Das Ankunftszentrum Ukraine war die zweite vorbildlich geführte Heimat auf Zeit für Geflüchtete in Meßstetten. Einen maßgeblichen Teil dazu beigetragen haben Ehrenamtliche – koordiniert von Katja Weiger-Schick, die selbst davon profitiert hat.
„Bei mir ploppt vieles auf“, sagt Katja Weiger-Schick und lacht. Ob Tierasyl, unterstützt vom Verein „Pfotenengel“, oder Legoprojekt: Die Ehrenamtskoordinatorin des Ankunftszentrums Ukraine (AZU) kümmert sich im Auftrag des Regierungspräsidiums Tübingen zusammen mit einem Team von Ehrenamtlichen aus der Region um manche großen und ganz viele kleine Probleme, die überall dort auftauchen, wo Menschen zusammenleben, die vor dem Krieg gegen ihr Heimatland geflüchtet sind.
„Viele Ukrainer bringen ihre Haustiere mit“, das sei eine der Herausforderungen, die es zu bewältigen gebe, sagt Katja Weiger-Schick: „Hunde und Katzen, Vögel, Hasen und Meerschweinchen.“ Diese müssten geimpft und die Quarantäneregeln eingehalten werden, drei mal am Tag dürften ihre Besitzer sie besuchen, und die „Pfotenengel“ kümmerten sich nicht nur um die Tiere, sondern auch um die dazugehörigen Menschen.
Dann gibt es im AZU die „Lego-Herren“ der Spielwerkstatt Zollernalb – so nennt Weiger-Schick die Senioren, die mit den geflüchteten Kindern aus Legosteinen eine kleine Welt aufbauen – in einer Zeit, da ihre eigene gerade von russischen Aggressoren zerbombt wird. Spenden müssten begutachtet und für jene aufbereitet werden, die sie brauchen können.
„Harald Fritz ist unser Joker“
„Ein Joker aber ist Harald Fritz“, betont Katja Weiger-Schick mit Blick auf den „Mann für alle Fälle“: Den früheren Leiter des Polizeipostens Meßstetten hatte die Stadt, kurz nach seiner Pensionierung, damit beauftragt, sich zu kümmern: „Er hat Wohnungen für die Ukrainer gesucht, Umzüge organisiert und vieles mehr.“
Sie selbst ist die Schnittstelle für viele Helfer. Ob für den Sprachkurs Papier, für die Kinder Schulranzen und Turnbeutel, Badebekleidung oder Fußballschuhe gebraucht werden: Die bestens vernetzte Journalistin, Vorsitzende des Nusplinger VfB-Stuttgart-Fanclubs „Bärastark“, Mitglied im TSV Nusplingen und Mutter von zwei Söhnen weiß, wo sie nachfragen muss.
„Alles steht und fällt mit den Kontakten nach draußen“, sagt sie mit Blick auf das abgelegene Areal der früheren Zollernalb-Kaserne, auf dem seit gut zwei Jahren Kriegsflüchtlinge leben – aktuell noch 187.
Wobei Vereine der Region eine wichtige Rolle spielten: „Der Frauenverein ‘Happy Woman‘ aus Balingen bietet Tanz für die Bewohner an, der Gospelchor ‘Rejoice‘ kommt oft für Konzerte und öffentliche Proben, der Wildgehegeverein lässt die Kinder Tiere besuchen, Förster Thomas Holl“ – er ist auch Stellvertreter von Bürgermeister Frank Schroft – „und die Mitarbeiter des Projekts von Forst BW gehen mit den Kindern in die Natur und bauen mit ihnen Futterhäuschen. Die ‘Klücklich-Clowns‘ waren am Weltkindertag da. Und viele weitere Vereine laden zu Sport und kreativem Arbeiten ein. Dabei sind viele Freundschaften entstanden.“
Wenn die Kinder weinen, bricht es ihr das Herz
Außerdem kümmerten sich die Ehrenamtlichen darum, Kinder in den Vereinen jener Gemeinden unterzubringen, die Geflüchtete aufnehmen.
Sprachkurse „mit sehr alltagsnahem Vokabular“ böten der Dienstleister ORS, der Zollernalbkreis und die Firma Groz-Beckert an, und die Kinder gingen in Regelschulen, manche davon in Vorbereitungsklassen, in denen das Erlernen der deutschen Sprache zunächst Priorität hat.
Dass die Kinder traurige Nachrichten aus der Heimat von gefallenen Vätern oder getöteten Verwandten erreichen, bricht Katja Weiger-Schick nicht selten schier das Herz, „aber oft können wir schon mit Kleinigkeiten viel bewirken. Wenn wir uns um die Kinder kümmern, entlasten wir auch die Mütter. Das ist einfach sinnstiftend“, freut sich die 49-Jährige. „Für mich ist das hier ein Herzensprojekt.“
Wichtig: Das System muss atmen
Als „Mann der ersten Stunde“ sei Rüdiger Wysotzki, ebenfalls pensionierter Polizeibeamter, im AZU aktiv, „und er schaut nach allem.“ Dieter Ludolf – einst Bundeswehrsoldat auf dem Geißbühl – sei der „Herr der tausend Schlüssel“ und öffne im Wortsinn Türen. Ganz wichtig seien außerdem Marco Rigano, der Einrichtungsleiter des RP, und Harry Maisner, den das Landratsamt zum Verwaltungsleiter ernannt hat.
„Alles läuft hier sehr unkompliziert, und davon profitieren auch die Bewohner, die in der Erstaufnahme des RP einige Tage bis Wochen, in der vorläufigen Unterbringung des Landratsamtes ganz unterschiedlich lang bleiben“, sagt Weiger-Schick.
Die größte Herausforderung: „Wenn wir etwas veranstalten, wissen wir oft nicht, wie viele kommen.“ Dann sei ein „atmendes System“ wichtig: „Wie bekommen wir es hin, dass jedes Kind ein Weihnachtsgeschenk bekommt und der Punsch reicht?“ Alles Fragen, die das Team stets gelöst hat – irgendwie. „Alles basiert auf dem guten Miteinander“, betont die Ehrenamtskoordinatorin. „Wir wissen von allen, was sie gut können und wo sie entsprechend gut eingesetzt sind.“
„Wir begleiten die Kinder in einer prägenden Zeit“
Ganz besonders ins Herz geschlossen hat Katja Weiger-Schick aber den Ukrainer Jurii: „Er ist ein Herzensmensch, pflegt die Anlage, sammelt Müll und ist sehr dankbar, dass er hier sein darf.“ Mit über 70 Jahren hilft er – ebenso wie Landrat Pauli und viele Bewohner – bei gemeinsamen Pflanzaktionen mit. Wobei Blau und Gelb, die ukrainischen Nationalfarben, natürlich eine große Rolle spielen – für ein kleines bisschen Heimatgefühl.
Abends, wenn Katja Weiger-Schick heimfährt nach Nusplingen, nimmt sie goldene Momente mit: „Das Lachen von Kindern, die verschüchtert angekommen sind und in der Kinderbetreuung aufleben“ zum Beispiel. „Wir begleiten die Kinder in einer lebensprägenden Zeit“, weiß die Mutter, die das von ihren Söhnen Peter und Paul kennt: „Meine Kinder werden sich später nicht daran erinnern, ob ich alle Fenster geputzt habe, sondern daran, dass wir zusammen Muscheln gesammelt haben.“ Solche Qualitätszeit wollen sie und die Ehrenamtlichen auch den jüngsten Kriegsflüchtlingen bescheren.
„Studie zeigt: Wir haben ganz viel richtig gemacht“
Eine Unicef-Studie von 2023, für die viele Kinder befragt worden seien, „hat gezeigt, dass wir hier ganz viel richtig gemacht haben“ – das freut Katja Weiger-Schick am meisten. „Entscheidend ist immer die Begegnung zwischen Menschen, und es gibt so viele gute Menschen in unserer Region – wir finden immer jemanden, der uns unterstützt.“
Wenn das AZU schließen wird, geht für die Ehrenamtskoordinatorin und ihre Kollegen auch „ein Stück Leben“ zu Ende, und nicht nur für sie: Ihren Mann Markus und die Söhne Peter, inzwischen Student, und Paul, der noch die Schule besucht, hat Katja Weiger-Schick ganz ordentlich eingespannt im AZU. Und allen Vieren war es dabei stets egal, ob daheim alle Fenster blitzblank geputzt waren: Das Erlebnis, Menschen in Not helfen zu können, bleibt ihnen. Für immer.