Von G8 zu G9 – vielen Schülern könnte ein weiteres Jahr auf dem Gymnasium den Schulalltag entzerren. Foto: Armin Weigel/dpa

Nicht nur Elterninitiativen sondern auch Lehrer hatten auf eine Rückkehr zum G9 gepocht, nun strebt Baden-Württemberg ein entsprechendes Modell an. Die Schulleiter aus VS vertreten dabei eine ähnliche Meinung.

Das Bürgerforum gab wohl den entscheidenden Impuls: In Baden-Württemberg sollen Schüler zukünftig wieder darüber entscheiden dürfen, ob sie das Gymnasium in acht oder neun Jahren absolvieren möchten. Die Landesregierung möchte nun ein entsprechendes Modell ausarbeiten. Bei den Verantwortlichen der Gymnasien in Villingen-Schwenningen stößt dies auf Wohlwollen.

 

„Nicht jeder Kuchen wird besser, wenn man ihn statt eine Stunde bei 180 Grad eine halbe Stunde bei 360 Grad backt.“ Jochen von der Hardt, Schulleiter beim Gymnasium am Romäusring (GaR), bringt die Sicht vieler Pädagogen auf den Punkt.

Der Oberstudiendirektor ist überzeugt davon, dass Bildung Zeit braucht – „das hat ja auch was mit Reife zu tun“. Die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium als Ergänzung zum bestehenden G8 sieht er als „notwendig“ an.

Etwas von der Kindheit zurückgeben

Auf diese Weise könne man den Kindern etwas von ihrer Kindheit zurückgeben und Teile des Generationenvertrags erfüllen. Dass G8 als Wahlmöglichkeit bestehen bleibt hält er für sinnvoll: „Manche Kinder brauchen mehr Futter.“ Zwar müsse die endgültige Entscheidung noch von den gewählten Vertretern getroffen werden, dass die öffentliche Debatte zu einem Umdenken führt, sieht er als positiv an. Von der Hardt: „Dieser Weg der politischen Willensbildung war sehr gut.“

Als „ersten Schritt in die richtige Richtung“ sieht Tobias Hummler als Teil des (GaR) Schulleitungsteam die G9-Überlegung an. Der Studiendirektor sieht sich aber als Verfechter eines zehnjährigen Zugs, fordert deshalb ein G10. „Vormittags Unterricht, nachmittags ab 13 Uhr frei“, erklärt Hummler. Gleichzeitig solle ein qualitativ hochwertiges Angebot für eine Ganztagesbetreuung vorgehalten werden – angepasst an den Bedarf und um mögliche schulische Defizite auszugleichen.

Mehr Zeit für Interessen und Ehrenamt

Hummler hofft bei der Debatte auf „mehr Mut“, denn zu einer ganzheitlichen Bildung gehört aus seiner Sicht nicht nur die Schule. Der Studiendirektor zielt dabei auf die ehrenamtliche Arbeit, beispielsweise in Vereinen ab. Der Nachmittag sei notwendig, um in der Freizeit „Neigungen und Interessen zu verfolgen“. Nur so sei „eine Menschenbildung“ umzusetzen. Gleichzeitig solle so der Druck von Schülern genommen werden, „die müssen ja ohnehin womöglich bis 75 arbeiten“.

Die Übungsphasen kämen zu kurz

In eine ähnliche Kerbe schlägt der Schulleiter des Gymnasiums am Deutenberg in Schwenningen, Zoran Josipovic.

Es freue ihn sehr, dass sich die Politik „durchgerungen“ habe, dem G9-Modell eine Chance zu geben. „Wir brauchen das ganz dringend“, äußert er sich zur Diskussion. Denn momentan kämen in der Schule vor allem die Übungsphasen, vor allem in der Mathematik, viel zu kurz.

Jetzt gehe es darum, ein „intelligentes G9“ zu erarbeiten, also gezielt zu schauen, an welcher Stelle die Lehrpläne entzerrt werden können. Hierbei sieht Josipovic Möglichkeiten in der Mittelstufe. Sicherlich hätten jetzt auch die Ergebnisse der Pisa-Studie einen Einfluss in die Diskussion – vor allem aber sieht er das G8-Modell als nicht mehr zeitgemäß an. „Das war früher vielleicht einmal so, aus wirtschaftlichen Gründen. Heutzutage macht G8 aber einfach keinen Sinn mehr.“

Die Schüler bräuchten neben dem Lernen auch Zeit für Musik, Vereine oder ehrenamtliches Engagement – „bei all dem Lernen bleibt das Soziale total auf der Strecke“, meint der Schulleiter. „Gern würden wir den Schülern dafür mehr Zeit geben.“