Stuttgart - Ein Lächeln huscht über das Gesicht des alten Mannes. So ein verschwörerisches Opa-hat-dich-lieb-Lächeln, mit dem Großväter ihren Enkeln fünf Euro zustecken, wenn die Mutter wegschaut. Und das dem alten Herren unwiderruflich die Zuneigung der Kleinen einbringt. Said Abdalla Ali Hammad kennt diese Reaktionen – und weiß, sie gezielt einzusetzen.

Der 63 Jahre alte Gelehrte ist auf Menschenfang. Mit ein paar radebrechenden Worten Deutsch und Englisch. Und mit diesem gütigen Blick, der selbst die größten Fehler und unsägliches Leid zu verstehen scheint. Derart geöffnet, sind die Menschen bereit für Hammads Botschaften – doch die sind alles andere gütig: Der Kampf gegen die „Ungläubigen muss mit aller Härte geführt werden, wo immer ihr sie findet“, ruft er seinen Zuhörern zu. Ein anderes Mal macht er sich für das Recht der Scharia stark – Hände abhacken und Steinigen inklusive.

Im Internet ruft der reiselustige Gelehrte dazu auf, sich den „Unterstützern der Scharia“, der Ansar ash Sharia, anzuschließen. Die – so glauben Wissenschaftler – ist aus einem jemenitischen Ableger des Terroristennetzwerkes Al-Kaida entstanden. Die libysche Filiale brüstete sich im Herbst 2012 damit, den US-Botschafter Christopher Stevens am 11. September ermordet zu haben. Kämpfer trugen die Leiche des Diplomaten wie eine Trophäe durch die Straßen Bengasis. Es gibt Videos im Internet, da schaut sich Hammad diese Bilder an – und lächelt gütig.

Der einflussreiche Gelehrte gilt als einer der geistigen Führer der ägyptischen Ansar ash Sharia. Diese wiederum – so ergaben Recherchen unserer Zeitung – baut einen neuen Ableger in Hammads Geburtsstadt Marsa Matrouh auf. Ihr haben sich der in Deutschland gesuchte Berliner Denis Cuspert ebenso angeschlossen wie der frühere Ulmer Islamist Reda Seyam.

Die Stadt am ägyptischen Mittelmeer ist zu einem Wallfahrtsort für junge Deutsche geworden, die militant für den Islam eintreten wollen. Acht Deutsche lernen aktuell bei Matrouh, wie Sturmgewehre abzufeuern und Sprengfallen zu bauen sind – die Wüste wird zum Trainingscamp für sogenannte Gotteskrieger.

An Ausrüstung mangelt es offenkundig nicht. Im November 2012 wollte die ägyptische Polizei zwischen den Dünen einen Lastwagenkonvoi stoppen, der von der libyschen Grenze auf dem Weg nach Matrouh war. Die meisten Fahrer flohen in die weite Ödnis. Drei Lastwagen aber fielen den Ordnungshütern in die Hände. Die wiederum fanden darin Gewehre, Panzerfäuste, 108 Boden-Luft-Raketen und 19 646 Schuss Munition.„Solche Transporte sind kein Einzelfall in der Stadt“, weiß ein Fahnder. Und, berichtet er weiter, die Spuren, „führen in der Regel zu Hammad“ – wenn ihnen denn überhaupt jemand folgt im Ägypten der Muslimbruderschaft.

Pikant an Hammads Lust auf Waffen und deren Verwendung ist: Präsident Mohammed Mursi wollte den Islamisten im Sommer vergangenen Jahres zu seinem Außenminister machen. Zur Eröffnung von Matrouhs neuer Al-Taneem-Moschee im November 2012 flog das Staatsoberhaupt eigens in das Wüstenkaff. Im seinem Schlepptau: Scheich Hammad, der auch in Deutschland und Österreich mit seinen Predigten über die Vorzüge eines Steinzeitislam die Gebetshäuser füllt.

Mit Erfolg für seine Mission Heiliger Krieg. Das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz verzeichnete im Sommer 2012 einen deutlichen Anstieg von Ausreisen dschihadistischer, also gewaltbereiter Salafisten aus Deutschland nach Ägypten. „Unter den knapp 60 ausgereisten Personen befanden sich auch zahlreiche Berliner“, sagt die Sprecherin der Hauptstadtgeheimen. Die politischen Umwälzungen des Arabischen Frühlings böten den Islamisten in vielen Staaten des Mittleren Ostens neue Freiräume. „In Einzelfällen ist belegt, dass Personen mit Deutschland-Bezug von Ägypten aus in dschihadistische Kampfgebiete weitergereist sind.“

Einer von ihnen: Der Berliner Denis Cuspert, der von Matrouh aus regelmäßig zum Kampf in Syrien aufbricht. Und auch Hammads Berliner Freund Reda Seyam setzte sich Mitte Januar ins syrische Aleppo ab. Ein „vollkommen unberechenbares Problem“, sagt der Berliner Salafismus-Forscher Guido Steinberg. Denn: „Der ägyptische Staat ist weder bereit noch in der Lage, solche Splittergruppen zu überwachen. Die deutschen Sicherheitsbehörden sind nicht in der Lage, in Ägypten, Syrien und Libyen zu überprüfen, was diese Jungs tun .“

Diese werden vorerst im Sand von Matrouh gedrillt. Fraglich ist, was passiert, wenn ihre Geländeübungen beendet sind.