Stuttgart - Mit kritischem Blick schiebt die Kundin einen Kleiderbügel nach dem anderen von links nach rechts. Sie sucht nach einer bestimmten Farbe, dem passenden Schnitt. Sie schaut auf das Preisschild und befühlt die Qualität des Stoffs. Dann geht sie zur Kasse. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss stimmen“, sagt sie. Unter welchen Arbeitsbedingungen die Bluse hergestellt wurde, darüber wisse sie nichts.

Mark Starmanns von der Uni Zürich weiß ziemlich viel darüber. Starmanns hat seine Doktorarbeit über die freiwillige soziale Verantwortung in der globalen Bekleidungsindustrie geschrieben. Er berät Firmen zu diesem Thema und ist Mitbegründer des Netzwerks faire Mode (www.netzwerkfairemode.de). Das Portal will Konsumenten einen Überblick bieten über Firmen, die nachhaltig produzieren. „Den meisten Kunden fehlt hier einfach eine Orientierung“, sagt ­Starmanns.

Biologisch erzeugte Lebensmittel erkennt der Kunde am Biosiegel, welches nach einheitlichen Standards vergeben wird. Bei Textilien aber ist die Produktionskette sehr lang und spinnt sich über die ganze Welt, weswegen es kein entsprechend allgemeingültiges Gütesiegel gibt. „Die meisten Kennzeichnungen beziehen sich entweder auf den ökologischen oder auf den sozialen Bereich. Viele Labels haben auch einen Fokus auf einem Teil der Produktionskette, etwa der Herstellung und Weiterverarbeitung der Baumwolle“, so Starmanns.

Wobei er den sozialen Bereich insgesamt kritischer beurteilt als den ökologischen. „Bei Umweltschutz und Schadstoffen hat sich die letzten Jahre ­einiges getan.“

Prüfungen kosten viel Geld

Denn Schadstoffe könnten Kunden vor dem Kauf riechen, Qualität versuchen sie im Geschäft zu prüfen, und giftige Chemikalien in Flüssen weisen Kontrolleure auch noch Monate später nach, erklärt ­Heike Scheuer vom Internationalen ­Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN). Mit dem Siegel IVN Best hält der Verband den derzeit höchsten Standard für Ökomode. Dem Kunden wird damit garantiert, dass alle Produktionsschritte entlang der globalen Kette geprüft wurden. „Das ist möglich, aber es ist ein wahnsinniger Aufwand“, sagt Heike Scheuer.

Denn mit den offensichtlichen ­Lieferanten ist es nicht getan: So können zwar die Arbeitsbedingungen in der Fabrik prima sein, in der ein Shirt genäht wird – aber gilt das auch für den ­Herstellungsort des Fadens? Für den Ort, an dem er gefärbt wurde? Für die Ernte der ­Baumwolle?

Weil dieser Aufwand so groß ist, kostet eine solche Prüfung in nur einer der ­Dutzenden Produktionsstätten, die ein Textilunternehmen hat, 700 bis mehrere Tausend Euro. Finden die Prüfer etwas, müssen die Umweltschutzmaßnahmen angepasst werden. Auch das kostet. Und damit wird der finanzielle Spielraum der Unternehmen kleiner, der für Löhne oder Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz bleibt.

Arbeiter wissen oft nichts über ihre Arbeitsrechte

Zwar gibt es auch hier unabhängige Organisationen wie die Fair Wear Foundation. Diese überprüfen in fast allen Fabriken, die an der Produktion eines Textils beteiligt sind, die Arbeitsbedingungen. Aber eben nur einmal im Jahr – wenn überhaupt. „Eine sehr große Schwäche der Prüfungen auf sozialen Standards ist, dass sie nur eine Momentaufnahme darstellen“, sagt Mark Starmanns von der Uni Zürich. Denn häufig werden die Kontrollen angekündigt, und dann sind die Toiletten geputzt, der Mundschutz verteilt und die Fluchtwege freigeräumt.

Weswegen Starmanns der Meinung ist, dass sich die Arbeitsbedingungen nur dann verbessern lassen, wenn die Fabrik vor Ort sie auch wirklich in ihre Unternehmensphilosophie einbaut. „Dazu braucht es die Beteiligung der Arbeiter, etwa durch Gewerkschaften oder Betriebsräte.“ Oft aber wüssten die Arbeiter noch nicht einmal, dass sie überhaupt so etwas wie Arbeitsrechte ­haben.

Und so ist es für ein Textil-Unternehmen nicht nur schwer, in einem preislich so hart umkämpften Segment wie der Bekleidungsindustrie mehr Geld für höhere Löhne oder die sachgemäße Entsorgung von Chemikalien auszugeben. Es ist auch schwer, dem Kunden wirklich garantieren zu können, dass die Standards von allen beteiligten Fabriken tatsächlich eingehalten werden. „Um sich nicht dem Verdacht des Greenwashings auszusetzen, verzichten manche Unternehmen dann auch auf Siegel“, sagt Starmanns.

Eine Firma, die es trotzdem wagt, ist ­Vaude. Der Outdoor-Hersteller aus Tettnang am Bodensee bemüht sich seit Jahren um den Umweltschutz und versucht, als Mitglied der Fair Wear Foundation in solchen Fabriken zu produzieren, die unter anderem höhere ­Löhne zahlen. Die Ergebnisse der unabhängigen Kontrollen lassen sich auf der Internetseite nachlesen. Nichtregierungsorganisationen wie die Kampagne für Saubere Kleidung bezeichnen Vaude als gutes Beispiel. Trotzdem sagt Sprecher Benedikt Tröster: „Es ist für uns unmöglich, jeden einzelnen Produktionsschritt an allen Standorten und 365 Tage im Jahr zu überwachen.“