Sie sollen den Geldautomaten in Empfingen und viele andere in ganz Deutschland gesprengt haben. 16 mutmaßliche Mitglieder einer niederländischen Bande stehen nun vor Gericht. Tatdetails werden bekannt, doch es gibt auch Prozess-Probleme.
Es war eine gewaltige Detonation, die sicher viele Empfinger aus dem Schlaf gerissen hat: In der Nacht vom 8. zum 9. Dezember 2022 sprengten Täter den Geldautomaten in der Volksbank Empfingen, holten sich eine dicke Beute im fünfstelligen Bereich und richteten einen noch weitaus teureren Schaden am Gebäude an.
Die Polizei suchte schließlich drei Täter oder einen schwarzen Audi oder BMW. Und diese Beobachtung wurde auch an vielen anderen Orten in Deutschland gemacht.
Prozessstart in Bamberg
Bamberg an diesem Donnerstag. 16 Angeklagte nehmen in einer Sporthalle auf dem Gelände der Bundespolizei in Bamberg Platz. Aus Platzgründen wurde die Verhandlung ausquartiert. Der Weg zur Halle war am Donnerstag mit stacheldrahtbestückten Bauzäunen versehen.
Einige der Angeklagten kommen mit provokanten Gesten in die Halle. Sie zeigen den Mittelfinger, wie auf einem Bild der DPA zu erkennen ist, oder strecken den Daumen nach oben.
Die Mocro-Bande soll hinter den Taten stecken
Sie sollen der marokkanisch-niederländischen Mocro-Bande (die insgesamt über 500 Mitglieder haben soll) angehören, wie die Bild-Zeitung schreibt. „Mocro“ ist das niederländische Slangwort für Marokko.
Den 16 Männern im Alter zwischen 42 und 23 Jahren – zumeist mit marokkanischer oder afghanischer Abstammung – wirft die Staatsanwaltschaft Bamberg 31 Taten vor. Diese ereigneten sich zwischen dem Sommer 2021 und dem Frühjahr 2023 im gesamten Bundesgebiet. Die Bande soll vor allem in Baden-Württemberg und Bayern tätig gewesen sein. Neben Empfingen waren beispielsweise auch Bondorf und Sindelfingen das Ziel der Täter. Meistens wurden Standorte in Autobahnnähe aufgesucht worden sein.
So hoch war die Beute, so hoch der Schaden
Weitere Geldautomaten sprengten sie in Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Hessen.
Da die Ermittler den Angeklagten im Alter zwischen 23 und 42 Jahren auch Fälle in den oberfränkischen Kommunen Zapfendorf und Forchheim zur Last legen, wird der Fall in Bamberg verhandelt. Die Beute der Angeklagten: mehr als 3,3 Millionen Euro. Noch höher ist der durch die Sprengungen angerichtete Schaden mit mehr als 5,5 Millionen Euro.
So gingen die Täter vor
Die Beschuldigten sollen bei ihren Taten höchst professionell und arbeitsteilig vorgegangen sein. Die Bild-Zeitung beschreibt die wenigen Minuten dauernden Tatschritte so. „Demnach kamen die Gangster sehr früh am Morgen und im Schutz der Dunkelheit aus den Niederlanden, suchten autobahnnahe Bank-Filialen. Dann schoben sie den Plastiksprengstoff „Semtex“ mit einem Pizzaschieber ins Geldausgabe-Fach, sprengten den Automaten auf, holten die Geldkassette heraus und rasten im hochmotorisierten Audi RS 6 mit geklauten Kennzeichen davon.“ Als Hauptquartier diente ihnen ein Gebäude in den Niederlanden, wo die Bande Sprengstoff und Autos für die mutmaßlichen Taten vorbereitet haben soll.
So lief die Fahndung ab
Auch die schließlich erfolgreiche Fahndung lief spektakulär ab. Die Bild-Zeitung berichtet: „Nach 461 Sprengungen im vergangenen Jahr legten die deutschen Ermittler der Bande schließlich das Handwerk.“ Stundenlang hätten die Ermittler Aufnahmen von Überwachungskameras aus den Banken ausgewertet.
Gegen zwölf Beschuldigte erhob die Staatsanwaltschaft bereits im Oktober 2023 Anklage. Im Zuge der Ermittlungen wurden vier weitere Beschuldigte gefasst und die Verfahren zusammengelegt.
Probleme zum Prozessauftakt
Der Prozess in Bamberg begann allerdings schleppend. Noch bevor der Vertreter der Staatsanwaltschaft die Anklage verlesen konnte, wurde die Verhandlung unterbrochen.
Mehrere der über 30 Verteidiger in dem Verfahren bemängelten, dass sie erst einen Tag vor Beginn der Hauptverhandlung weitere umfangreiche Akten erhalten hätten, ohne diese bislang einsehen zu können. Der Vorsitzende Richter Markus Reznik sagte, die Kammer sei damit auch nicht glücklich. Mit Blick auf ein möglichst schnelles Verfahren und die bestehende Haft der Angeklagten habe er aber zunächst keine andere Möglichkeit gesehen.
Vonseiten der Verteidiger folgten zahlreiche Anträge, das Verfahren wegen der unzureichenden Möglichkeit zur Vorbereitung einzustellen. Die Frankenpost berichtet: „Erst Ende März habe man 18 Terabyte an Daten erhalten, darunter über 18 000 Stunden Videoüberwachung aus den Garagen im holländischen Roermond und Brunssum, in denen die Täter ihre Stützpunkte gehabt haben sollen. Am ersten Verhandlungstag händigte das Gerichte den Verteidigern USB-Stick aus, der Daten im Umfang von 50 großen Aktenordnern enthalten soll. Weitere sieben Terabyte sollen laut Gericht folgen.“
Droht der Prozess zu platzen?
Mehrere Verteidiger forderten zudem, den Haftbefehl gegen ihre Mandanten aufzuheben, da die Ermittlungen und damit die Anklage fehlerhaft seien. Die Strafkammer hob die bis zum 8. Mai geplanten Termine schließlich auf. Dann soll über die Anträge und den weiteren Prozessverlauf entschieden werden. Die Angeklagten bleiben bis dahin in U-Haft.
Droht der Prozess möglicherweise zu platzen? „Bei solchen Datenmengen komme man mit einer juristisch maximal möglichen Unterbrechung des Verfahrens für drei Wochen gar nicht hin, argumentieren die Anwälte“, berichtet die Frankenpost. Die Forderung: Es müsse ausgesetzt und von Neuem begonnen werden.
Der Prozess ist aufgrund der vielen Beteiligten mit hohem Aufwand verbunden. Um eine Verzögerung des Verfahrens durch einen möglichen Ausfall eines Verteidigers zu verhindern, hat jeder Angeklagte zwei bis drei Anwälte.
Zu jedem der bislang mehr als 70 geplanten Prozesstage werden die Angeklagten aus Gefängnissen in ganz Bayern nach Bamberg gebracht. Gemietet ist die Halle laut Frankenpost bis 22. Dezember. Ob das reicht?