Joachim Patig schaut kritisch auf den 13. Stimmzettel, entscheidet dann: ungültig. Das Aus für Talheim 21? Foto: Hopp

Stimmenpatt und doch Jubel: Abstimmungskrimi um Talheim 21. Thomas Staubitzer: "Hohes Gut Dorffrieden wichtiger als alles andere."

Horb-Talheim - Das war enger als es viele erwartet haben: Am Ende stimmten im Talheimer Rat sechs gegen und sechs für das Projekt. Eine Stimme war ungültig. Bei Stimmenpatt heißt es: Talheim 21 wird vom Ortschaftsrat abgelehnt. Ein wichtiges Signal, doch nun müssen die Talheimer noch auf ein Nein im Gemeinderat hoffen.

Um 21.37 Uhr verkündete Ortsvorsteher Thomas Staubitzer das Ergebnis: "Es ist etwas kompliziert. Eine Stimme ist ungültig. Es sind sechs Ja- und sechs Nein-Stimmen." Stille in der Steinachhalle. Staubitzer: "Das heißt: Der Ortschaftsrat lehnt die Steinbruchauffüllung ab." Jubel und Applaus, während Steinbruch-Unternehmer Armin Kaltenbach das Ergebnis mit einem eingefroren Lächeln und Kopfschütteln kommentiert.

Es war eine aufgeheizte Stimmung in der vollen Steinachhalle gestern Abend. Nach der Begrüßung von Ortsvorsteher Thomas Staubitzer startete Ratsmitglied Roland Becht gleich mit einer mutigen Stellungnahme, die für einige Pfiffe sorgte. "Die Ursache der Gegnerschaft liegt aus Erfahrungen früherer Zeiten. Risse in den Häusern. Belastungen der Einwohner. Doch die Belastungen werden teilweise geringer sein. Rußlaster sind Vergangenheit und sie sind bedeutend leiser als früher." Becht weiter: "Ich muss alle Seiten vertreten. In unterem Talheim und oberen Talheim sind auch Menschen dafür." Er sieht die finanziellen Vorteile für den Ort: "Man kann viel für den Ort verändern. Wenn kein Geld da ist, dann kann man auch nichts machen."

Ortschaftsrat Anton Ade berichtete von seinem Gewissenskonflikt: "Ich bin Alt-Anlieger. Ich bin groß geworden an dem Steinbruch. Ich habe zuerst überlegt, ob man die Tagesordnung absetzen soll, da wir noch nicht so weit sind in der Entscheidungsfindung. Grundsätzlich bin ich fürs Auffüllen." Allerdings gebe es auch gewichtige Argumente gegen das Projekt: "Das, was an Lkws reinkommt, ist grenzwertig. Besonders für die Anwohner. Und 1600 Unterschriften der Bürgerinitiative sind ein Wort." Dann erklärte Ade: "Wenn ich heute abstimme, werde ich dagegen stimmen aufgrund der derzeitigen Verkehrsbelastung." Jubel aus der Bürgerschaft. Ade machte aber auch deutlich, was vielleicht irgendwann mal auf Talheim zukommen könnte. "Der Unternehmer Kaltenbach kann jederzeit einen zweiten Steinbruch auf der Gemarkung Talheim aufmachen."

Mutig stellte sich auch Egon Klink gegen die Mehrheit der Besucher in der Steinachhalle: "Für mich überwiegen langfristig die Vorteile." Klink begründete: "Als ich von der Auffüllung erfahren habe, war meine Reaktion: Warum sollen wir Aushub von Stuttgart 21 bei uns haben? Aber es gibt viel Geld für unseren Ort, für unsere Sanierungen. Mit den Mitteln könnten wir auch die Probleme mit dem baldfehlenden Arzt in den Griff bekommen. Bei Abwägung der Vor- und Nachteile finde ich: Langfristig werden wir von diesem Geld profitieren." Die Reaktionen: viele Pfiffe, aber auch vereinzelt starker Applaus, vor allem von Unternehmer Kaltenbach, dem man die Anspannung deutlich anmerkte.

Matthias Müller, ein noch frisches Ratsmitglied, sah das anders: "Die Verkehrslage ist bisher nicht klar. Auch der Sicherheitsaspekt. Bei einer Teilverfüllung bleiben die Felsvorsprünge weiterhin bestehen. Man braucht immer noch einen Zaun. Klar kann man mit dem Strukturbeitrag viel bewegen, vielleicht bekommt man aber auch woanders Mittel."

Auch Hermann Walz sprach sich gegen das Projekt aus: "Fakt ist zwar: Der Ort würde davon profitieren. Aber die Verkehrssituation ist als deutlich wichtiger anzusehen. Wenn man über vier Kurven anfahren muss, ist es nicht machbar. Nein danke, für ein paar Euros. Ich werde sicherlich mit Nein stimmen."

Oliver Faßnacht sagte kurz und knapp: "Für mich gibt es nicht so viele Pro wie Kontras, deswegen kann ich der Teilauffüllung nicht zustimmen."

Auch Alexander Kotzur sprach sich gegen Talheim 21 aus, übte aber auch Kritik an seinen Mit-Talheimern: "Es ist schön, die ganze Halle voll zu sehen. Aber es gibt so viele wichtige Themen im Ort, und niemanden interessiert es." Dann sagte er deutlich: "Meiner Ansicht nach macht es keinen Sinn, für ein paar Euros die Sicherheit von Schulkindern zu gefährden. Wäre das Ganze außerhalb der Ortschaft, würde ich vielleicht anders denken."

Catrin Weihing berichtete von einer schwierigen Situation in den vergangenen Wochen: "Es ist der Wahnsinn, unter welchen psychischen Druck wir durch die BI stehen. Es gab viele SMS und Briefe. Es war wirklich alles sehr belastend."

Ähnliches berichtete Silke Wüstholz: "Es gab wilde Spekulationen. In unserem Ort hat sich sehr viel verändert. Es hat sich alles aufgeheizt. Wir Räte wurden ständig unter Druck gesetzt, und wir werden bedroht. Ich muss mit einem tränenden Augen Nein stimmen, weil ich Angst habe."

Harald Götz, selbst Bauunternehmer: "Ich weiß um die Lage. Es gibt nirgends mehr Deponien, wo man auffüllen kann. Allerdings gibt es an diesem Ort viele Kurven, es gibt viel Verkehr und Krach. Es gibt Begegnungsverkehr. Ich bin nicht dafür und ich nicht dagegen, ich weiß nicht, wie ich mich entscheide."

Armin Kreidler zeigte sich ebenfalls unschlüssig: "Herr Kaltenbach hat uns Fakten dargelegt. Die Topographie ist sehr schwierig, fast unmöglich. Es kann mir keiner garantieren, dass der Lkw mit 20 oder 30 km/h fahren wird."

Jürgen Neumann erklärte: "Meiner Ansicht nach ist Geld nicht wichtig. Bei meinem Abstimmungsverhalten geht es darum: Kann ich das meinem Ort zumuten?"

Dann stellte Götz um 21 Uhr den Antrag, das geheim abgestimmt wird. Joachim Patig, Fachbereichsleiter Steuerungsdienste der Stadt Horb, erklärte, was es damit auf sich hat: "Abstimmungen haben nach Gemeindeordnung eigentlich öffentlich stattzufinden. Es kann aber eine Ausnahme geben, und zwar dann, wenn in kleineren Gemeinden und Ortschaften Räte befürchten müssen, dass ihr Abstimmungsverhalten negative Auswirkungen im Privaten und Geschäftlichen haben können." Das Gremium zog sich daraufhin zurück, um nicht-öffentlich abzustimmen, ob über das Projekt geheim abgestimmt werden soll. Das wurde mit drei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen bejaht. Ratsmitglied Kotzur appellierte noch einmal an die Bürger: "Wir werden für alle entscheiden. Bitte akzeptiert nachher diese Entscheidung."

Dann wurde die Urne in der Ecke aufgestellt. Nach zehn Minuten ist der Abstimmungskrimi beendet.

Oberbürgermeister Peter Rosenberger meldete sich danach zu Wort: "Es ist eine Abstimmung, die die Ortschaft nicht gespalten hat. Der Gemeinderat der Stadt Horb wird am nächsten Dienstag dieses Thema als Punkt eins behandeln." Dann gab Rosenberger die Empfehlung der Stadtverwaltung, die er am 10. Oktober schon unterschrieben hatte, bekannt: "Auch die Verwaltung spricht sich gegen das Projekt aus." Der an diesem Abend größte Jubel bricht aus.

Erste Reaktionen. Steinbruch-Unternehmer Kaltenbach: "Ein ganz klares Dankeschön an den Ortschaftsrat, der sich unter dem Druck, unter dem die einzelnen Mitglieder wirklich gelitten haben, Mühe gegeben hat. Der Rest ist enttäuschend." Kaltenbach-Mitarbeiter Kiefer schüttelte BI-Sprecher Dietmar Meintel die Hand. Der sagt: "Ich bin überwältigt von dem Abstimmungsergebnis. Muss das erst einmal verdauen." Ortsvorsteher Staubitzer: "Persönlich halte ich die Entscheidung für richtig. Das hohe Gut Dorffrieden ist wichtiger als alles andere."

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