Seit mehr als zehn Jahren forciert unsere Zeitung unter der Überschrift „Kulturquartier“ das Nachdenken über ein zentrales Innenstadtareal in Stuttgart. Weit greift dieses – von der Staatsgalerie ausgehend entlang der Musikhochschule, des Hauses der Geschichte, des Hauptstaatsarchivs, der Landesbibliothek und dem Wilhelmspalais als künftiges Stadtmuseum ­- hinüber zum Institut für Auslandsbeziehungen und zum Alten Schloss mit dem Landesmuseum Württemberg über das Kunstmuseum Stuttgart und das ­Friedrichsbau Varieté bis in die Bolzstraße zur Komödie im Marquardt und zu den Qualitätskinos der Mertz-Gruppe. Von dort aus sind fußläufig wiederum das Literaturhaus im Bosch-Areal, aber auch die Filmkunst­bühne von Peter Erasmus am Bollwerk zu erreichen.

Zurück aber zur Bolzstraße und von dort aus zum Opernhaus und Schauspielhaus des Staatstheaters. Ein wahres Kraftfeld, das als solches nun schon Jahrzehnte der Teilung der Stadt trotzt, welche die Stadtautobahn erzwang. Hüben und drüben machten immer wieder gemeinsame Kunstsache. Und nicht nur zufällig gingen die Impulse lange vor allem von einer Institution aus, die auch räumlich im Zentrum des Kulturquartiers angesiedelt ist.

Mit breit angelegten Projekten befeuerte der Württembergische Kunstverein Stuttgart künstlerische wie gesellschafts- und kulturpolitische Diskussionen, und noch immer gilt das Gegenspiel von Themenausstellungen, die der unmittelbaren Gegenwart verpflichtet sind (etwa „Schock und Schöpfung“ zur Differenz verschiedener Jugendkulturen), international orientierten Einzelpräsentationen (wie der Blick auf General Idea 1992 oder die Thomas-Schütte-Schau 1994) und kritischen Neubewertungen der Moderne (von Klee bis Warhol) als international beachtetes Kunsthallen-Modell.

Offene Türen sucht die Stadt

Mit besten Gründen hat der Kunstverein unter seinem damaligen Vorsitzenden Hans J. Baumgart vor dem Auszug der Städtischen Galerie in den Kunstmuseumsneubau gegen eine neuerliche institutionelle Doppelnutzung des Kunstgebäudes ­gestritten. Immer dann entfaltete der ­Motor Kunstverein ja besondere Kraft, wenn er projektbezogen gezielt Allianzen einging, etwa mit der Akademie Schloss Solitude und der Stadtbibliothek. Und welche Leichtigkeit solche Handlungsfreiheit mit sich bringt, konnten in den „Theater der Welt“-Wochen im Sommer 2005 die Besucher der Hafenbar spüren.

Offene Türen sucht die Stadt, offene ­Türen bot der Kunstverein – und markierte so den Anfang eines Weges, an dessen Ende nach dem Modell des Pariser Gegenwartskunstforums Palais de Tokyo eine bis in die späten Abendstunden geöffnete Ausstellungs-, Diskussions- und Filmkunstbühne stehen könnte.

Eine Skizze, welcher Iris Dressler und Hans D. Christ, seit 2005 Direktoren des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart, von Beginn an entgegentraten. Auch sie mit gutem Grund, sahen sie doch die Verantwortlichkeiten im Kunstgebäude am Schlossplatz ungeklärt. Tatsächlich hatte das Land Baden-Württemberg immer wieder auf einen Teil der Räume zugegriffen – nicht über das Ministerium für Wissenschaft und Kunst, sondern über das Finanz- und das Staatsministerium. Zudem schätzten Dressler und Christ den Sanierungsbedarf im Kuppelsaal und den ihn um­laufenden Räumen realistisch ein – und ­wesentlich höher als von der Bauver­waltung zunächst unterstellt.

Sechs Jahre ging es hin und her

Das Szenario eines Wanderzirkus im eigenen Haus vor Augen (mal beanspruchte das Land den Kuppelsaal, mal die um­laufenden Räume, mal den Vierecksaal) setzten Dressler und Christ früh auf eine dauerhafte Klärung der Raumsituation. Der Vierecksaal für den Kunstverein, der Altbaubereich mit Kuppelsaal und umlaufenden Galerieräumen für das Land – das war die Linie.

Sechs Jahre ging es hin und her, mit der Bestätigung dieser Teilung in einem neuen Nutzungsvertrag vor ­wenigen Monaten ­sahen sich die Kunstvereins-Lenker am Ziel. Der Anbau zum Eckensee hin mit Glastrakt und Vierecksaal bespielt der Kunstverein, das Land den Altbau. Doch in den kommenden Jahren nicht mit Kunst und ­Kulturgeschichte wie es der Nutzungs­vertrag vorsieht, sondern als Ausweichquartier für das Landesparlament. Eine Nachricht, die für Unruhe unter den Stuttgarter Kulturschaffenden sorgt.

Dabei hielt man in den vergangenen Jahren wenig von der Chance, das Kunstgebäude in Gänze oder auch in der durch den Kunstverein vorgesehenen Teilung als Ausstellungsforum für die Stuttgarter Schwergewichte Kunst, Architektur, Film und Design zu nutzen. Das Kunstgebäude als eigene Betriebsgesellschaft, als Motor eines Kulturquartiers, das entsprechend seiner vielfältigen Einrichtungen Bühne kritischer Fragen wie ­repräsentativer Auftritte ist – diese Vorstellung schreckte eher ab.

Der (allen architektonischen, klimatischen und sicherheitstechnischen Voraussetzungen zuwiderlaufende) Landtags­be­schluss, das Kunstgebäude in einen Landtag auf Zeit zu verwandeln, weckt nun aber viele Geister. „Wo ist zwischen Handel und Verwaltung Platz für andere inner­städtische Interessen, zum Beispiel für die Kultur?“, soll am kommenden Montag eine der Kernfragen einer Diskussionsrunde im Württembergischen Kunstverein sein. Weniger als die von unserer Zeitung skizzierte Umkehrung des Kulturquartiers in ein Regierungsquartier (die Landesregierung beansprucht neu weitere ­Flächen am Schlossplatz) scheint das Problem als die Frage von Zwischenräumen. Das Kunstgebäude aber ist kein Zwischenraum – es ist eine einzigartige Chance, in Stuttgarts Zen­trum eine Bühne des Dialogs von Kunst, Architektur, Film und Design zu schaffen, einen Anspruch zu formulieren, eine Haltung sichtbar und spürbar zu ­machen – die eine Frage nach Zwischenräume in eine Frage nach Gewichten und notwendigen Bedeutungsverschiebungen verwandelt.