Die Bürgerinitiative Gesundheitsversorgung Landkreis Calw fürchtet das Schlimmste für Calw, sollte das Medizinkonzept 2030 – das perspektivisch unter anderem einen Abzug von Geburtshilfe und Kardiologie vorsieht – umgesetzt werden. Nun wollen die Akteure kämpfen.
Viele Jahre lang hatte sich der Verein „Pro Krankenhäuser Calw und Nagold“ für die im Namen enthaltenen Einrichtungen eingesetzt. Mit der Sanierung des Nagolder Hauses und dem Bau des Gesundheitscampus in der Hesse-Stadt schien dieser Zweck erfüllt. 2021 gaben die Akteure bekannt, sich den neuen Namen „Bürgerinitiative (BI) Gesundheitsversorgung Kreis Calw“ zu geben und sich neu aufzustellen.
Seit das neue Medizinkonzept 2030 für den Klinikverbund Südwest, zu dem auch die Krankenhäuser in Calw und Nagold gehören, vor wenigen Wochen vorgestellt wurde, scheint das alte wieder das neue Ziel zu sein. Denn im Kreis Calw soll die Geburtshilfe von Calw nach Nagold verlagert werden, Calw zudem perspektivisch keine Kardiologie mehr vorhalten. Ein Konzept, das unlängst auch im Calwer Gemeinderat für massiven Unmut sorgte.
Vorgeschichte Die Bürgerinitiative erinnert nun in einer ausführlichen Stellungnahme zunächst daran, dass die Entscheidung, keine Zentralklinik zwischen Calw und Nagold zu schaffen, aus gutem Grund getroffen worden sei. Und zwar „aus versorgungspolitischen Gründen“, aufgrund weiter Wege im Landkreis.
Weil bei Herzinfarkt und Schlaganfall jede Minute zähle, müssten diese sowohl in Calw als auch in Nagold behandelt werden können. Andernfalls könne es zu Todesfällen während des Transports kommen. Deshalb sei vor vielen Jahren neben dem bestehenden Links-Herz-Katheter in Calw auch im südlichen Landkreis ein solcher in Nagold eingerichtet worden. Warum die Entfernungen nun nicht mehr zeitkritisch sein sollten, erschließe sich nicht.
Finanzen Ferner prangert die Bürgerinitiative an, dass das zuvor beschlossene Medizinkonzept 2021 Kosten in Höhe von 130 Millionen Euro für die Renovierung und Erweiterung des Nagolder Hauses sowie 110 Millionen Euro für das neue Krankenhaus mit Gesundheitscampus (zuzüglich rund 60 Millionen durch Fremdinvestitionen) zur Folge habe. „Hiervon vor Inbetriebnahme in Bezug auf Calw abzurücken, ist weder sachgerecht noch der Bevölkerung vermittelbar und stellt die Verschwendung von Steuergeldern dar“, heißt es in einem Schreiben des BI-Vorsitzenden Bernd Neufang.
Warum abrücken? Fest steht: Die Verunsicherung angesichts möglicher Auswirkungen der anstehenden Krankenhausreform des Bundesgesundheitsministeriums um Minister Karl Lauterbach ist groß. Dabei, so argumentiert die Bürgerinitiative, seien daraus „derzeit keine Folgerungen für laufende Projekte zu ziehen“. Minister Lauterbach selbst habe das Ende April in einem Schreiben bestätigt.
Die Besonderheiten des ländlichen Raums müssten berücksichtigt und entsprechend Infrastruktur für zeitkritische Erkrankungen vorgehalten werden.
Es sei nicht nachvollziehbar, warum die Entscheidungsträger des Landkreises – Landrat Helmut Riegger nimmt die BI hiervon explizit aus – noch vor Fertigstellung des Krankenhauses im Gesundheitscampus von ihrer früheren Entscheidung abrücken wollen.
Probleme Böblingens? Die Bürgerinitiative vermutet, dass der Kreis Böblingen mit dem neuen Gutachten, das dem Medizinkonzept 2030 zugrunde liegt, versuche, eigene Probleme zu lösen. Die wiederum würden durch „ein völlig überdimensioniertes Flugfeld-Klinikum“, das sich aktuell im Bau befindet, entstehen. Und durch die Schließung der Geburtshilfe in Herrenberg. Herrenbergs Klinik soll den Plänen zufolge im Prinzip den Status als klassisches Krankenhaus verlieren.
Der Landkreis Calw sei jedoch nicht dafür zuständig, die Probleme des Landkreises Böblingen zu lösen.
Calw werde im Gutachten indes schlecht dargestellt und die Entwicklungen durch Hesse-Bahn, den Gesundheitscampus und der etwaigen Verlagerung der Paracelsus-Klinik in den Gesundheitscampus würden keinen Niederschlag finden.
Unattraktiver Arbeitgeber? Nicht zuletzt sei ein Krankenhaus, wie es laut Gutachten vorgeschlagen werde, „für das ärztliche und pflegerische Personal völlig unattraktiv“, schreibt der Vorsitzende der BI. Schon jetzt werde Calw personell schlechter behandelt – und die Diskussion vonseiten des Klinikverbunds über die Ergebnisse im Gutachten hätten bereits dazu geführt, „dass qualifiziertes Personal gekündigt hat“.
Fazit der Bürgerinitiative Die BI kommt am Ende zu einem klaren Ergebnis. Beschließe der Kreistag eine Abweichung vom Medizinkonzept 2021, sei – „trotz aller Beteuerungen – damit zu rechnen, dass Calw in relativ kurzer Zeit das Schicksal von Herrenberg ereilt“, folgert Neufang.
Die Bürgerinitiative Gesundheitsversorgung Landkreis Calw spreche sich daher weiterhin gegen eine Fusion der Kreiskliniken Calw Nagold gGmbH aus und lehne das Medizinkonzept 2030 entschieden ab. „Wir erwarten zudem vom Kreistag, dass er Maßnahmen ergreift, den Slogan ‚Ein Krankenhaus an zwei Standorten‘ mit Leben zu erfüllen“, fordert die BI.
Infoveranstaltung
Die Bürgerinitiative Gesundheitsversorgung Landkreis Calw
wird am Freitag, 29. September, ab 19.30 Uhr zu einer Informationsveranstaltung zum geplanten Medizinkonzept 2030 und seine Auswirkungen auf den Krankenhausstandort Calw einladen. Hierzu wird die BI Landrat Helmut Riegger, der in seinen Bemühungen zur Umsetzung des Medizinkonzepts 2021 und des Gesundheitscampus unterstützt werde, der Geschäftsführer des Klinikverbunds, Alexander Schmidtke, sowie die Kreisräte des Landkreises Calw eingeladen.