Wie der 13-jährige Yunus aus Albstadt mit Blutkrebs lebt / Größter Wunsch: ein Medikament gegen die Krankheit
Von Christoph Holbein
Albstadt. Einen großen Wunsch hat Yunus zu Weihnachten: Der 13-Jährige möchte, dass seine Leidensgenossen und er gesund werden und dass ein Medikament gegen die bislang unheilbare Krankheit gefunden wird, gegen die Chronische Myeloische Leukämie: Blutkrebs.
Die Schmerzen kamen nach einem Fußballspiel: Sonntags war Yunus bei einem Turnier für die D-Jugend des FC 07 Albstadt im Tor gestanden. Danach tat es ihm weh oberhalb des rechten Knies im Oberschenkel, obwohl er sich nicht verletzt hatte. "Das ist immer schlimmer geworden", erinnert sich der 13- Jährige.
So ging Yunus zum Arzt, der trotz Ultraschall und Röntgen nicht viel feststellen konnte. Das Schmerzmittel half auch nichts. Nächste Station war der Orthopäde. Der hatte ein "komisches Gefühl" und ließ eine Magnetresonanztomographie (MRT), eine Kernspintomographie, machen: "Da war etwas zu sehen, was da nicht hingehört", erzählt Mutter Cornelia Borowczak. Das Blutbild gab dann Aufschluss: Leukämie.
Yunus musste nach Tübingen in die Kinderkrebsklinik, stationär, um sicher zu gehen, was es ist. Die Diagnose war niederschmetternd: CML – Chronische Myeloische Leukämie, eine Krankheit, die in der Regel ältere Menschen befällt, hauptsächlich ab 60 Jahren aufwärts, und nur sehr selten Kinder. "Ich war geschockt und hatte ganz furchtbare Angst, vor allem dass mir die Haare ausfallen und ich nicht mehr zur Schule gehen kann", sagt Yunus, der das Progymnasium in Tailfingen besucht. Es war der 25. Januar 2013, der sein Leben veränderte.
Das Medikament stoppt die Schmerzen – aber heilen kann es Yunus nicht
Das erste Medikament vertrug Yunus überhaupt nicht, er erlitt einen Infarkt im Oberschenkelknochen. Jetzt bekommt er ein anderes Präparat, "das funktioniert viel besser". Das Medikament unterdrückt die Krankheit, damit der Patient gut leben kann – "ich habe keine Schmerzen –, aber heilen kann es nicht, das geht nur durch eine Stammzellen-Transplantation. Die Medikamente kosten im Monat 5600 Euro, das macht bei einer Tablette, die Yunus am Tag einnehmen muss, rund 180 Euro pro Tablette – ein stolzer Preis, den aber die Krankenkasse zahlt.
"Am Abend nach der Diagnose ging es mir richtig schlecht, dann habe ich eine Nacht darüber geschlafen und am nächsten Morgen ging es mir viel besser", erzählt Yunus. Die Menschen in der Klinik fingen ihn auf. Er hat viel geweint in jenen Tagen. "Es ist furchtbar, am schlimmsten ist, machtlos daneben stehen zu müssen", verdeutlicht Cornelia Borowczak. So las die Zahnärztin viel über die Krankheit. "Wir haben in der Klinik so viele krebskranke Kinder gesehen, alle so tapfer, und auch von den Eltern war keiner verzweifelt, jeder war für den anderen da. Das hat uns unglaublich geholfen."
Weil niemand weiß, wie lange das Medikament anschlägt, besteht für Yunus die Gefahr, dass sich seine Krankheit verschlimmert. So hofft der 13-Jährige, einen Stammzellspender zu finden, auch wenn die Chance sehr gering ist. Er denkt dabei auch an die anderen Kinder, die noch viel dringender einen Spender benötigen. Zwei der Kinder, die er in der Klinik kennengelernt hat, sind in der Zwischenzeit gestorben. Mit dem einen Mädchen hat Yunus noch Tischtennis gespielt: "Ich bin traurig und enttäuscht, dass sie es nicht geschafft hat."
Er will "einfach normal weiterleben", auch wenn sein Immunsystem geschwächt ist. So lange es ihm noch gut geht und er ansonsten gesund ist, ist eine Transplantation noch nicht akut. Doch sollte sich bis nach dem Abitur kein Spender finden, dann greifen die Ärzte auf die Eltern zurück, die allerdings nur zu 50 Prozent übereinstimmen.
Schon eine Erkältungkann ihm gefährlich werden – Vorsicht ist wichtig
Bis dahin möchte Yunus ein möglichst uneingeschränktes Leben führen: "Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht erkälte." Bei nasskaltem Wetter draußen herumspringen, das geht nicht. Wenn es eine Grippewelle oder Magen-Darm-Infektionen in der Schule gibt, dann ist Mundschutz angesagt, und bei schlechten Blutwerten besucht Yunus erst gar nicht den Unterricht.
Mitleid möchte der 13-Jährige nicht: Die Menschen sollen "ganz normal" mit ihm umgehen. Hilfe erfahren er und seine Eltern durch den "Elternverein für Kinder mit CML" über Telefonkonferenzen und regelmäßige Treffen. Diese Ansprechpartner und die Informationen seien wertvoll, weiß Cornelia Borowczak.
Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit für die Krankheit sind wichtig. So hat Yunus mit einem Beitrag über ihn auch bei dem Bildband mitgemacht: "Manchmal ein Kunststück – 16 Drahtseilakte des Lebens mit Chronischer Myeloischer Leukämie", erzählt darin zusammen mit seiner Schwester und seinen Eltern über das Leben mit der Krankheit. Vor 15 bis 20 Jahren waren die Überlebenschancen äußerst gering.
Er spielt E-Gitarre und geht einmal in der Woche zum Unterricht, steht für seinen Fußballverein im Tor, spielt Tennis und klettert, jeden Freitag beim Training an der Kletterwand und zwei bis drei Mal im Jahr mit dem Seil im Donautal – Yunus lässt sich nicht unterkriegen: "Das Leben geht weiter, ich wünsche allen alles Gute; es wird schon schiefgehen."