In Ruhe von einem Psychotherapeuten Hilfe erfahren? Für immer mehr Albstädter Bürger bleibt das unerreichbar. Foto: dpa-tmn/Christin Klose

Einen Brandbrief hat Oberbürgermeister Roland Tralmer an die Kassenärztliche Vereinigung geschrieben. Der Grund: Die Versorgung in Albstadt mit psychiatrischen Fachärzten sei deutlich zu dünn – und das bei steigendem Bedarf. Es gelte, zu handeln.

Gebetsmühlenartig weist Stephan Heesen, der Leiter der ökumenischen Psychologischen Beratungsstelle Albstadt, alljährlich in seinen Berichten vor den Stadträten darauf hin: In der psychiatrischen fachärztlichen Versorgung in Albstadt sei die Lage angespannt, was andere einschlägige Träger bestätigten.

 

Oberbürgermeister Roland Tralmer hat sich deshalb an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gewandt. Die Zahl der psychischen Erkrankungen steige, habe 2022 bundesweit einen Höchststand erreicht, gehe mit langen Fehlzeiten am Arbeitsplatz einher – und die Coronavirus-Pandemie habe das Problem verschärft.

Kritik: Nur die Hälfte von Nervenarztsitzen werde auch von diesen besetzt

Ins ohnehin hoch belastete Gesundheitssystem drängten immer mehr Menschen mit Angststörungen, Depressionen, Stresssymptomen, Ess- und Schlafstörungen.

Was Tralmer stört: Der Versorgungsgrad mit entsprechenden Medizinern liege laut KV im Zollernalbkreis bei 101,7 Prozent. Doch gezählt würden dabei nicht nur Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, sondern auch Neurologen, die „einige psychiatrische Krankheitsbilder gar nicht behandeln“, wie es in Tralmers Brief heißt.

Fordert die Kassenärztliche Vereinigung zum Handeln auf: Albstadts Oberbürgermeister Roland Tralmer. Foto: Studio Lengerer

Zwei der Ärzte im Kreis seien nahe am Rentenalter, für eine bereits geschlossene Praxis sei kein Nachfolger gefunden worden, einen anderen Arztsitz habe ein Neurologe übernommen – und sei damit in guter Gesellschaft: „Nach unseren Erkenntnissen sind die Hälfte der Nervenarztsitze im Zollernalbkreis von Neurologen besetzt“ – und damit sei eine „zeitnahe Diagnose und ambulante Versorgung“ psychiatrischer Patienten nicht mehr gewährleistet.

„Die Lage für Albstädter Bürger spitzt sich dann deutlich zu“

Sobald ein 74 Jahre alter Arzt – Tralmer nennt den Namen – seine Praxis aufgeben werde, „spitzt sich die Lage für die Albstädter Bürger deutlich zu“, weil dann nur noch ein Neurologe vor Ort praktiziere, und das in einer Stadt mit 46 000 Einwohnern, in der auch eine größere Zahl an psychisch angeschlagenen Flüchtlingen lebe und in der mehrere Behinderteneinrichtungen, Tageskliniken und Wohnprojekte für psychisch kranke Menschen ansässig seien.

„Eine unhaltbare Situation“, so Tralmer. Fehlende Behandlung führe zu schwereren, oft chronischen Verläufen und stationären Aufnahmen, die vermeidbar seien. Die Zeit, die ein Arzt pro Behandlung habe, nehme ab, ebenso wie die Bereitschaft von Patienten, an der Therapie mitzuwirken.

Ausführlich schildert der Oberbürgermeister, welche Faktoren die „psychische Not“ der Menschen verschärften. Sie müssten dann auf andere Dienste und Hilfsangebote ausweichen, die einer ärztlichen Behandlung nicht vergleichbar sei – was die Kapazitäten dieser Einrichtungen sprenge, und das, obwohl dieses Angebot in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut worden sei.

Auch Psychotherapeuten leiden unter dem Versorgungsgrad

Den Versorgungsgrad mit Psychotherapeuten gebe die KV mit 155,8 Prozent an, doch bei genauem Hinsehen hätten nur elf Prozent dieser Psychotherapeuten ihre Praxis in Albstadt. Patienten müssten ins Umland ausweichen, erlebten Aufnahmestopps und lange Wartezeiten.

Weil die Kassentherapeuten überlastet seien, müssten viele ihre Therapie privat finanzieren, was für manche existenzgefährdend sei. Aber auch dort lägen zwischen Erstgespräch und dem Start der Therapie oft Wochen: „Schnelle Hilfe in akuten Krisen sieht anders aus!“

Dass auch die Psychotherapeuten selbst darunter litten, nicht im erforderlichen Maß helfen zu können, lässt Tralmer nicht unerwähnt.

Weil die Bedarfsplanung – aus dem Jahr 1999 – längst nicht mehr den tatsächlichen Gegebenheiten und Erfordernissen entspreche, ruft Tralmer die KV dazu auf, zu prüfen, „ob ein Sonderbedarf für den Zollernalbkreis – speziell für den Albstädter Raum – vorliegt“. Das Ziel: diesen Sonderbedarf im Bereich der Nervenärzte und Psychotherapeuten zu reaktivieren.