Mehrere Male tappte Luchs "Toni" in Fotofallen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt. Foto: FVA

Neben dem Wolf ist mittlerweile auch Luchs "Toni" heimisch im Nordschwarzwald. Dabei macht er auch immer wieder Ausflüge in Richtung Bad Wildbad, wie die Besenderung des Tieres zeigt. Nutztierhalter müssen sich aber laut Experten keine allzu großen Sorgen um ihre Tiere machen.

Bad Wildbad/Kaltenbronn - Im April 2020 wurde der Luchs "Toni", der seit geraumer Zeit durch den Nordschwarzwald streift, kurzzeitig bei Gernsbach eingefangen und mit einem Halsbandsender ausgestattet. Damit erhofften sich die Experten der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) Freiburg Aufschlüsse über das Bewegungsverhalten des Raubtiers. Doch der Sender musste schneller gewechselt werden als ursprünglich geplant. "Ende Juli 2020 wurde ›Toni‹ wegen eines technischen Defekts seines Halsbandsenders und aufgrund von Hinweisen auf eine schlechte körperliche Verfassung erneut in einer Lebendfalle gefangen und tierärztlich untersucht", teilt das FVA-Wildtierinstitut auf Nachfrage des Schwarzwälder Boten mit. Bei der Untersuchung sei dann eine abheilende Verletzung an der Wirbelsäule festgestellt worden, die den Luchs sicherlich über einige Wochen stark beeinträchtigt hatte. Ob diese ohne Fremdeinwirkung oder etwa durch einen Verkehrsunfall entstanden war, habe nicht festgestellt werden können. "Luchs ›Toni‹ scheint sich aber gut erholt zu haben und aktuell bester Gesundheit zu erfreuen", so die Experten weiter.

 

Im Austausch mit den Kollegen des KORA-Institutes aus der Schweiz konnten die FVA-Forscher nachvollziehen, dass "Toni" aus dem Schweizer Jura nach Baden-Württemberg gewandert ist. Er wurde erstmals am 26. Mai 2019 bei Bassecourt (Schweiz) mit einer Wildkamera aufgenommen. Der erste Nachweis im Nordschwarzwald war am 27. Oktober 2019 bei Bad Rippoldsau-Schapbach. Von Bassecourt bis in den Nordschwarzwald hat dieser Luchs in wenigen Monaten mindestens 170 Kilometer (Luftlinie) zurückgelegt. Zusammen mit der Uni Bern konnte das Alter eingegrenzt werden: "›Toni‹ ist vermutlich im Frühjahr 2017 zur Welt gekommen und heute knapp vier Jahre alt", so die Experten. In freier Wildbahn sei die Lebenserwartung sehr unterschiedlich, einzelne Tiere können bis zu 17 Jahre alt werden, die Regel seien aber zehn bis zwölf Jahre.

Immer wieder Ausflüge Richtung Bad Wildbad

Schwerpunktmäßig hält sich "Toni" zwischen Gernsbach und der Hornisgrinde auf, macht nach Angaben des FVA-Wildtierinstituts aber gelegentlich auch Ausflüge in Richtung Bad Wildbad oder bis ins Kinzigtal. Genauere Informationen über das Streifgebiet werden den Jägern vor Ort regelmäßig mitgeteilt, da die FVA bei der Luchstelemetrie eng mit dem Landesjagdverband zusammenarbeitet. Auch die Mitglieder der Arbeitsgruppe Luchs und Wolf BW erhalten genauere Informationen.

Männliche Luchse nutzen in unseren Breiten Gebiete mit bis zu 300 Quadratkilometern als Kernlebensraum. "Toni" hat seit seiner Besenderung den Nordschwarzwald von Bad Wildbad bis Zell am Hamersbach durchzogen, eine Fläche von mehr als 800 Quadratkilometern. "Sein Kerngebiet ist sicherlich deutlich kleiner, zuverlässige Aussagen kann man aber erst nach Ende der Besenderung treffen", so die Experten weiter. Die Laufzeit des Sendehalsbands ist auf ein gutes Jahr ausgelegt, eine anschließende erneute Besenderung ist geplant.

Die FVA geht davon aus, dass "Toni" der einzige Luchs in der Region ist: "Im Moment wissen wir von vier Luchsen, die sich in Baden-Württemberg aufhalten: Neben ›Toni‹ im Nordschwarzwald sind das die Männchen ›Lias‹ im Donautal und ›Wilhelm‹ im Südschwarzwald. Ein weiterer Luchs ist das Tier ›B723‹, das sich seit dem vergangenen Jahr regelmäßig im Kreis Konstanz aufhält. Ob es sich um ein Männchen oder Weibchen handelt, ist bisher unklar."

Nutztierrisse sehr viel seltener als beim Wolf

Durch die Bewegungsdaten können regelmäßig erbeutete Wildtiere von "Toni", meistens von Rehwild, nachgewiesen werden. Die genaue Auswertung der Daten dazu soll aber erst am Ende der Besenderungszeit erfolgen. Die Experten gehen außerdem davon aus, dass Luchse im Normalfall keine Weidetiere angreifen, im Gegensatz zum Wolf. "Es stimmt, dass Luchse in der Regel sehr viel seltener Schafe oder Ziegen erbeuten, als Wölfe das tun. Zudem kommt es bei Luchsen auch selten zu mehreren toten Tieren bei einem Angriff. Eine Begründung dafür kennt die Wissenschaft nicht, allerdings sind Unterschiede im Verhalten von Katzen- und Hundeartigen keine Überraschung", so die FVA-Experten weiter.

Was passiert, wenn der Luchs doch tatsächlich ein Schaf oder Lamm reißen würde. Die wolfssicheren Zäune im "Wolfsgebiet" (Förderkulisse Wolfprävention) sind für einen Luchs ja ein Kinderspiel. "Einige der Verbände aus der AG Luchs und Wolf haben einen Ausgleichsfonds für vom Luchs gerissene Nutztiere eingerichtet, der auch vom Land unterstützt wird", teilt die FVA dazu mit. Die Voraussetzung für eine Ausgleichszahlung sei nur der sichere Nachweis durch die FVA, dass ein Luchs der Verursacher war. Eine Kopplung an einen nur schwer umzusetzenden luchsabweisenden Herdenschutz gebe es nicht.

Und gibt es Probleme, wenn zwei so große Beutegreifer in einer Region unterwegs sind? "Nein, es gibt viele Regionen, in denen Luchse und Wölfe im selben Gebiet leben. Früher war das auch bei uns im Schwarzwald der Fall", so die FVA weiter. Und tatsächlich hätten Luchs "Toni" und der residente Wolf "GW852m" im Nordschwarzwald gezeigt, "dass die Anwesenheit eines Wolfes für einen Luchs kein Problem ist - und andersherum. Den direkten Kontakt zum Wolf wird der Luchs aber in aller Regel meiden und auch vom Luchs erbeutete Tiere werden natürlich von Wölfen genutzt, wenn diese entdeckt werden", teilen die Experten weiter mit.

Hat das Vorkommen des Luchses (und auch des Wolfs) Auswirkungen auf die Jagd oder die Rotwildbestände in der Region? "Zunächst muss man sich vor Augen führen, dass die Beutetiere von Luchs und Wolf diesen nicht schutzlos ausgeliefert sind", so die FVA. Im Laufe der sogenannten Koevolution hätten sich die Beutetiere an die Anwesenheit der Beutegreifer angepasst – und andersherum. "Diese Beziehung war und ist eine der Triebfedern der Evolution unserer Wildtiere, da spielen die 200 Jahre ohne Beutegreifer keine Rolle. Wir wissen, dass es bei den Beutetieren nach Rückkehr von Luchsen und Wölfen zu gewissen Verhaltensänderungen kommen kann, die der Jäger unter Umständen spürt und seine Bejagungsstrategie entsprechend anpassen muss", sagen die Experten. So verschiebe etwa Rehwild seine Aktivitätsperioden aus der Dämmerung leicht in Richtung Tag. Einen großräumigen und erheblichen Einfluss auf die Jagd habe aber hier weder der Luchs noch der Wolf. Weitaus größerer Einfluss sei von menschlichen Aktivitäten wie Geocaching oder Nachtwanderungen und auch von Hunden vorhanden.

Nun sind Wolf und Luchs bereits in der Region angekommen. Wie sieht es mit dem dritten großen Raubtier aus, ist auch mit einer Rückkehr des Bären in den Nordschwarzwald zu rechnen? Die Antwort der Experten ist eindeutig: "Nein, damit ist nicht zu rechnen."