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Kreis Rottweil Streit um das Notarzt-System nimmt kein Ende

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Ein Notarzt im Einsatz. Um die Regelung im Kreis Rottweil schwelt der Streit weiter - die Argumente könnten nicht gegensätzlicher sein. Foto: © benjaminnolte – stock.adobe.com

Kreis Rottweil - Der Streit um das Notarzt-System im Kreis Rottweil nimmt kein Ende: Nach unserem Interview mit Hausarzt Gebhard Pfaff, der sich als einer von mehreren freiwilligen Notärzten zu Hause abholen lässt, meldet sich der Leiter des Instituts für Katastrophenmedizin bei uns. Ihm geht diese "Hobby-Notarzt"-Regelung gewaltig gegen den Strich.

Stefan Gromer redet sich am Telefon regelrecht in Rage, als er zur Argumentation Gebhard Pfaffs aus seiner Sicht Stellung nimmt. Dass es – laut Pfaff – bei einem Notfall eben nicht auf jede Minute ankomme, diese Argumentation hält Gromer für "höchst gewagt".

Wenn tatsächlich Zeit bleibe, um noch gemütlich Leute einzusammeln, dann könne man Fahrten mit Blaulicht und die Rettungswachen ja gleich abschaffen. "Dann holt im Ernstfall einfach einer den anderen Zuhause ab – das wäre dann wenigstens gerecht", sagt Gromer. Denn: Für den Geschäftsführer des Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen ist es ein Unding, dass Hausärzte im Kreis Rottweil, "die nebenher hobbymäßig als Notarzt fahren", bei einer 24-Stunden-Schicht "am meisten Geld von allen Beteiligten verdienen, während sie zu Hause auf der Terrasse grillen oder auf dem Sofa liegen", die anderen aber auf der Wache ihren Dienst tun. Das Ganze sei ein lukratives Zubrot, das sich die Ärzte im Kreis Rottweil natürlich ungern nehmen lassen, sagt Gromer. "Mit professioneller Notarzttätigkeit hat das aber nichts zu tun."

Wachen in Schramberg und Oberndorf

Das Deutsche Institut für Katastrophenmedizin in Tübingen unterstützt mit seinen Notärzten – davon 20 fest angestellt, und rund 250 Freiberufler, die meist auch noch in einer Klinik tätig sind – rund 50 Rettungswachen in Baden-Württemberg. Im Kreis Rottweil sind es die Wachen in Schramberg und Oberndorf. Und seine Notärzte, betont Gromer, leisten ihren Dienst selbstverständlich auf der jeweiligen Wache ab.

Genau das sei eben auch notwendig. Denn: "Wer das professionell macht weiß, dass es sehr wohl um jede Minute geht." Natürlich gelte dies nicht für jeden Einsatz, sondern für lebensbedrohliche Fälle. In diesen sei ganz entscheidend, ob der Notarzt zwei, drei Minuten früher da ist, oder nicht. Jede unnötig verstreichende Minute könne zu gesundheitlichen Schädigungen führen. "Jede Minute ohne Sauerstoff ist nicht so gut, das weiß jeder", sagt er.

"Fünf Prozent der Menschen sind uns egal?"

Gromer, selbst ausgebildeter Leitender Notarzt, nennt als Beispiel Herzkammerflimmern, bei dem die Überlebenswahrscheinlichkeit nachgewiesenermaßen pro verstreichender Minute um zehn Prozent sinkt. Und auch wenn Ersthelfer vor Ort unter Umständen einen Defibrillator einsetzen könnten, gebe es viele weitere notfallmedizinische Maßnahmen, die sofort geleistet werden müssen.

Dass sich die Aufsichtsgremien auf den guten Hilfsfristen im Landkreis ausruhen, müsse laut Gromer kritisch gesehen werden. Die 15 Minuten, die zur Berechnung herangezogen werden, seien per Gesetz schon die Ausnahme im Einzelfall. Eigentlich seien zehn Minuten für den Rettungsdienst und Notarzt zugrunde gelegt. Man rechne also von vorneherein schon mit fünf Minuten mehr – der Weg vom Fahrzeug zum Patient sei da noch gar nicht eingerechnet. "Dass man mit einer 95-prozentigen Hilfsfrist im Kreis Rottweil zufrieden ist, bedeutet also: Fünf Prozent der Menschen sind uns egal?"

Gromer nennt als Beispiel die Rettungsdienst-Bereiche Saulgau und Pfullendorf, in denen jetzt umgestellt wurde. Die Abholung zu Hause entfällt, die Notärzte leisten ihren Dienst nun auch auf der Wache, die Hilfsfrist habe sich sprunghaft verbessert.

Das liebe Geld spielt eine entscheidende Rolle

Und was ist mit dem Argument, dass es gar nicht genügend Notärzte gibt, und der Dienstplan nun einmal gefüllt werden muss? Für Gromer zählt das nicht. "Es ist wie so oft eine Geldfrage: Für das richtige Geld kriegen sie jede Zunft an jeden Ort."

Dass er auch nur "seine" hauptberuflichen Notärzte auf den Wachen beschäftigt haben will, wie bei den Hausärzten als Gegenargument durchklingt, sei nicht der Fall. Ihm gehe es als Mediziner darum, dass ausgebildete Notärzte vor Ort professionell arbeiten – und in der Notfallmedizin immer auf dem neusten Stand sind.

Das Stichwort Geld spielt in der ganzen Geschichte eine maßgebliche Rolle. Für die Kostenträger – zu 50 Prozent im Bereichsausschuss vertreten – sei die geltende Regelung im Kreis recht günstig, weshalb daran tunlichst nicht gerüttelt werden soll. Und warum rüttelt die Helios-Klinik, die für die Notarztversorgung zuständig ist und ab 1. Oktober die Verträge mit den freiwilligen Notärzten übernimmt, nicht an dem ganzen Konstrukt? Ganz einfach, sagt Gromer: "Die Klinik muss die niedergelassenen Ärzte betüddeln, schließlich ist sie auf deren Patientenlenkung angewiesen." Sprich: Wer den niedergelassenen Arzt verärgere, riskiere, dass dieser seine Patienten künftig nicht mehr zur weiteren Untersuchung oder Behandlung in die Rottweiler Klinik, sondern vielleicht nach Villingen überweist. Schlecht für die Wirtschaftlichkeit, sagt Gromer.

Ob sich im Kreis Rottweil etwas ändert? Fraglich. Fakt sei, so Gromer, dass per Rettungsdienstgesetz auch das Zweier-Team des Notarztfahrzeugs stets eine Einheit bilden muss, um jederzeit einsatzbereit zu sein. "Wenn der diensthabende Arzt nicht auf die Wache kommen will, muss der zweite Mann dann wohl mit ihm auf seiner Terrasse grillen – und auch gleich bei ihm übernachten."

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