Die Arbeiten an der Hesse-Bahn laufen auf Hochtouren. Unser Foto zeigt, wie Ende Februar Schwellen und Schienen vom Tunnel Fuchsklinge Süd in Richtung Heumaden verlegt wurden. Foto: Karl Ulrich Schneider

Noch immer fehlt die Genehmigung für den Bau des Tunnel-im-Tunnel-Projektes, ohne das der Zug nicht fahren darf. Landrat Helmut Riegger macht dafür vor allem die überbordende Bürokratie verantwortlich. Der Unmut darüber ist groß – doch es gibt auch Zuversicht.

Die Geschichte der Hermann-Hesse-Bahn, die – wenn alles nach Plan läuft – 2025 fahren soll, ist untrennbar mit einer bestimmten Gruppe von Tieren verbunden: den Fledermäusen.

 

Die kleinen geflügelten Säuger tragen dabei am wenigsten Schuld – und doch sind sie derzeit der Grund, dass über dem Fahrtbeginn noch immer ein Damoklesschwert schwebt.

Denn für die Tunnel-im Tunnel-Lösung liegt noch immer keine Genehmigung vor. Und ohne diesen Fledermaus-Schutz wird kein Zug fahren dürfen. Doch dazu später mehr.

Der aktuelle Stand Insgesamt, so führte Holger Schwolow, Technischer Geschäftsführer im Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn, zu Beginn der jüngsten Sitzung des Zweckverbands aus, stehe es gut um das Projekt. „Wir bauen fleißig weiter. Jetzt sieht man immer mehr, was es wird“, meinte der Geschäftsführer.

Baulicher Höhepunkt am 25. Mai

Im September würden die endgültigen Schienen verlegt, im vierten Quartal Schranken für Bahnübergänge geliefert. Ein baulicher Höhepunkt stehe am 25. Mai an; dann hebt Europas größter Kran die 30-Tonnen-Fußgängerbrücke ein, die vom Turm des Calwer ZOBs zu den Gleisen führen wird.

Die Baukosten würden, einschließlich der noch kommenden Projekte Fledermaustunnel und Stützmauer „Im Hau“, inzwischen bei 96,6 Millionen Euro liegen.

Das Problem Renningen Doch dann gibt es noch so manches, was nicht wie vorgesehen verläuft. Als Kreisrat Philipp Jourdan (Grüne) etwa fragte, ob die Weichen, die in Renningen noch fehlen, ebenfalls an Pfingsten eingebaut werden, meinte Schwolow mit Galgenhumor: „Ja, die Frage ist nur in welchem Jahr.“

Tatsächlich habe die Deutsche Bahn eine Sperrpause über Pfingsten geplant – dies dann aber abgesagt. Und auf April 2025 vertröstet. Der Grund: Die Bahn müsse momentan zu viele Sperrungen gleichzeitig abwickeln und bekomme das schlicht nicht erledigt. Aber: „Das hat konkret erst mal keine Auswirkungen auf uns“, so Schwolow.

Einerseits könne diese Maßnahme auch später in wenigen Tagen erledigt werden, andererseits wäre es – auch wenn das weder dem Wunsch noch dem Plan entspreche – zudem möglich, anfangs eben nur bis Weil der Stadt zu fahren. Der Betrieb könnte trotzdem aufgenommen werden.

Das Problem Tunnel Eine größere Hürde – die wohl letzte große, die dem Projekt im Weg steht – stellt da die Tunnel-im-Tunnel-Lösung dar. Denn, so Landrat Helmut Riegger: „Wir kämpfen jetzt seit einem Jahr mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe“, sagte er. „Es geht langsam, es geht bedächtig und es ist schwierig.“

Gebaut werden darf nur von Mai bis September

Das Problem: Sind die Tunnel eingebaut, muss eine gewisse Zeit vergehen, bevor die erste Fahrt erfolgen darf, damit die Tiere sich an die neuen Gegebenheiten gewöhnen können. Diese Zeit erstreckt sich von Juli bis über den gesamten Winter. Und das Genehmigungsverfahren für den Bau ist noch nicht abgeschlossen.

Gebaut werden darf wiederum nur von Anfang Mai bis Mitte September eines jeden Jahres. Das Bauzeitenfenster ist eingeschränkt, weil das Bundesnaturschutzgesetz es unter anderem verbietet, wildlebende Tiere streng geschützter Arten in Fortpflanzungs- und Überwinterungszeiten erheblich zu stören.

Provisorien sind geplant

Mit anderen Worten: Dieses Jahr wird es nichts mehr mit dem Bau. Verschiebt sich also alles auf 2026 oder später? Nicht unbedingt.

Denn aktuell läuft ein Antrag, in den Tunneln bei Hirsau und Althengstett Provisorien zu errichten, die jeweils 40 Meter in die Tunneleingänge ragen, und die den Tunneln im Tunnel nachempfunden sind.

Ersatz für Eingewöhnung an „echten“ Einbauten

Das ersetze die Eingewöhnung an den „echten“ Einbauten, die dann im kommenden Jahr zügig eingebaut werden könnten und müssten. Das sei auch mit dem Naturschutzbund abgestimmt. Und: Anhand der Provisorien könnte schon vorab untersucht werden, wie die Tiere auf die Einbauten reagieren.

Doch auch dieses Vorhaben ist noch nicht genehmigt. Mit einer Genehmigung sei aber bis Ende Juni zu rechnen, so Schwolow.

Großer Ärger Dass all das im Zweckverbands-Gremium nicht sonderlich gut ankam, verwundert nicht. „Wenn man bei diesem Projekt nicht die Geduld verliert, muss man schon starke Nerven haben“, räumte Riegger ein. Die deutsche Bürokratie sei sehr schwierig geworden, „die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht mehr“, meinte der Landrat.

Bürokratie allein könne nicht die Schuld tragen

Kreisrat Volker Schuler (Freie Wähler) wurde noch deutlicher: „Ich halte es für eine Farce, was da abläuft“, ärgerte er sich. Es sei „abstrus“ wie schwierig alles sei.

Schuler erklärte zudem, die Bürokratie allein könne nicht die Schuld tragen, es liege auch an den Gesetzen. Und wenn diese so kompliziert seien, dass gute Projekte behindert würden, müsse man sich darum mal kümmern. „Da schießen wir uns doch selber ins Bein“, sagte er. Von Abgeordneten der „großen“ Politik sehe und höre er aber nichts, wenn es darum gehe, hier etwas zu ändern.

„Ich hab mit allen geredet“

Ostelsheims Bürgermeister Ryyan Alshebl stimmte grundsätzlich zu, fand die Vorwürfe aber zu abstrakt. Er fragte, ob es nicht möglich sei, sich mit der höchsten Ebene der Entscheidungen zu treffen, um etwas zu erreichen.

Riegger winkte ab. „Ich hab mit allen geredet“, unterstrich er, wurde später sogar noch deutlicher: „Ich telefoniere inzwischen mit jedem, der ‚Hermann-Hesse-Bahn‘ sagen kann.“

Alles schwer zu vermitteln

Und generell hätten alle Ebenen bekräftigt, hinter dem Vorhaben zu stehen und die geplante Fertigstellung Ende dieses Jahres im Blick zu haben. Insbesondere Verkehrsminister Winfried Hermann unterstütze die Hesse-Bahn.

Dass das alles schwer zu vermitteln sei, beklagte der Calwer Gemeinderat Jürgen Ott (Gemeinsam für Calw). Seit einiger Zeit würden viele Menschen anfangen zu lachen, wenn es etwa um den Starttermin der Hesse-Bahn gehe. Dabei könne er als Kommunalpolitiker gar nichts dafür. „Das stinkt mir gewaltig“, meinte er.

„Andere Saiten aufziehen“

Kreisrat Bernhard Plappert (CDU) erklärte, „solche Projekte können wir nicht über Jahrzehnte vor sich hin dümpeln lassen“.

Und Calws Oberbürgermeister Florian Kling betonte, wenn es mit der Genehmigung scheitere, müsse man „andere Saiten aufziehen“. Es wäre doch ein „Schildbürgerstreich“, auf einer eigentlich befahrbaren Strecke nicht fahren zu dürfen.

Trotz allem Zuversicht Am Ende zeigte sich Riegger indes trotz allem zuversichtlich. „Ich bin fest überzeugt, dass wir das hinkriegen“, sagte der Landrat. Eine Überzeugung, die auch der Infrastruktur-Dezernent des Landkreises, Andreas Knörle, teilte.

Fünf Mitarbeiter arbeiten Vollzeit und mit Überstunden

Letzterer wehrte sich zudem gegen den Vorwurf, das Projekt „dümpele“ vor sich hin. „Wir sind derartig mit Druck da dran“, bekräftigte er. Fünf Mitarbeiter seien aus anderen Abteilungen abgezogen worden, kümmerten sich Vollzeit und mit Überstunden nur um die Hesse-Bahn. Man stehe im täglichen Austausch mit dem Regierungspräsidium.

Und momentan spreche alles dafür, dass der Fahrtbeginn 2025 eingehalten werden könne.