Wandel – den kennt man im Nagolder Riedbrunnen. Das Gebiet im Schatten des Viadukts veränderte oft sein Gesicht. Besonders stark nach der Landesgartenschau 2012. Doch auch in den Jahrzehnten davor fand hier geballte Stadtentwicklung statt.
Im Rahmen unserer Serie „bw von oben“ schauten wir bereits auf die Veränderungen in einigen Nagolder Wohngebieten, auf dem Kasernengelände Eisberg oder auch rund um den Krautbühl und das Freibad. Doch selten gab es solch rasante Veränderungen wie im Riedbrunnen.
Das liegt in erster Linie an der Lage. Zwischen dem Viadukt und der Altstadt gelegen, ist die Lage speziell – weder wirklich City noch klassisches Wohngebiet. So ist der Riedbrunnen zwar nach der Landesgartenschau komplett neu strukturiert und auch mit vielen Neubauten bestückt worden, dennoch ist er kein reines Wohngebiet, es gibt auch Verkaufsflächen, Dienstleister, ein Gesundheitszentrum, Handwerk, eine Kirche, einen kleinen Park sowie öffentliche Einrichtungen wie Kitas und die Jugendkunstschule. Ein besonderer Mix eben, der aber erst durch die Neuordnung des Geländes nach der Landesgartenschau richtig gelang.
Es geht rund
Gehen wir zurück in das Jahr 1968. Aus diesem Jahr stammt eine für das Land angefertigte Luftaufnahme vom Riedbrunnen. Im Vergleich zur aktuelleren Aufnahme von 2022 fallen heute vor allem einige Rundungen auf, die es im alten Bild noch nicht gab. Genau: Nagold hat sich mittlerweile zur Kreiselstadt entwickelt. Zwei Kreisel an der Entlastungsstraße prägen das aktuelle Luftbild, hinzu kommen der Rundbau der neuapostolischen Kirche, das Oval des Riedbrunnenparks und auch der Rundbau im Mittelpunkt des Benz-Carées. Alle diese runden Formen sucht man auf dem Bild von 1968 vergebens. Einzig das Halbrund des Viadukts ist auf beiden Aufnahmen präsent.
Verkehrsführung
Erst im Vergleich zur alten Aufnahme wird deutlich, wie viel sich in Sachen Verkehrsführung in Nagold verändert hat. Und wie viel davon das eigentlich kleine Gebiet des Riedbrunnens am Übergang zur Insel und zur Innenstadt tangiert. Die Kreisverkehrsanlagen gab es jedenfalls noch nicht. Dafür führt die recht breit wirkende Gerberstraße mitten auf Nagolds Hauptverkehrskreuzung – damals: der Vorstadtplatz. Auch der Meisterweg – vorbei am alten Busbahnhof und der Gambrinus-Brauerei, war zu jener Zeit noch eine wichtige Verkehrsachse. Eine direkte Verbindung vom Osten in den Süd-Westen, wie man sie heute mit der Entlastungsstraße hat, fehlt. Ganz zu schweigen vom kleinen Lembergtunnel, der die Entlastungsstraße erst komplettiert.
Der Bau der Entlastungsstraße – des Citys-Rings – war ein Jahrhundertprojekt, vor allem, wenn man all die Auswirkungen auf die entlastete Innenstadt sieht. Ab 1998 wurde an der Umfahrung gebaut – zunächst im “Ost-Bereich“ mit den aufwändigen Tunneln am Eisberg und am Wolfsberg. Nach der Freigabe der Entlastungsstraße Ost im Jahr 2000, ging es an die „Süd-Trasse“ am Riedbrunnen mitsamt den Kreiseln und dem Lembergtunnel. Erst Ende 2003 – also vor 20 Jahren – wird der letzte Abschnitt dieser Strecke freigegeben.
Der Haiterbacher Straße, auch heute noch Teil einer Bundesstraße, kam schon 1968 eine gewichtige Rolle bei der Verkehrsführung zu. Ansonsten wirkt die Straßenführung nicht wirklich stringent. Alles scheint eher Zug um Zug gewachsen zu sein. Wer genau hinschaut, kann noch die Brücke über der Waldach an der Goethestraße zur Schillerstraße entdecken. Diese Verkehrsbeziehung wurde zur Gartenschau gekappt. Heute ist dort keine Brücke mehr, außer jene neue Fußgängerbrücke ein paar Meter weiter flussaufwärts.
Weitere Veränderungen
Die renaturierte Waldach ist heute das Herzstück des Gebietes. 1968 ist noch deutlich die Beton-Einfassung für das Flüsschen entlang des Meisterwegs zu sehen. Das Gebiet hat sich eh wahnsinnig verändert. Nicht nur auf dem Landesgartenschaugelände – aber dort vielleicht am meisten. Aber natürlich ist da noch das Benz-Carrée – heute das Zuhause für zahlreiche Dienstleister und Händler, mit dem Rad-Zentrum und dem Nagolder Gesundheitszentrum – von all dem ist 1968 noch nichts zu sehen. Viele kleinere Gartenparzellen prägen 1968 das Gebiet, auch weiter in Richtung Viadukt. Dort waren ja bekanntlich vor der Landesgartenschau Nagolds Schrebergärten angesiedelt.
Gut zu sehen ist auch der einstige Bauhof Nagolds, direkt an der Lindachstraße. Heute stehen dort moderne mehrgeschossige Mehrfamilienhäuser. Auch die Diakoniestation mit ihrer Tagespflege hat in solch einem Neubau ein neues Zuhause gefunden. Für die Schrebergärten wurde Ersatz geschaffen – wieder beim Bauhof – doch nun beim neuen Bauhof im Norden der Stadt.
Reste der LGS 2012
Heute gibt es ein viel genutztes Kleinspielfeld auf dem Gebiet, die Fortskugel, ein Spielplatz und ein die Waldach überschreitendes ovales Rondell, die allesamt noch an die Landesgartenschau erinnern. Auch an das Altensteigerle wird mit einem Denkmal gedacht. Die einstige Schmalspurbahn nach Altensteig fuhr unterhalb des Viadukts über den Riedbrunnen. Zwei Kitas und die Jugendkunstschule sind mittlerweile im Riedbrunnen heimisch. Und auch die einstigen Gärten und Äcker zur Haiterbacher Straße hin, sind jetzt mit Mehrfamilienhäusern bebaut.
Diente ein großer Teil des Riedbrunnenns im Gartenschaujahr 2012 noch als Event-Gelände, so setzte danach die rasante Entwicklung zu einem neuen innerstädtischen Wohnquartier ein. Mehr als 700 Menschen leben auf dem Gelände heute. Die Entwicklung ist nahezu abgeschlossen, letzte Baulücken werden geschlossen.
Info: Das Viadukt
Eigentlich hat Nagold zwei Entlastungsstraßen, und beide sind die Grenzen des Riedbrunnens. Neben dem City-Ring gibt es ja auch noch das Viadukt, das seit den 1950er Jahren die Verkehrsmassen auf der einstigen B 28 um Nagold herum – oder besser gesagt oben drüber – lenkt. Überlegungen, entlang der Bahntrasse des Altensteigerles eine Umgehungsstraße zu bauen, entstanden in den 1930er-Jahren. Mit dem Bau begonnen wurde von den Nationalsozialisten 1938. Dabei ging es vor allem um militärisch-strategische Gesichtspunkte und nicht um eine Verkehrsentlastung. Kriegsbedingt kam es 1941 zum Baustopp. Das Viadukt war da noch nicht einmal halb fertiggestellt. Die Widerlager standen bereits auf beiden Seiten des Waldachtals, auch ein paar Pfeiler und sechs Bögen.
Rechtzeitig zum Wirtschaftswunder wurde der Bau ab 1953 fortgesetzt. Drei Jahre später konnte das Bauwerk dem Verkehr übergeben werden und leistet seitdem unschätzbar wertvolle Dienste für die Aufenthaltsqualität in Nagolds Innenstadt. Die Brücke steht auf 16 Pfeilern und hat 17 Bögen. Kurios: Die alten ersten Pfeiler bestanden aus Vollbeton, auf den kriegswichtigen Stahl wurde soweit wie möglich verzichtet. Nach dem Krieg wurde mit einer Stahlbeton-Konstruktion weitergebaut – die neueren Pfeiler sind hohl. Die Brücke ist etwa 500 Meter lang und hat eine maximale Höhe von 22 Metern.