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St. Georgen Und plötzlich scheint alles sinnlos

Von
Fotos: Sesterhenn Foto: Schwarzwälder-Bote

Seit mehr als 15 Jahren leidet Andy Feind unter Depressionen. Um anderen zu helfen und über die Krankheit aufzuklären, wendet er sich an die Öffentlichkeit – und gibt Einblicke in dunkle Kapitel seines Lebens.

St. Georgen. Ein junger Mann sitzt am St. Georgener Bahnhof. Er beobachtet die Züge, sieht aus wie jemand, der von A nach B reisen möchte. Doch er ist kein normaler Fahrgast. Denn ebendieser junge Mann – in der Öffentlichkeit nutzt er das Pseudonym Andy Feind – plant, sich an diesem Tag umzubringen. Zu diesem Zeitpunkt lebt er seit mehr als fünf Jahren mit der Diagnose Dysthymie. Er leidet unter chronischen Depressionen.

Jahre später sitzt der gebürtige St. Georgener in den Redaktionsräumen des Schwarzwälder Boten. Bereit, seine Geschichte zu erzählen. Wie er sich aus dem Tief kämpfte. Wie es ihn heute trotz Therapie immer wieder in ein dunkles Loch zieht. Wie man mit einer chronischen Depression lebt.

Feinds Oberarme zieren Tattoos, er trägt dunkle Kleidung, eine schwarze Kappe. Die braunen Augen wirken glasig. "Mir war bewusst, was ich an diesem Tag tun wollte", sagt Feind über seinen Suizidversuch und erinnert sich zurück. Seine Stimme zittert leicht.

Sechs Züge lang sei er am Bahnhof gesessen. Zuhause ist bereits alles aufgeräumt, die nötigen Dokumente für die Hinterbliebenen liegen bereit. Als die Polizei mit Blaulicht vorbeifährt, denkt er, die Beamten fahren zu seiner Wohnung. "Ich habe ja keine Anrufe oder Nachrichten mehr beantwortet", erzählt er rückblickend. Aufgeschreckt von dem Umstand, dass die Polizei Nachbarn und Freunde "umsonst verrückt macht", rennt er zurück nach Hause. Falscher Alarm, wie sich herausstellt. Doch zurück zum Bahnhof kehrt er nicht. Feind möchte sein Leben wieder in den Griff bekommen.

Es folgen Besuche bei Psychologen und eine stationäre Therapie. Der 32-Jährige beginnt, seine Erfahrungen niederzuschreiben. "Es hat mir wirklich geholfen", sagt er. Vor einem Jahr fängt er zudem an, in sozialen Netzwerken öffentlich über seine Krankheit zu sprechen. Sein Ziel: Weg von der Stigmatisierung depressiver Menschen, hin zum Verständnis.

"Depressive sitzen manchmal wie im Nebel zu Hause und warten, dass der Tag rumgeht", meint er. Bereits morgens wisse er, ob es ein guter oder schlechter Tag wird. Ob der Antrieb da ist oder nicht. Wenn nicht, fällt selbst das Aufstehen schwer. Zu Zeiten, in denen Feind nicht stabil war, isolierte er sich. Blieb alleine mit seinen Gedanken: "Die Depression gaukelt dir vor, dass man nichts kann und nichts sein soll."

Dass es vielen Menschen so gehe, dass man sich gegen das Gefühl der Leere wehren könne – das sollen seine Beiträge Betroffenen und Angehörigen von Depressiven klarmachen. Viele Menschen würden die Krankheit verstecken. Denn Feind wisse aus eigener Erfahrung, wie schwierig es gesunden Menschen fällt, mitzufühlen. "Mein Bruder kann es beispielsweise verstehen, aber nicht nachvollziehen." Oft höre man den Satz "Stell dich nicht so an". Er vergleiche die Situation dann mit einem Verkehrsstau. Man wolle ja weiterkommen. "Doch es geht einfach nicht."

Aus Feinds Aufzeichnungen über seine Erfahrungen ist mittlerweile ein Buch geworden, erst vor einigen Tagen hat er die letzten Kapitel beendet. Nun möchte der gebürtige St. Georgener sein Werk veröffentlichen. Im Internet hat er bereits positive Resonanz erfahren, viele Menschen wenden sich mit Fragen an ihn.

Feind hofft nun, einen Verleger zu finden. "Lesungen mit anschließender Fragestunde wären toll", sagt er und strahlt. "So nach dem Motto: Was Sie einen Depressiven schon immer fragen wollten." Schließlich könne die Krankheit jeden treffen. Das Buch solle zeigen, wie es sich vom Schlechten ins Gute wenden kann.

"Ich bin mittlerweile stabil", sagt Feind über seinen derzeitigen Zustand. Ob er denkt, je wieder gesund zu werden? "Nein", stellt er sofort klar. "Ich habe keine Hoffnung, dass es weggeht. Mal wird es besser, mal schlechter." Zehn Jahre sind seit dem schicksalhaften Tag am Bahnhof vergangen. Ob er Angst hat, je wieder dort zu landen? Feind zuckt mit den Schultern. Er kann es nicht genau sagen, kann es nicht ausschließen. Denn Morgen für Morgen stellt sich erneut die Frage: Ist der Antrieb da? Eines weiß Feind immerhin sicher: "Heute ist ein guter Tag."

Laut dem Bundesamt für Gesundheit leiden Schätzungen zufolge weltweit etwa 350 Millionen Menschen unter Depressionen. Laut WHO werden im Jahr 2020 Depressionen oder affektive Störungen weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein. Betroffene können sich im Internet unter www.deutsche-depressionshilfe.de informieren oder sich direkt an das Sorgentelefon unter 0800/1 11 0 1 11wenden.

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