Auswertungen und Ergebnisse des LKA-Experten liegen Prozessbeteiligten nicht vor.

Rottweil/Horb - Ein LKA-Experte sorgt für Schmunzel-Szenen im Gerichtssaal beim Riecher-Mordprozess: Zwei Stunden lang beschäftigt der technische Oberrat das Gericht. Wie aus einer Wundertüte zaubert er immer neue Überraschungen hervor. Höhepunkt: Ein Puzzle, an dem mindestens fünf kluge Köpfe verzweifeln.

Die Mittagspause ist vorbei. Der LKA-Experte soll Genaueres darüber ausführen, wie weit das WLAN vom Router des Opfers reicht. Er hatte die Messungen der Sonderkommission "Pfand" überprüft.

Erst läuft noch alles glatt: Der technische Oberrat beschreibt, wie er Riechers Fritz-Box gefunden hatte. Sagt: "Der Auswertebericht stimmt mit meinen Erkenntnissen im Wesentlichen überein. Das steht im Untersuchungsbericht vom 3. Dezember 2018." Staunen im Gerichtssaal: Denn in den Akten ist dieser Bericht nicht zu finden. Der LKA-Experte: "Den haben Sie nicht?" Richter Karlheinz Münzer schüttelt den Kopf. 15 Minuten Pause zum Kopieren. Er wird an alle Verfahrensbeteiligten verteilt.

Richter Münzer: "Eine Frage vorab. Im Bericht nehmen Sie Bezug auf einen Bericht der Mobilfunkaufklärung vom 9. November." Kristian Frank, Verteidiger von Iyad B: "Diesen Bericht haben wir gesucht, aber nicht gefunden. In den Akten ist nur einer vom 22. November." Der Richter fragt den Oberstaatsanwalt: "Ist Ihnen dieser Bericht bekannt?" Kalkschmid blättert, schüttelt den Kopf. Richter Münzer: "So ist es uns auch gegangen." Also wird wieder eine Kopier-Pause eingelegt.

Der LKA-Experte gerät ins Schwitzen. Sagt am Rande des Prozesses: "Hoffentlich stehe ich nicht morgen als der Depp vom LKA da!" Dann trägt er weiter vor. Erläutert seine Versuche am baugleichen Router von Riecher. Sagt dann: "Die Ergebnisse habe ich in eine Excel-Tabelle eingetragen. Die müssten Sie in den Akten haben. Dazu gibt es auch eine Fußnote auf Seite sieben in meinem ersten Gutachten."

Wieder Kopfschütteln auf der Richterbank. Der LKA-Experte: "Die Tabelle haben Sie nicht? Was soll ich machen?" Rechtsanwalt Frank schlägt vor, den gesamten USB-Stick, auf dem der LKA-Experte seine Unterlagen hat, zu kopieren. Richter Münzer will nicht soweit gehen. Fragt den Sachverständigen: "Sie brauchen die Excel-Tabelle, um ihre Erkenntnisse zu erläutern?" Der LKA-Experte bejaht. Münzer: "Das sind vier Seiten. Wir kopieren sie und verteilen sie an alle Verfahrensbeteiligten."

Wieder Unterbrechung und Pause. Insgesamt ist schon fast eine Stunde vergangen. Dann kommt die Justizangestellte mit den Kopien zurück. Die vier Verteidiger blättern die zusammengehefteten Blättern durch. Stellen sich mit Oberstaatsanwalt Kalkschmid an den Zeugentisch und versuchen, per Puzzle die hochkant gedruckten Seiten so zusammenzulegen, dass man durchgehende Zeilen der Tabelle hat. Rechtsanwalt Alexander Hamburg legt die Blätter nebeneinander. Versucht, die fehlenden Zeilen mit der bedruckten Rückseite der Kollegen zu ergänzen. Rechtsanwalt Frank: "Lassen Sie uns den Stick komplett kopieren!"

Richter Münzer: "Es ist schwierig, dass so nachzuvollziehen. Der Ausdruck der Tabellen hat so nicht funktioniert. Das jetzt abzugleichen, ist nicht möglich. Wir stellen diesen Komplex zurück."

Doch wer hat Schuld an diesen vergeblichen Puzzlespielen? Rechtsanwalt Frank schmunzelt: "Ich hätte schon zu Anfang einen Antrag stellen sollen, dass der Oberstaatsanwalt bestätigt, dass die Akten vollständig sind. Scherz beiseite: Der Staatsanwalt bekommt die Akten von den Sachbearbeitern der polizeilichen Ermittler. Offenbar kann er nichts dafür – und auch nicht der LKA-Experte."

Datenanalyse im Mordprozess

Rottweil/Horb - Welche Hinweise oder Beweise gibt es, dass der Hauptangeklagte Mohammed O. am Tatort war, als Michael Riecher am 2. November abends erwürgt wurde? Die App "Meine Orte" und der WLAN-Router des Opfers zeigen: Das bei O. beschlagnahmte iPhone war am Tattag ab 18.45 Uhr in der Nähe am Haus des Opfers.

Um die genauen Details dazu ging es beim jüngsten Prozesstag. Die Mobilfunkzellen-Analyse zeigt, dass Iyad B. am 31. Oktober zunächst in Ludwigsburg war. Um 19.09 Uhr buchte sich sein Smartphone in Stuttgart Stadtmitte ein. Hier soll er sich mit dem Friseur Hesham A. (Name geändert) getroffen haben.

Am 1. November – dem Tag vor der Tat – sind folgende Einbuchvorgänge im Handy-Netz durch Iyads Smartphone vorhanden: 8.20 Uhr Ludwigsburg Ost, 9.04 Uhr Stuttgart Mitte. Um 12.06 Uhr bucht sich das Smartphone in Horb ein. An diesem Vormittag, so erzählt der Friseur, habe er Iyad und O. zusammengebracht. Die dann Überfallpläne auf Riecher geschmiedet hätten, so Hesham. Um 18.21 Uhr bucht sich Iyads Smartphone in einem anderen Sendemast ein – laut Gutachter befand sich das Gerät zu dieser Zeit wohl irgendwo in Nordstetten.

Während der vermuteten Tatzeit – am 2. November zwischen 19 und 19.30 Uhr, war Iyads Smartphone in Horb eingeloggt. Die letzte Einbuchung am Tattag in Horb ist um 20.03 Uhr. Morgens um 4.38 Uhr loggt sich das Smartphone in Ludwigsburg ein. Klartext: Diese Sendemast-Daten zeigen, dass Iyad B. zwischen dem 1. und 2. November in Horb war.

Die SIM-Karte von Mohammed O. war zu diesem Zeitpunkt gesperrt. Er konnte lediglich über WLAN kommunizieren oder angerufen werden. Laut dem Spezialisten der Soko Pfand war O.s Handy zwischen 18.49 und 19.33 Uhr am Tattag in Riechers Router eingeloggt. Immer wieder gab es dabei Unterbrechungen. Deshalb sollte der Sachverständige eigentlich klären, was es mit diesen Unterbrechungen auf sich hat. Dazu kam es aufgrund der Probleme mit der Excel-Tabelle nicht (siehe oben).

Weiteres Indiz für einen Aufenthalt von O. in der Nähe von Riechers Haus: Die "wichtigen Orte" im Handy, das bei Mohammed O. beschlagnahmt wurde. Auffällig: Der Besuch von O. im McDonald’s Horb um 22.48 Uhr – von dem es Videos gibt – ist hier nicht gespeichert. Am Samstag nach der Tat wurde ein Milaneo-Besuch in Stuttgart um 17.35 Uhr gespeichert. Um 17.13 Uhr dagegen vermerkt das Handy einen wichtigen Ort in Tübingen.

In den wichtigen Orten wurde der Aufenthalt des Handys in der Schleitheimerstraße 4 zwischen 18.45 und 19.34 Uhr gespeichert. Die grenzt an Riechers Haus. Passt zeitlich ziemlich perfekt zu den WLAN-Einbuchungen in Riechers Router. Was hat das zu bedeuten? Die LKA-Expertin: "Apple zieht die Geodaten aus Mobilfunk-Masten und WLAN. Diese Daten sind nicht ganz exakt – die Karten-App ordnet das der nächstliegenden Adresse zu."

Doch warum vermerkt das Handy Stuttgart und Tübingen praktisch fast zur gleichen Zeit? Warum ist McDonald’s Horb nicht abgelegt? Die Expertin: "Apple lässt sich da nicht in die Karten schauen, nach welchen Kriterien die wichtigen Orte festgelegt werden." Das Milaneo wurde im iPhone um 17.35 Uhr als wichtiger Ort abgespeichert. Die tatsächliche Besuchszeit lasse sich in einer anderen Datei nachlesen – sie sei zwischen 13.38 bis 16.14 Uhr gewesen.

O.s Verteidiger geben zum Schluss noch Erklärungen dazu ab. Rechtsanwalt Alexander Hamburg: "In den wichtigen Orten ist ein Besuch von McDonald’s in Horb um 22.48 Uhr von Mohammed O. nicht registriert. Es könnten Zweifel an den wichtigen Orten bestehen."

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