Die ehemalige Praxis von Ullrich Mohr in Grosselfingen wird derzeit nicht benutzt. Übernommen wurde sie vom Unternehmen GoMedicus. Wir wollten wissen: Warum praktiziert dort kein Arzt mehr?
Es sei schwierig im Bereich der hausärztlichen Versorgung in Grosselfingen einen Nachfolger zu finden. Das hat Bürgermeister Friedbert Dieringer bei der Gemeinderatssitzung im März berichtet. Das Unternehmen GoMedicus hatte die Praxis von Ullrich Mohr übernommen. Allerdings bleiben die Praxisräume im ehemaligen Schulhaus ungenutzt. Warum das so ist, wollten wir von Phillipp Gonser, Mitgründer von GoMedicus, wissen.
Praxen in Bisingen und Rangendingen voll besetzt
Das Unternehmen baue ein Netzwerk an Standorten in der Region aus, stellt junge Ärzte ein und versuche, mit Telemedizin, eRezept und eAU eine „bessere und effizientere Versorgung“ anzubieten, Gonser: „So haben wir unsere Praxen in Bisingen und Rangendingen voll besetzt, die jeweils nur sieben Minuten von Grosselfingen entfernt sind, und wir können unseren Patienten noch am gleichen Tag Termine entweder vor Ort oder telemedizinisch anbieten.“
Standort in jedem Ort ist nicht mehr abbildbar
Er stellt auf Nachfrage aber auch klar: „Einen Standort in jedem Ort ist bei dem bestehenden Fachkräftemangel und den operativen Kosten im aktuellen System einfach nicht mehr abbildbar.“ Nach seiner Einschätzung sei GoMedicus zwar besser aufgestellt als die meisten, um Mitarbeiter zu gewinnen, zu schulen und einzusetzen, aber dazu gehöre auch eine „strategische und sehr überlegte Einsatzplanung“.
„Mittelfristig werden wir dadurch die Versorgung dort sichern können, wo sie sonst gar nicht mehr gegeben wäre“, erklärt Gonser, „und sieben Minuten Fahrtzeit von Grosselfingen nach Bisingen oder Rangendingen sind im nationalen und internationalen Vergleich nicht schlecht“.
Ein Tag pro Woche in Grosselfingen
Die Chancen, dass die Hausarztpraxis in Grosselfingen wieder besetzt wird, sind also eher gering. Früher wurden etwa 300 Patienten pro Quartal in den ehemaligen Praxis-Räumen in Grosselfingen behandelt. Die Konzentration auf einzelne Standorte (wie Bisingen) mache es möglich, in der gleichen Zeit spürbar mehr Patienten zu versorgen, berichtet Gonser auf Nachfrage. Die Praxis in Grosselfingen könne nur besetzt werden, wenn es genug jüngere Ärzte gebe.
Grosselfingen liegt bundesweit im Trend
Damit steht Grosselfingen vor Herausforderungen, die bundesweit einem allgemeinen Trend entsprechen. Gonser erklärt: „ Zum einen ist das der demografische Wandel auf Patienten- und Arztseite. Sprich, wir haben mehr ältere Menschen, welche mehr Versorgung brauchen, gleichzeitig sind aber in vielen Regionen auch die Ärzte mehrheitlich am Ende der Karriere.“ Gonser weiter: „Zum anderen sehen wir bei der jüngeren Generation einen Trend, weg von dem klassischem Modell der Niederlassung als Einzelkämpfer an einem Standort bis ans Ende der Karriere. Sie wollen angestellt sein, am liebsten in Teilzeit.“
Dadurch ergebe sich eine wachsende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Diese lasse sich jedoch nicht „einfach mit Geld und irgendwelchen Anreizen stopfen“. Es braucht „tiefgreifende systemische und strukturelle Veränderungen“. Dazu gehören für Gonser Fortschritte in drei Bereichen.
Effizientere Organisation in größeren Einheiten
Erstens: Digitalisierung. „Hier hinken wir im internationalen Vergleich weit hinterher, insbesondere da es hier nicht nur um Technologie, sondern auch um neue Abläufe, Schulung geht“, berichtet Gonser. Ein Großteil der Aufgaben im Bereich Verwaltung laufe nach wie vor analog ab. Digitalisierung könne solche Aufgaben verschlanken.
Zweitens: Koordination. Als „eines der größten Probleme“ sieht Gonser die Organisation der zahlreichen Einzelpraxen. Der Arzt als „Einzelkämpfer“ sei kein Zukunftsmodell. Der Hausarzt, der als wichtigster Gesundheitspartner gilt, sei in seiner Rolle und im Hinblick auf das Abrechnungssystem sehr eingeschränkt. Die Organisation in größeren Einheiten sei effizienter als die Einzelpraxis, die früher in jedem Ort zu finden war.
Einzelne Praxis in jedem Ort ist Luxus
Gonsers Prognose: „Der demografische Wandel und die damit einhergehende notwendige Effizienzsteigerungen, um die Basisversorgung aufrecht zu erhalten, werden also leider dazu führen, dass der Luxus der Einzelpraxis in jedem Ort der Vergangenheit angehören wird.“ Und weiter: „Wir alle in Deutschland werden daher in Kauf nehmen müssen, für eine ärztliche Konsultation ein paar Minuten weiter fahren zu müssen.“
Drittens: Regulierung. Es gebe neue Gesetzesentwürfe, die versuchen, Themen rund um Regulierung anzugehen. „Hier sind wir in Deutschland sehr sehr langsam auf dem richtigen Weg“, so Gonsers Einschätzung. Oft seien Änderungen aber unter aktuellen Gegebenheiten gar nicht oder sehr schwer und langsam in den Praxisalltag zu bringen.