Luis Schneiderhan (links) ist mit seinen 18 Jahren der jüngste Fraktionschef. Er musste sich gleich einer Feuerprobe stellen. Foto: Hopp

Jüngster Fraktionschef Deutschlands gerät bei Premiere im Gemeinderat gleich ins Kreuzfeuer.

Horb - Auch darauf kann Horb stolz sein: Im Gemeinderat am Dienstag sitzt Luis Schneiderhan in der ersten Reihe – damit dürfte der 18-jährige OGL-Stadtrat der jüngste Fraktionschefs Deutschlands sein. Bei dieser Premiere gerät er gleich ins Feuer. Und schafft es, die Wogen zu glätten.

Im Sitzungssaal des neu gewählten Horber Gemeinderats ergibt sich ein schon optisch ungewöhnliches Bild. In der ersten Reihe der Offenen Grünen Liste sitzt das jüngste Gesicht des Gemeinderats: Luis Schneiderhan (18). Dahinter die Oldies: Kristina Sauter (76) und Wolf Hoffmann (67) – sozusagen die "Hinterbänkler" des Fraktionschefs.

Doch die beiden "Senioren" haben damit überhaupt kein Problem. Sauter: "Wir sind stolz darauf, dass es so ist. Für Luis war es selbstverständlich, dass er die Verantwortung übernimmt." Hoffmann: "Wir haben uns gesagt: ›Lasst uns die Jugend ernst nehmen.‹ Deshalb ist Luis jetzt unser Fraktionschef." Und der musste gleich bei seiner Premiere die erste Feuerprobe überstehen.

Rodolfo Panetta (ULH): "Ich kann Luis Schneiderhan nicht als Stellvertreter des Oberbürgermeisters wählen. Ich bin irritiert über einen Beitrag von ihm im Internet, in dem er sich für die Reinhaltung des Neckars ausspricht. Zum Schluss verknüpft er diese Aussage geschickt mit einer politischen Aussage, die im Hintergrund eingeblendet wird. Das die AfD –­ der Partei, der ich angehöre und die demokratisch gewählt wurde –­ im Mülleimer entsorgt wird. Damit posiert er auch noch in der Zeitung. Der Stellvertreter des Oberbürgermeisters, der alle Menschen in der Stadt vertreten soll, braucht eine politische Mäßigung."

Schneiderhan geht direkt auf diese Kritik ein: "In meinem Film geht es ausschließlich um das Wohl des Neckars. Der Mülleimer wird zwar gezeigt, aber ich meine, dass man die Schriftzeichen der AfD nicht erkennt. Dieser Film ist vor über einem Jahr gedreht worden. Ich lasse mir nicht unterstellen, dass ich im öffentlichen Raum eine Partei schlechtreden will."

Ein guter Konter. Fakt ist: Im Film "Unser Neckar" von Schneiderhan, der den dritten Preis beim baden-württembergischen Kurzfilmpreis gewonnen hat, taucht der umstrittene Mülleimer ab der zweiten Minute auf. Auf diesem Mülleimer ist ein Grafiti zu erkennen, welches das AfD-Symbol mit Pfeil in den Einwurfschlitz zeigt. Die "gute Fee" zeigt dann auf den Eimer, das AfD-Logo ist seitlich von vorne gut eine Sekunde zu sehen. Jedoch wird kein Wort davon gesprochen, dass die AfD in den Mülleimer gehört.

Der Schwarzwälder Bote berichtet am 30. Juli 2018 über den Filmpreis. Zeigt Schneiderhan, wie er am "Hauptschauplatz" seines Films sitzt mit der Urkunde in der Hand. Er zeigt mit Finger auf den Mülleimer, auf dem auch das "AfD"-Logo erkennbar ist. Im Text nimmt er allerdings keinen Bezug auf die Partei, sondern sagt nur: "Am Ende reagieren die Menschen und werfen ihren Müll in den Mülleimer." Der Faktencheck ergibt also: Schneiderhan hat fundiert und korrekt geantwortet.

Schneiderhan überzeugt seine Kritiker

CDU-Fraktionschef Michael Keßler: "Der Film ist ein Jahr alt. Er war damals jung. Ich nehme ihm wirklich ab, dass er seiner politischen Verantwortung gerecht wird."

FD/FW-Fraktionschefin Margarete Rebholz: "Ich denke, das sind Dinge der Vergangenheit. Der Film gehört zur Kunst –­ und die ist frei."

SPD-Fraktionschef Thomas Mattes: "Ich denke, da ist vieles an den Haaren herbeigezogen."

BiM-Fraktionschefin Christina Nuss: "Man platziert nicht jedes Wort so genau in seiner Jugend wie man es hier im Gremium macht."

Und das überzeugt auch Rodolfo Panetta (ULH). Er sagt: "Das AfD auf dem Mülleimer ist deutlich zu sehen. Die Ausführungen von Luis Schneiderhan haben mir sehr gut getan. Er ist ein junger Heißsporn. Ich denke, wir sollten eine Sache, die zurückliegt, nicht als Belastung für die Zukunft nehmen."

So hat Schneiderhan sogar seinen Kritiker überzeugt. Und wie war der Moment für ihn selber? Schneiderhan erklärt im Gespräch mit unserer Zeitung: "Mein Herzschlag ist schon in die Höhe gegangen. Ich hoffe, dass sich das mit meiner Zeit im Gemeinderat noch entspannt!"

Politische Größe haben Schneiderhan, seine OGL und die anderen Fraktionen übrigens schon vorab gezeigt. Obwohl die ULH (mit AfD-Mitglied Panetta) nach der Wahl keinen Fraktionsstatus mehr mit zwei Sitzen hat, hat sie dennoch einen Sitz im Ältestenrat bekommen. Das ist das Gremium, in dem vorab über wichtige anstehende Projekte und Grundsatzfragen informiert und diskutiert wird. Dass die ULH dort jetzt einen Gastsitz bekommt, kann man schon als Angebot und Vertrauensbeweis verstehen.

Hätte Panetta gegen Schneiderhan gestimmt, hätten alle Ausschuss-, Aufsichtsrats-, Vize-OB-Posten einzeln abgestimmt werden müssen. Das betont auch CDU-Frakttionschef Michael Keßler: "Die im Vorfeld beschlossene Einigung heißt: Sämtliche Gruppierungen gehen einen Kompromiss ein. Wir haben auch dafür gesorgt, dass ihre Wählervereinigung in den Ältestenrat gekommen ist."

SPD-Fraktionschef Mattes: "Wir haben uns schwer getan mit dem Gaststatus der ULH im Ältestenrat."

Weil Schneiderhan es geschafft hat, glaubhaft die Attacke von Panetta abzuwehren und das Missverständnis aufzuklären und der ULH-Stadtradt ihm das abgenommen hat, stimmt der Gemeinderat dann einstimmig allen Gremienbesetzungen zu.

Und damit ist Schneiderhand auch einer der Stellvertreter von Oberbürgermeister Peter Rosenberger. Bei seiner ersten Feuerprobe hat der 18-Jährige bewiesen, dass er auch dafür das Format besitzt.