die allerkleinsten Mitbürger sowie deren Mütter und Väter. Um dies zu untermauern führt Oettling eine Analyse von Geburtsverläufen ins Feld, die belege, dass – sollte die Geburtshilfe in Calw wegfallen – im nördlichen Landkreis pro Jahr etwa 20 Babys auf der Landstraße zur Welt kommen würden. Weil die Zeit schlicht nicht ausreiche, um rechtzeitig die Geburtsklinik zu erreichen.

Und „20 Landstraßen-Geburten heißt 20 gefährdete Neugeborene, 20 gefährdete Mütter und 20 maximal gestresste Väter!“, führt der Arzt aus.

Warum Calw? Der Experte sieht jedoch mehrere Gründe, die dafür sprechen würden, die Geburtshilfe in Calw zu behalten, statt diese nach Nagold zu verlagern. Da wäre beispielsweise „zunächst die Tatsache, dass ohne Calw zahlreiche junge Familien innerhalb von 30 bis 40 Minuten keinen Kreißsaal mehr erreichen könnten“, argumentiert Oettling. Dieses Problem bestehe ohne Geburtsklinik in Nagold selbst dann nicht, wenn die Herrenberger Klinik schließe.

„Als Steuerzahler sträuben sich mir die Haare!“

Darüber hinaus seien in Calw bereits Millionenbeträge für die Geburtsklinik investiert und verbaut worden, wogegen eine neue Frauenklinik in Nagold erst noch mit zusätzlichen Investitionen und Bau- oder Umbau-Maßnahmen „aus dem Boden gestampft werden müsste. Nicht nur als Geburtshelfer, auch als Steuerzahler sträuben sich mir die Haare!“, ärgert sich der Frauenarzt.

Drittens benötige der Kindernotarztwagen für die rund 26 Kilometer vom Flugfeld nach Calw 25 Minuten, für etwa 35 Kilometer nach Nagold braucht dagegen rund sieben Minuten länger. Zu diesem Ergebnis komme zumindest der Falk-Routenplaner. „Das kann bei reanimations-bedürftigen Neugeborenen über Leben, bleibende Behinderung oder Tod entscheiden“, gibt Oettling zu bedenken. „Und die geäußerte Absicht, einen Hubschrauber einzusetzen, wird in der Realität häufig scheitern, da der Hubi bei kritischen Wetterbedingungen nicht fliegen kann und häufig nicht verfügbar ist, von den höheren Kosten ganz zu schweigen.“

Eher Böblingen als Nagold

Viertens hält der Arzt die im Lohfert-Gutachten prognostizierten Geburtenzahlen für eine Geburtsklinik in Nagold (nach der Schließung von Herrenberg und Calw) für unrealistisch. „Nach 25 Jahren als Geburtshelfer in Calw kann ich die Motive der Eltern bei der Entscheidung für eine Entbindungsklinik einigermaßen einschätzen“, meint Oettling. Er rechne damit, dass die schwangeren Paare in der Calwer Region sich eher für Böblingen (26 Kilometer) oder Pforzheim (28 Kilometer) entscheiden würden als für Nagold (30 Kilometer).

„Dabei spielen neben der Fahrzeit auch psychologische Barrieren eine wesentliche Rolle“, ist er überzeugt. Auch zahlreiche Herrenberger würden eher nach Böblingen (wo es auch eine Kinderklinik gibt) oder sogar Tübingen ausweichen, statt nach Nagold zu fahren – zumal die Fahrzeit nach Böblingen rund zwei Minuten geringer sei. Die derzeit hohen Geburtszahlen in Herrenberg würden zudem zu einem guten Teil darauf beruhen, „dass viele Paare aus dem Bereich Tübingen, die eine universitäre Großklinik vermeiden wollen, bisher in Herrenberg entbinden. Es kann bezweifelt werden, dass diese Paare die längere Strecke nach Nagold in Kauf nehmen werden“. Auch aus Freudenstadt, das über eine Kinderklinik verfügt, würden nach Ansicht des Frauenarztes wenige zur Entbindung nach Nagold fahren.

24-Stunden-Anästhesie Nicht zuletzt lässt Oettling auch eines der Argumente, das für Nagold genannt wird, nicht gelten. So erklärte der Klinikverbund, dass es in Nagold auch perspektivisch eine 24-Stunden-Anästhesiepräsenz geben, die für eine Geburtshilfe gebraucht wird. Diese sei allerdings auch in Calw gewährleistet – andernfalls könne dort auch keine Unfallchirurgie vorgehalten werden, die ebenfalls auf die Anästhesie angewiesen sei. Letztere lohne sich zudem erst so richtig, wenn es auch eine Geburtshilfe gebe.

Fazit „Deshalb: Geburtshilfe in Calw belassen und eventuell die Herrenberger Geburtshilfe nach Calw integrieren“, folgert Frauenarzt Oettling abschließend. „Mit gutem Willen und etwas Fantasie lässt sich das einfacher und billiger verwirklichen als eine neue Geburtsklinik in Nagold aus dem Boden zu stampfen.“