Der Gesundheitscampus im Stammheimer Feld ist noch nicht fertig, schon werden Abteilungen möglicherweise wieder verlagert. Foto: Thomas Fritsch

Dass das Krankenhaus in der Hesse-Stadt Geburtshilfe und Kardiologie verlieren soll, stößt im Calwer Gemeinderat auf großen Widerstand. Adrian Hettwer, Ratsmitglied und stellvertretender Vorsitzender der Kreisärzteschaft, fürchtet gar eine Kettenreaktion, die auch andere Ärzte abschrecken könnte.

Die Nachricht schlug vielerorts ein wie eine Bombe: Der Klinikverbund Südwest, zu dem auch die Krankenhäuser in Calw und Nagold gehören, präsentierte Anfang des Monats ein neues Medizinkonzept. Ein Konzept, demzufolge einige Standorte des Verbunds zugunsten anderer deutlich Federn zu lassen scheinen.

 

So soll das Flugfeldklinikum, das derzeit in Böblingen gebaut wird, zum Maximalversorger ausgebaut werden; im Leonberger Krankenhaus würden dafür die interventionelle Kardiologie sowie die Gefäßchirurgie wegfallen. Das Herrenberger Haus verliert mit dem Konzept im Prinzip den Status als klassisches Krankenhaus sowie die Geburtshilfe-Abteilung und eine 24-Stunden-Notfallbetreuung.

Im Kreis Calw soll die Geburtshilfe von Calw nach Nagold verlagert werden. Das Nagolder Krankenhaus soll „umfassender Schwerpunktversorger“ werden, Calw zudem perspektivisch keine Kardiologie mehr vorhalten. Die 24-Stunden-Versorgung bleibe aber gewährleistet.

Petition Nicht wenige Menschen aus dem Raum Calw zeigten sich in den vergangenen Wochen schockiert angesichts dieser Entwicklungen. Auch Mitglieder des Calwer Gemeinderats. „Was jetzt kommt, ist eigentlich nur eine Durchreiche“ in andere Krankenhäuser, meinte beispielsweise Bernhard Stopper (Neue Liste Calw) unzufrieden. Entsprechend forderte er das Gremium zu einer Petition auf, die sich gegen das neue und für das alte Konzept aussprechen solle.

Dieser Ansicht folgten nicht wenige Ratskollegen – da das Ganze unter dem Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ besprochen wurde, unter dem keine Anträge gestellt werden können, wurde das jedoch vorerst vertagt.

Ärger Ihren Ärger bekundeten dennoch auch viele andere. Evelin Menges (SPD) sprach von einem „gerupften Vogel“, der nun von der Taube auf dem Dach bleibe, die es statt des Spatzes in der Hand (dem bisherigen Krankenhaus) geben sollte. Irmhild Mannsfeld (Neue Liste Calw) ärgerte sich unter anderem über die Verlagerung der Geburtshilfe – weil in Calw alles da sei, in Nagold aber erst noch geschaffen werden müsse. „Was da Steuergelder kaputt gemacht werden, das ist das allerletzte.“

Das sagt der Oberbürgermeister Auch Calws Oberbürgermeister Florian Kling machte deutlich, wie sehr er die aktuelle Entwicklung bedauere und wie wenig ihm diese gefalle. Besonders fatal sei, dass die neuen Gesetze in Sachen Kliniken nicht mal gemacht seien, und dennoch bereits versucht werde, Tatsachen zu schaffen. Dass man in Calw „den Stöpsel zieht“, noch bevor gebaut sei – obgleich etliche Menschen vom Gesundheitscampus überzeugt seien. „Strategien muss man auch durchhalten“, mahnte er. Die Entscheider im Kreis Calw würden aktuell von der Sorge um die Finanzen getrieben. 2023 wird der Klinikverbund voraussichtlich 70 Millionen Euro Defizit einfahren. Bedenklich sei, „dass man sich von Böblingen über den Tisch ziehen lässt“.

Natürlich bringe ein Verbund Vorteile; allerdings fragte er sich, warum die Angst so groß sei, die Kliniken im Kreis auch ohne diesen zu betreiben. Das entstehende Klinikum auf dem Flugfeld Böblingen wiederum sei „viel zu groß konzipiert“; daher müssten zwangsläufig Abteilungen andernorts abgezogen werden, um mit dieser Klinik in die nächste Versorgungsstufe aufzusteigen.

Dass der Kreis Calw nicht an einem Strang ziehe und mit dem neuen Konzept zudem der Finger in die Wunde der Konkurrenz zwischen Calw und Nagold gelegt werde, spiele Böblingen in die Karten. Kling betonte daher auch, dass sich seine Ausführungen ganz und gar nicht gegen Nagold richten würden. Vielmehr wünsche er sich mehr Einigkeit im Kreis Calw. Das würde allen in der Region zugutekommen.

Andere Sichtweise Einen anderen Standpunkt vertrat indes Bernhard Plappert (CDU), der abseits des Ratstischs als Kardiologe arbeitet. So spielten bei der Krankenhausreform Qualitätskriterien eine besondere Rolle. Und nach jetzigem Stand werde es wohl für viele Kliniken in manchen Bereichen schwierig, diese zu erfüllen. Geschehe das nicht, fließe kein Geld. Würden die Standards schon gelten, dürfte aktuell nur in Sindelfingen ein Herzkatheter betrieben werden.

Hinsichtlich der Geburtshilfe erklärte er, dass das Gesamtkonzept betrachtet werden müsse. Schließe die Geburtshilfe in Herrenberg, bekomme der südliche Kreis um Nagold ein Versorgungsproblem. In Calw bewege sich die Geburtenzahl bei etwa 500 pro Jahr. Es würden aber eigentlich 700 bis 800 pro Jahr gebraucht, um nicht geschlossen zu werden. Am Ende könnte es dann gar keine Geburtshilfe mehr im Kreis Calw geben. Wobei Kling zu bedenken gab, dass es für Nagold aktuell gar keine Zahlen gebe – und dass Herrenberger eher nach Tübingen statt nach Nagold fahren würden.

Obgleich Plappert um Verständnis für das neue Vorhaben warb, machte er indes dennoch klar, dass es für eine Entscheidung seines Erachtens nach viel zu früh sei – weil dafür noch viel zu viele Grundlagen der Reform fehlten.

Befürchtungen Adrian Hettwer (GfC), stellvertretender Vorsitzender der Kreisärzteschaft, fürchtete unterdessen auch um die medizinische Versorgung im Allgemeinen. Gerate die Notversorgung ins Wanken und das Calwer Krankenhaus schrumpfe, liefen auch andere Ärzte davon. Und „wenn alles bröckelt“, sei auch Calw als Wohnstandort in Gefahr.

Nicht zuletzt erklärte zudem Dieter Kömpf (Freie Wähler), auch Mitglied des Kreistags, dass er beim aktuellen Konzept nicht mehr an eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung in der neuen Calwer Klinik glaube. Der Grund? Wenn argumentiert werde, dass Calw den Betrieb einer funktionierenden Gynäkologie langfristig nicht gewährleisten könne, weil eine ausreichende Versorgung etwa mit Anästhesisten nötig sei – was also offenbar auch nicht gewährleistet werden könne – wie solle dann beispielsweise eine 24-Stunden-Unfallchirurgie funktionieren?