Nabu-Landesvorstand Johannes Enssle im Nabu Haus in Horb. Er sagt, warum Windkraft so wichtig ist und der Große Hau trotzdem keinen Windpark bekommen darf. Foto: Jürgen Lück

...und warum das „Waldjuwel“ in Horb Rexingen trotzdem bleiben muss. Nabu-Landesvorsitzender Johannes Enssle erklärt den scheinbaren Widerspruch. Wie ökologisch das Heizen mit Holz wirklich ist.

Das war wohl einer der spannendsten und kontroversesten Vorträge bisher im Nabu-Haus: Johannes Enssle, Landeschef des Nabu und studierter Forstwirtschaftler, hatte seine Horb-Premiere. Grund: Der Große Hau – das Waldjuwel von Rexingen – könnte doch für Windkraft fallen.

 

Enssle: „Der Wald ist im Klimastress. Er hat schon die letzten Jahre gelitten unter der Trockenheit. Weil die Treibhausgase, die in der Atmosphäre sind, erst in zehn Jahren wirksam werden, kann man geschockt sein von dem, was uns bevorsteht.“ Deshalb müssen sogar die CO2-Emissionen aus der Atmosphäre abgesaugt werden.

Und es braucht dringend Windkraft, so Enssle, um den Wald zu retten. Der Nabu-Vorsitzende: „Zyniker sagen: ’Was ist so schlimm daran, wenn das Klima hier wie in Florenz wird?’“

Wald löst das CO2-Problem nur bedingt

Er wirft eine Karte von Baden-Württemberg an die Wand. Sie zeigt, was im Negativ-Szenario des IPCC (internationalen Klimarats) 2100 mit dem Ländle passiert: Alles rot und dunkelrot. Nur Gebiete wie der Große Hau in Rexingen sind noch halbwegs kühle Inseln.

Dann eine bemerkenswerte Folie von Enssle: Der Wald kann das CO2-Problem nur bedingt lösen. Windkraft ist besser.

Nabu-Landesvorstand Enssle erklärt, warum Windkraft mehr CO2 wegschafft als der Wald. Foto: Jürgen Lück

Enssle: „Ein Hektar Wald kann im Durchschnitt gut 5,4 Tonnen CO2 jährlich aufnehmen. Eine einzige Windkraftanlage schafft es, jährlich 3600 Tonnen CO2 zu vermeiden.“

Also doch besser Windräder rein in den Großen Hau? Enssle: „Nein. Es geht auch um Artenvielfalt. In einer Handvoll Waldboden sind mehr Lebewesen als wir jetzt auf der Welt haben. Weil wir nicht wissen, welche Arten entscheidend sind für das biologische Gleichgewicht, ist der Mensch gut beraten, möglichst viele Arten zu erhalten. Dazu brauchen wir den Wald als Kühlung.“

„Wir brauchen den Wald als Kühlung“

Und weil Enssle vor dem Vortrag mit dem Forst und dem Nabu in Horb unterwegs war, gehört der Große Hau für ihn zu den Gebieten, die keineswegs für Windkraft fallen dürfen. Weil nur Wälder, die intakt sind, die Möglichkeit zum Arterhalt bieten. Enssle: „Deshalb ist es wichtig, dass wir Habitate schaffen und erhalten, in denen sich die Arten erhalten können, die anderswo – auch von Windkraft – bedroht sind.“

Diese Windkraft-Flächen in Horb schlägt der Regionalverband Nordschwarzwald vor. WF 15 ist der Große Hau, WF3 die Fläche bei Talheim. Foto: Nabu/Regionalverband Nordschwarzwald

Horbs Nabu-Vorstand Lambert Straub: „Wenn die Windkraftfläche bei Talheim kommen sollte, wird es hier durch das Gewerbegebiet Talheim und das IKG Haiterbach Druck auf die Arten geben. Wenn das dort beispielsweise einen Rotmilan vertreiben sollte, hat er rund um den Großen Hau eine Möglichkeit, umzusiedeln und so die Population zu erhalten.“

Die zweite, umstrittene Äußerung von Johannes Enssle: Holz heizen ist nicht sehr ökologisch. Öl und Gas sind besser. Enssle: „Beim Verbrennen von Holz wird mehr CO2 freigesetzt als bei Öl und Gas. Weil die fossilen Energieträger eine höhere Energiedichte haben.“

Heißt konkret: Die Wärme oder den Heizwert, die ein Kubikmeter Gas oder ein Liter Öl erzeugt, stößt weniger CO2 als ein Kubikmeter Holz.

Holz als Baustoff speichert das CO2 dauerhaft

Enssle: „Es gibt jede Menge Forschung und Entwicklung, die Holz als Bauwerkstoff favorisiert. Es ist besser, Holz wie hier im Nabu-Haus in Balken zu verbauen und so das abgebaute CO2 dauerhaft zu speichern.“ Das sei definitiv ein Zukunftsthema, scheitere aber teilweise noch an den Bauvorschriften. In Horb steht beispielsweise Holzbau Fassnacht für diese Technik. Auch das neue Polizeirevier an der Hornauer Straße wird in Holzbauweise erstellt. Dazu kommt: Aus Holz gewonnenes Lignin gilt als neuer Rohstoff, der Kunststoffe – die aus fossilen Energien hergestellt werden – ersetzen kann.

Langfristig rechnet Enssle damit, dass so der Anteil des Holzes als Brennstoff (derzeit 55 Prozent von der Forstnutzung in Deutschland) zurückgehen wird: „Eine Wärmepumpe mit Pufferspeicher ist definitiv die bessere Lösung als das Heizen mit Holz.“

„Wir können nicht auf Mini-Atomkraftwerke warten“

Und für den Wärmepumpen-Strom braucht man Windkraft. Enssle: „Ein zu heißes Klima schadet dem Wald. Deshalb muss das CO2 runter. Und weil die Zeit so knapp ist, müssen wir das mit Technik machen, die wir haben. Dazu gehört die Windkraft. Wir können nicht warten, bis wir uns Mini-Atomkraftwerke in den Garten stellen, die mit Atommüll sicher laufen.“

Klare Worte. Horbs Nabu-Vorsitzender Lambert Straub: „Wir hoffen, den großen Hau als Waldjuwel vor Windkraft weiter schützen zu können. Und ihn langfristig mit dem Naturschutzgebiet Dießener Tal als Gebiet entwickeln zu können, in dem die Artenvielfalt weiter zunimmt.“

Jüngst sind der Kolkrabe und die Waldschnepfe dazugekommen, wie Straub berichtet. Er kündigt an, dass der Nabu jetzt 10.000 Flyer in alle Haushalte Horbs verteilen will – um viele Menschen zu bewegen, Einspruch einzulegen.