Diese grausame Tat wird in der Region wohl nie in Vergessenheit geraten: Drazen D. erschießt im September 2017 seinen kleinen Sohn, den neuen Freund seiner Ex-Partnerin und dessen Cousine. Das Motiv: Rache. Fünf Jahre nach der Tat gibt es nun überraschende Neuigkeiten zum verurteilten Täter.
Rottweil/Villingendorf - Sechs Schüsse hallen am 14. September 2017 im beschaulichen Villingendorf durch die Nacht. Viele in der Gemeinde glauben zunächst an ein Feuerwerk, ein Fest. Dass es tödliche Schüsse sind, die drei Menschenleben auslöschen - darunter das eines kleinen Jungen, der an diesem Tag fröhlich in der Turnhalle seine Einschulung gefeiert hatte - unfassbar. Nach und nach kommt die Grausamkeit der Tat ans Licht. Und die Jagd auf den Mörder beginnt.
Wer der Täter ist, ist schnell klar. Drazen D. hatte seiner Ex-Partnerin die Tat mehrfach angekündigt: Er werde alle töten, die sie liebt, damit sie leidet. Auch den kleinen Sohn. Der 40-Jährige wollte Rache. Rache dafür, dass die Mutter seines Kindes es gewagt hatte, ihn zu verlassen. Rache dafür, dass sie den kleinen Sohn mitnahm und mit einem neuen Partner ein neues Leben beginnen wollte. Ein Leben ohne Schläge, ohne Bedrohungen. Ihre Flucht nahm an diesem Tag ein grausames Ende.
Repetiergewehr in Kroatien besorgt
Am 14. September macht Drazen D. seine Drohung wahr. Er hat die neue, geheime Adresse der Frau ausspioniert, weiß, dass sein Sohn an diesem Tag Einschulung feiert.
Schon am Morgen macht er sich auf den Weg in den Ort – die Tatwaffe ist mit Lautsprecherkabeln unter dem Auto festgemacht. Drazen D. hatte sie zuvor in seinem Heimatland Kroatien besorgt. Ein Repetiergewehr, das zu Kriegszeiten vom Militär genutzt wurde. Er postiert sich unter anderem vor der Turnhalle, beobachtet das Geschehen.
Mit geladener Waffe tritt er aus dem Dunkeln
Später am Abend lauert er vor der Terrasse der Wohnung, wo seine Ex-Partnerin mit dem sechsjährigen Sohn, dem neuen Lebensgefährten und dessen Cousine sowie deren Kind den besonderen Tag feiert. Gegen 21.30 Uhr tritt Drazen D. mit geladener Waffe auf die Terrasse, erschießt sofort den 34-jährigen Lebensgefährten, feuert auf dessen 29-jährige Cousine und betritt dann die Wohnung, um auch seinen kleinen Sohn zu töten. Drei Schüsse aus dem großkalibrigen Gewehr treffen den Sechsjährigen aus knapp 50 Zentimetern Entfernung.
Die junge Mutter kann flüchten, will Hilfe holen – doch vergeblich. Drazen D. feuert den sechsten Schuss auf den bereits am Boden liegenden 34-Jährigen ab, zündet sich dann eine Zigarette an. Und flüchtet ohne Hast. Die kleine Tochter der 29-Jährigen wird später in der Wohnung gefunden, sie hatte sich in einem Schrank versteckt.
Täter tagelang auf der Flucht
Ein Großaufgebot der Polizei sucht tagelang nach dem Täter, die ganze Region ist in Angst. Am 19. September kommt dann die erlösende Nachricht. Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung wird der 40-Jährige in Neufra gefasst. Die Tatwaffe hat er bei sich. "Ich bin der, den ihr sucht", sagt er der Polizei.
Die Details werden anschließend in einer Pressekonferenz bekanntgegeben, Medien aus ganz Deutschland sind vor Ort.
Im Prozess zeigt Drazen D. keine Reue
Mitte März 2018 beginnt der Prozess gegen ihn vor dem Landgericht Rottweil. Es spielen sich in 16 Verhandlungstagen erschütternde Szenen ab. Die Mutter des getöteten Sechsjährigen konfrontiert den Täter mit Bildern des kleinen gemeinsamen Sohnes. Ihre verzweifelten Schreie beim Notruf an die Polizei werden auf Tonband abgespielt. Der Täter auf der Anklagebank bleibt – wie den ganzen Prozess über – weitgehend regungslos. Er zeigt keine Reue.
Im Prozess kommen nicht nur alle Details der Tat ans Licht – es wird auch klar, dass Drazen D. eine tickende Zeitbombe war. Schon seine erste Frau hatte er geschlagen und ihr gedroht, sie und die Kinder umzubringen. Auch die 32-jährige Mutter des getöteten Sechsjährigen schlug und tyrannisierte er jahrelang. Die junge Frau flüchtete ins Frauenhaus, wandte sich nach der Trennung mehrfach schutzsuchend an die Polizei, berichtete von den Morddrohungen ihres Ex-Partners. Nichts geschah. Ein Annäherungsverbot hielt er nicht ein.
Hätte die Tat verhindert werden können?
Die junge Mutter erstatte nach der Tat Anzeige gegen Polizei und Behörden. Sie ist sich sicher, dass die Tat hätte verhindert werden können. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt. Der Polizei seien trotz der Morddrohungen und vorangeganger Sachbeschädigung an der Wohnung der Frau aufgrund der Gesetzeslage die Hände gebunden gewesen.
Landgericht Rottweil verhängt lebenslange Haft
Ende Juni 2018 fällt am 17. Verhandlungstag das Urteil gegen Drazen D.: Das Landgericht Rottweil verhängt eine lebenslange Haftstrafe und stellt die besondere Schwere der Schuld fest. Eine Aussetzung der Strafe bereits nach 15 Jahren ist damit nicht möglich.
Drazen D. nicht mehr in Deutschland
Inzwischen sind viereinhalb Jahre vergangen. Wo sitzt Drazen D. jetzt ein? Wie verläuft seine Haft? Unsere Redaktion will dies in Erfahrung bringen und wendet sich deshalb an die Staatsanwaltschaft Rottweil. Die Anfrage bringt Überraschendes zu Tage: Drazen D. befindet sich nicht mehr in Deutschland. Er wurde vor rund zwei Wochen "aufgrund eines europäischen Vollstreckungsübereinkommens nach Kroatien abgeschoben", lautet die brandaktuelle Information.
Doch wie kommt es dazu? Tatsächlich habe Drazen D., inzwischen 45 Jahre alt, selbst darum gebeten, die Freiheitsstrafe in Kroatien verbüßen zu können. "Das ursprüngliche Begehren kam vom Verurteilten", so die Staatsanwaltschaft. Dies sei von den hiesigen Vollstreckungsbehörden geprüft und gemäß dem vorhandenen europäischen Rahmenbeschluss zu diesem Thema dann bei den kroatischen Behörden beantragt worden.
Mit einem Rahmenbeschluss zur Überstellung von Gefangenen unterstützt die EU die Resozialisierung von Strafgefangenen, indem sie es ermöglicht, einen gegen sie verhängte Strafe in ihrem Heimatland zu verbüßen. Dazu wurde, wie es auf einer Infoseite der EU heißt, "ein System zur Überstellung verurteilter Personen in den EU-Mitgliedstaat geschaffen, aus dem sie kommen, in dem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben oder zu dem sie enge Beziehungen haben." Drazen D. stammt aus Kroatien. Das Land ist seit 2013 Mitglied der EU.
Vollstreckung "in etwa" gleich
Und was bedeutet das für die Dauer seiner Haft? Die Staatsanwaltschaft informiert hierzu, es werde dabei grundsätzlich – und auch im Fall Drazen D. – darauf geachtet, dass die Vollstreckung der hiesigen Vollstreckung – auch hinsichtlich der Dauer – "in etwa entspricht".
An der Villingendorfer Schule erinnert seit der Tat ein Baum, der kurz nach der Tat gepflanzt worden war, an den getöteten Sechsjährigen. Die Mutter des Jungen hat die Region nach dem furchtbaren Geschehen verlassen. Sie hatte Monate nach der Tat ein Bild mit den nebeneinander liegenden Gräbern den Getöteten gepostet mit den Worten: "Verzeih mir mein Sohn, dass ich lebe und nicht du."
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