Stuttgart - Ein Geländewagen biegt von der Christophstraße in Stuttgart-Mitte auf die Tübinger Straße ein und braust mit aufheulendem Motor in Richtung Eberhard­straße. Das Bild ist keine Seltenheit. In der neuen Mischverkehrsfläche Shared Space in der Tübinger Straße, die seit Anfang November fertiggestellt ist, gilt Tempo 20. Das scheint sich noch nicht allzu weit herumgesprochen zu haben.

Shared Space bedeutet, dass es keine Bordsteine mehr gibt. Fahrbahn und Gehwege sind nur optisch angedeutet, aber de facto existieren sie nicht. In der Mitte ist die Straße asphaltiert, an den Seiten gepflastert. Parken ist grundsätzlich nicht erlaubt. Nur zum Ein- und Ausladen dürfen Fahrzeuge hier halten. Jeder darf sich im gesamten Raum bewegen. Alle Verkehrsteilnehmer sollen aufeinander achtgeben.

Doch das Halteverbot wird bisher weit­gehend ignoriert. „Wir haben seit Anfang ­November über 1600 Verwarnungen aus­gesprochen“, sagt Thomas Grab von der Straßenverkehrsbehörde. Die Bußgelder ­betragen zwischen 15 und 25 Euro. Das scheint die Parksünder bisher nicht zu ­beeindrucken.

„In der Nachtschicht kommt es hier bei der Polizei zu Engpässen“

„Wir kontrollieren intensiv unter der Woche zwischen 9 Uhr und 21 Uhr“, sagt Thomas Grab. Die meisten Parksünder finden sich erst später am Abend und am Wochenende in der Tübinger Straße ein. Das sind die Zeiten, in denen die Mitarbeiter des Ordnungsamts im Feierabend sind. Dann sind die Polizei und der städtische Vollzugsdienst zuständig. Doch die haben am Wochenende nicht selten Wichtigeres zu tun, als Parksünder abzustrafen. „In der Nachtschicht kommt es hier bei der Polizei zu Engpässen“, klagt die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, Veronika Kienzle. Sie wünscht sich deutlich mehr Präsenz von den Ordnungshütern in den Abendstunden und am Wochenende.

Ein weiteres Problem im Kampf gegen die Falschparker ist die rechtliche Situation im Shared Space. Weil kein absolutes Halteverbot, sondern nur ein eingeschränktes Halteverbot besteht, haben die Behörden kaum eine Handhabe, um die abgestellten Autos entfernen zu lassen. „Abgeschleppt werden darf nur, wenn eine konkrete Behinderungssituation besteht“, sagt Thomas Grab von der Straßenverkehrsbehörde.

In den ersten Novemberwochen wurden statt Strafzettel noch Info-Flyer an die Windschutzscheiben gehängt, um die Autofahrer über die neue Situation zu informieren. Inzwischen hat sich bei der Stadt Ernüchterung breitgemacht. „Wir gehen davon aus, dass die Leute mit Absicht falsch parken, weil es kaum Einwendungen gegen die Bußgelder gegeben hat“, heißt es bei der Straßenverkehrsbehörde.

Kritik: mangelnde Kennzeichnung der neuen Verkehrsfläche

Hoffnung macht, dass die Knöllchen für Falschparker ab 1. April 2013 um fünf Euro teurer werden. „Wir hoffen, dass es abschreckender wird“, sagt Thomas Grube.

Erich Kimmich vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club sieht das Problem woanders. Ihn stört vor allem die mangelnde Kennzeichnung der neuen Verkehrsfläche. „Woher soll ein auswärtiger Autofahrer wissen, was Shared Space bedeutet? Es müsste eine rote Linie geben, die ganz klar zeigt, dass hier ganz andere Regeln gelten als anderswo “, sagt der Landesgeschäftsführer des Fahrrad-Clubs.

Das Konzept des Shared Space stammt ursprünglich aus der holländischen Ortschaft Bohmte. „Shared Space gilt dort für das gesamte Stadtgebiet, und jeder der dorthin fährt, weiß, dass er sich mit einer ungewohnten Situation arrangieren muss“, sagt Kimmich. Seiner Meinung nach müsste Shared Space für mehr als nur eine Straße gelten, dann würde das Konzept auch in den Köpfen der Menschen ankommen.

Ausweitung bis zur Paulinenbrücke

Bei der Beschilderung hat die Stadt immerhin nachgebessert, wie Thomas Grab von der Straßenverkehrsbehörde sagt. „Die Schilder mit Tempo 20 und dem Halteverbot wurde besser sichtbar und auf beiden Seiten angebracht.“

Bald soll der Shared Space bis zur Paulinenbrücke ausgeweitet werden. Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle hofft, dass sich das Konzept dann besser herumspricht. „Es wäre gut, wenn Shared Space in den Fahrschulen ein Thema wäre.“

Unfälle hat es in der Tübinger Straße bislang noch keine gegeben. Sollte es dazu kommen, droht eine andere knifflige Frage. Wenn alle die gleichen Rechte haben: Wer ist im Ernstfall schuld?