Mit Gleichgesinnten kletterten Yunus Borowczak und Cornelia Garnitz für Heilung. Foto: Archiv Borowczak

Zehn Jahre ist es her, dass die Nachricht von der Leukämieerkrankung des zwölfjährigen Yunus Borowczak aus Tailfingen eine Welle der Hilfsbereitschaft in Albstadt auslöste. Heute ist Yunus 23, und es geht ihm gut – gut genug für eine Himalaya-Expedition.

2013 hatte Yunus die schockierende Diagnose erhalten: chronische myeloischer Leukämie, kurz CML. Die Nachricht machte die Runde in Albstadt; die Folge waren eine Typisierungsaktion mit 826 Neuregistrierungen und 46 000 Euro Spendengeld, zahlreiche Spendenaktionen und Benefizveranstaltungen von Vereinen, Schulklassen und Laienspieltruppen – Albstadt fieberte mit Yunus.

 

Danach wurde es ruhiger um ihn. Er hatte ein Stück weit Glück im Unglück gehabt: Just zur Zeit, als er erkrankte, waren Medikamente auf den Markt gekommen, die das unkontrollierte Wachstum unreifer weißer Blutkörperchen bremsten – sie schlugen an und erwiesen sich nach anfänglichen Problemen als verträglich. Yunus ist zwar nicht geheilt, führt aber ein normales Leben und studiert Zahnmedizin in Budapest.

Klettern für Heilung – sammeln für Forschung

Vielleicht wäre Yunus nie auf die Idee gekommen, nach „Höherem“ zu streben, wäre nicht die Krankheit gewesen. 2018 war seine Mutter Cornelia Garnitz auf der Internetseite der „International Chronic Myeloid Leukemia Foundation“, kurz „iCMLf“, auf das Projekt »Climb for a Cure« gestoßen: Eine Gruppe von maximal 30 Personen, von denen jede zuvor 3000 Dollar für den Kampf gegen CML gesammelt hatte, würde den mit 5895 Metern höchsten Berg Afrikas, den Kilimandscharo, ersteigen. Für Cornelia, Yunus und seine ältere Schwester Ayla stand sehr schnell fest, dass sie mitmachen und es trotz dünner Höhenluft, Kälte und Strapazen schaffen würden. So kam es.

Seither sind vier Jahre gegangen. In der Zwischenzeit hat Cornelia Garnitz wiederholt an internationalen CML-Kongressen teilgenommen und dort Pläne geschmiedet, wie an Geld für die Leukämieforschung zu kommen wäre. Corona bremste sie und ihre Mitstreiter aus, Pläne für eine Mont-Blanc-Ersteigung wurden verworfen, weil CML kein europäisches, sondern ein globales Problem ist. Am Ende entschied man sich für den Annapurna, den zehnthöchsten Berg der Erde – allerdings nicht den Gipfel, der mit 8091 Meter Höhe unerreichbar blieb.

22 Tourenteilnehmer kommen aus aller Welt

Im November 2023 flogen Cornelia Garnitz und Yunus Borowczak von München in Nepals Hauptstadt Kathmandu und trafen die anderen 22 Tourteilnehmer aus aller Welt – Yunus war der Jüngste und der einzige CML-Patient in der Gruppe. Sie wurden ins Projekt eingewiesen und mit Trekking-Rucksäcken ausgestattet; danach flogen sie weiter nach Pokhara und ließen sich in Jeeps zum Ausgangspunkt der Reise bringen: 1640 Meter hoch. Doch die Höhe war nicht das größte Problem: „Täglich rund 20 000 Stufen über Stock und Stein – das war brutal anstrengend“, sagt Yunus.

Umso unangenehmer war eine Nachricht am Ende des zweiten Tages : Es ging erst noch mal hinab ins Tal, dann wieder hinauf. Am folgenden Abend waren sie rund acht Kilometer weiter, hatten mit vier bis fünf Kilogramm Gepäck viele Höhenmeter bewältigt – und waren dennoch nicht höher als zuvor.

Nach vier Tagen erreicht die Gruppe das Base Camp des Annapurna

Über lange und stark schwankende Hängebrücken, gebaut von Schweizer Firmen, und durch nebelverhangene Regenwälder ging es in den folgenden Tagen immer tiefer in die Berge hinein. Tagsüber war es so warm, dass ein T-Shirt genügte – nachts gab es Frost. Der garantierte morgens einen blauen Himmel: „Traumhaft schön, das Panorama mit den schneebedeckten Achttausendern“, schwärmt Yunus.

Übernachtet wurde in schlichten Teehäusern, wo es WLAN und mit etwas Glück auch eine warme Dusche gab – und für Yunus eine Torte, denn er feierte in Nepal seinen 23. Geburtstag.

Nach vier Tagen war das Ziel erreicht, das 4130 Meter hoch gelegene Base Camp des Annapurna. Der Abstieg dauerte zwei Tage, war aber wegen der vielen Stufen ähnlich anstrengend wie der Aufstieg, speziell für die Gelenke. Alles in allem, da sind sich Mutter und Sohn einig, war die Expedition deutlich fordernder als der Kilimandscharo, obgleich man damals, anders als diesmal, acht Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten gewesen war.

Extrem bereichernd: Der Austausch mit anderen

Was Mutter und Sohn als extrem bereichernd empfanden: Man sei mit Gleichgesinnten unterwegs gewesen, habe viel geredet, auch über die Krankheit und die Heilungschancen – und festgestellt, dass man selbst sehr privilegiert sei.

Längst nicht überall bekomme man die Medikamente, die Yunus ein normales Leben ermöglichten; umso wichtiger sei der finanzielle Ertrag der Nepal-Reise: 200 000 Dollar Spendengeld, zu denen Cornelia und Yunus 6000 beigesteuert haben. 2025 wollen sie wieder dabei sein – „und“, so Cornelia Garnitz, „ein Zeichen gegen die Krankheit setzen“.