Die Kandidaten Ewald Hoffmann, Florian Lessner, Thomas Blažko und Rainer Wursthorn (von links) sprachen vor einer voll besetzten Heuberghalle. Foto: Karina Eyrich

Einen spannenden und durchaus amüsanten Abend hat halb Schwenningen – die Heuberghalle saß genagelt voll – bei der Vorstellung der Kandidaten für die Bürgermeister am 4. Februar erlebt – moderiert von Amtsinhaberin Roswitha Beck.

Echte Auswahl haben die knapp 1700 Schwenninger, wenn sie am 4. Februar den Nachfolger von Roswitha Beck wählen, die nach acht Jahren aus persönlichen Gründen nicht mehr kandidiert. Wer wird am 1. Mai vereidigt? 15 Minuten Zeit hatten Florian Lessner, Thomas Blažko, Ewald Hoffmann und Rainer Wursthorn, für sich zu werben, und weitere 15 Minuten die Einwohner, um ihnen konkrete Fragen zu stellen.

 

Florian Lessner, 40 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern im Alter von sechs, vier und drei Jahren, kommt aus Göppingen und lebt in Schwenningen, wo „die Welt noch in Ordnung ist“, wie er sagte. Nach dem Realschulabschluss hat er sich weitergebildet, wurde Verkäufer, Kaufmann im Einzelhandel, nahm am Führungskräfteprogramm teil und fand beim Grundwehrdienst „Sinnstiftendes“ in der Bundeswehr, wurde erst Zeit- und dann Berufssoldat, holte die Fachhochschulreife nach, wurde Betriebswirt mit Schwerpunkt Controlling und ist derzeit Stabsabteilungsleiter der Kampfmittelabwehrschule, wo seine Dienststelle ein Haushaltsvolumen von 2,5 Millionen Euro verwaltet.

Sollte Florian Lessner zu Schwenningens Bürgermeister gewählt werden, will er dort ansetzen, „wo man ansetzen muss“ – unter anderem beim Breitbandausbau und dem Erhalt der Nachbarschafts-Grundschule. Foto: Karina Eyrich

Obwohl Geschäftsführer des FDP-Kreisverbands will er keine Parteipolitik in Schwenningen machen, sondern vielmehr seine Erfahrungen und Kontakte als Kreisrat – 2019 wurde Lessner gewählt – einbringen: Krankenhaus, Elektrifizierung der Zollernalb, Schulneubauten, Müllentsorgung: All diese Entscheidungen des Kreistags beträfen auch die Gemeinde, und daher will er 2024 erneut kandidieren. Als Aufsichtsrat in der Wirtschafts- und Standortmarketinggesellschaft will Lessner Einwohner und Gewerbetreibende besser vernetzen und sich vor Ort um die Modernisierung der Wasser- und Abwasserversorgung sowie den Breitbandausbau kümmern.

Die Zukunft des ÖPNV sieht Lessner – das sei gut für Schwenningen – in besserer Zusammenarbeit mit Nachbarn und Ruf-Fahrzeugen. Investieren will er in den Erhalt der Nachbarschaftsgrundschule, des Kindergartens und des Lehrschwimmbeckens, in die Feuerwehr – Stichwort: Extremwetterereignisse – und den Bevölkerungsschutz.

Dass der Gemeinderat bei 4,5 Millionen Euro im Haushalt künftig „noch genauer planen“ müsse, stellte er ebenso klar wie seine Ansicht, dass weitere Baugebiete nicht die einzige Lösung seien, um Zuzug zu generieren: „Wir müssen das Augenmerk auch auf den Altbestand im Ort richten.“ Auf die Nachfrage zum Unterschied zu seinen Mitbewerbern sagte Lessner: „Ich bin gut darin, Netzwerke zu bilden.“ Außerdem sei er Realist: Statt viel zu versprechen, „setze ich da an, wo man ansetzen muss“.

Mit der Gründung einer Wohnungsbau-Genossenschaft will Bürgermeister-Kandidat Thomas Blažko den Bau von Mietwohnungen voranbringen. Foto: Karina Eyrich

Thomas Blažko, 42, ist Dezernent im Zentrum Luftoperation der Bundeswehr, verheiratet, Vater von drei Töchtern im Alter von sechs, drei und einem Jahr und seit März 2022 in Elternzeit, damit seine Frau – Richterin in Sigmaringen – Vollzeit arbeiten kann. Entsprechend liegen ihm Kindergarten und Grundschule am Herzen; mit einem Vereinspass will er Kindern ermöglichen, Vereinsangebote barrierefrei kennenzulernen.

Er ist Elternbeiratsvorsitzender der Grundschule, Übungsleiter im Turnverein, Sänger bei der Eintracht und Vorsitzender des Tennisclubs, wo er auch Jugendliche trainiert. Dass er diesen „in schwierigem Fahrwasser“ übernommen, der Club 80 000 Euro in eine neue Anlage investiert und neue Mitglieder gewonnen habe, „ohne Mitgliedsbeiträge zu erhöhen“, sei „eine Erfolgsgeschichte, die sich auch auf Schwenningen übertragen ließe“.

„Das kann Jahrzehnte dauern, aber wir müssen jetzt damit anfangen“

Wie? Blažko will „Ressourcen besser nutzen, Infrastruktur modernisieren, eine Bürgerstiftung gründen, um gemeinnützige Projekte zu fördern“, die Jugend in den Gestaltungsprozess einbinden und die Bürger konkret über Reformen – etwa der Grundsteuer – informieren, Strom- und Wasserversorgung „Schritt für Schritt modernisieren: Das kann Jahrzehnte dauern, aber wir müssen jetzt damit anfangen.“

Seit seiner ersten Kandidatur vor acht Jahren habe er „sehr viel gearbeitet, um Ihr Vertrauen zu verdienen“, rief er den Schwenningern zu. Diese wollten wissen, warum er 2019 nicht für den Gemeinderat kandidiert habe, was er mit einem berufsbedingten Intermezzo am Niederrhein begründete, und wie er den Mietwohnungsbau vorantreiben wolle. Antwort: durch Gründung einer Wohnungsbaugenossenschaft.

Seine Kinder will Blažko nicht mit ins Rathaus nehmen, wie ein Fragesteller vermutet hatte: Im Fall seiner Wahl werde seine Frau wieder kürzer treten. Den Rest seiner Elternzeit will er nutzen, um sich verwaltungstechnisch weiterzubilden, und versicherte: „Ich habe immer schnell gelernt und werden ein Netzwerk aufbauen“, um das zu gewährleisten.

Im Falle seiner Wahl zum Schwenninger Bürgermeister will Ewald Hoffmann unter anderem den großen Wasserverlust der Gemeinde reduzieren. Foto: Karina Eyrich

Ewald Hoffmann, 54, katholisch, verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und demnächst zwei Enkel, ein Studium an der Verwaltungshochschule Mannheim absolviert, ist seit fünf Jahren Kämmerer im Bundeswehr-Dienstleistungszentrum in Stetten am kalten Markt, seit zehn Jahren Gemeinderat in Winterlingen und Ortsvorsteher von Benzingen mit Blättringen sowie Verbandsrat im Abwasserzweckverband Scher/Lauchert.

Einen Tag pro Woche nehme er im Rathaus Winterlingen an Besprechungen teil und arbeite an Prozessen der Gemeinde mit, betonte Hoffmann. Er ist stolz darauf, dass Benzingen unter seiner Ägide die Silbermedaille im Landeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ und damit Fördergelder für eine Wohnumfeldmaßnahme und einen Bürgerpark geholt habe, verwies auf Straßensanierungen und eine neue Busverbindung für Kinder nach Harthausen.

Seine Schwerpunkte für Schwenningen setzt Hoffmann auf der Bewahrung aller Gemeindegebäude, einer ausreichenden Zahl von Bauplätzen, die Sanierung von Straßen und Wegen und die Reduzierung der hohen Wasserverluste: Die Sanierung der Leitung in der Alten Pfarrstraße verschlinge schon zwei Drittel der Rücklagen, doch auch andere müssten saniert werden.

Hoffmann will in Schwenningen eine Sprechstunde für Jugendliche etablieren

Eine Jugendsprechstunde will Hoffmann zur Routine machen und als Unparteiischer und Externer den neutralen Blick auf die Gemeinde werfen, aber den Kontakt zur Ortsgemeinschaft suchen und fördern. In Benzingen will Hoffmann wohnen bleiben – betonte aber, dass er sich nur in Schwenningen bewerbe und nicht etwa in Bitz oder Nusplingen, wo ebenfalls 2024 der Schultes gewählt wird. Dass er als Winterlinger kein Kreisrat in Sigmaringen werden könne, sieht Hoffmann kaum als Nachteil, zumal dann mehr Zeit für die Gemeinde bleibe.

Konkrete Maßnahmen – eine Bürgerin fragte nach seiner Ankündigung, Schwenningen eine „Vorreiterrolle im Klimaschutz“ zu verschaffen – konnte Hoffmann noch nicht nennen und bat um 100 Tage Einarbeitungszeit.

Als erste Amtshandlung will sich Bürgermeister-Kandidat Rainer Wursthorn zuerst einen Überblick über das Tagesgeschäft verschaffen. Foto: Karina Eyrich

Rainer Wursthorn, 54 und lediger Vater einer erwachsenen Tochter, lebt in Villingen-Schwenningen, hat sich nach der Werkzeugmacherlehre zum Diplom-Ingenieur weitergebildet und war „projektbezogen in Forschung und Entwicklung unterwegs“ – für kleinere Firmen ebenso wie für „Weltkonzerne“.

Ohne Manuskript sprach er über seine seine Entwicklung als Mensch, die mit Corona eine Wende genommen habe: Er habe viel ausprobiert und auswandern wollen, bis eine Freundin zu ihm sagte: „Du bist hier geboren“, und dort liege auch seine Aufgabe. „Jetzt ist die Zeit für ganz bewusste eigene Entscheidungen“, eine „Zeit des Wandels“, und da gehe es um Eigenverantwortung.

Projektmanagement ist das Steckenpferd von Rainer Wursthorn

„Mein Angebot: Ich kann Projektmanagement“, sagte Wursthorn und forderte die Schwenninger auf, sich ihrer Rechte bewusst zu machen, zumal Gemeinden „peu à peu entrechtet“ würden. Was er als erstes anpacken werde im Fall seiner Wahl, wollte ein Zuhörer wissen? „Ins Tagesgeschäft reinkommen, mir einen Überblick verschaffen“, sagte Wursthorn.

Warum hat er kein Programm, wo er doch schon für „Bündnis 21 – die Pinken“ für den Bundestag kandidiert habe? Der 54-Jährige, der zurzeit von seinen Ersparnissen lebt, stellte die Gegenfrage: „Braucht Ihr einen Flyer, um nach der Wahl festzustellen: ‘Scheiße, wir sind wieder reingelegt worden!‘?“

„Können Sie sich vorstellen, das Programm der Fasnet mitzugestalten?“

Die letzte Bürgerfrage an Wursthorn war mit Blick auf seinen esoterisch angehauchten Vortrag offenbar ironisch gemeint: „Können Sie sich vorstellen, bei der Fasnetssitzung einen Programmpunkt zu gestalten?“ Der Kandidat nahm es mit Humor, und so klang auch der Abend aus, den Roswitha Beck mit einem Appell an die Schwenninger beendete: „Lernen Sie die Bewerber weiter kennen bis zum 4. Februar.“ Alle, die in Schwenningen lebten, betreffe die Zukunft der Gemeinde.

Bürgermeisterin Roswitha Beck sitzt dem Gemeindewahlausschuss vor. Foto: Karina Eyrich

Von 8 bis 18 Uhr seien am Wahltag die Urnen offen, und gegen 19 Uhr stehe das Ergebnis fest. Neu: Sollte keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen holen, werden am 18. Februar nur noch die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen in die Stichwahl gehen – die beiden anderen sind dann raus.