„Fairy Queen“ an der Oper Stuttgart Das Herz auf der Zunge

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Lauryna Bendziunaite als Mystery in „Fairy Queen“ (Probenfoto) Foto: JU_Ostkreuz

Stuttgart - „Sorry“, sagt Lauryna Bendziunaite, „Entschuldigung, ich hab’einfach schon mal angefangen.“ Allerdings hat sie das, und so kommt es zu einem wirklich unvergesslichen Erlebnis: nämlich zu einem Interview, das mit einer Antwort beginnt. Und mit viel lautem Gelächter. Ja, so ist sie, die litauische Sopranistin, die jetzt ihre zweite Saison in Stuttgart verbringt: immer in der Vorwärtsbewegung, immer aktiv, ein sprudelnder Quell. „Wissen Sie“, sagt die 34-Jährige, „ich spreche so schnell, weil ich einfach so viel zu sagen habe.“ Klar, so kann man das sehen. „Alles im Leben ist Kommunikation“: Auch dieser Satz der Sängerin liefert eine mögliche Erklärung.

Lauryna Bendziunaite könnte auch als Verkäuferin erfolgreich sein oder als Maklerin: Charmant würde sie ihre Kunden so lange verbal bezirzen, bis diese bezaubert die Waffen strecken. Dass sie Sängerin wurde, ist reiner Zufall, und irgendwie passt auch das zu ihr. Aus einer „total unmusikalischen Familie mit ganz normalen, guten Jobs“ kommend, umgeben von wohl situierten Anwälten und Ärzten, fiel schon das Kind auf, weil es „unglaublich schwierig, wild und immer sehr laut“ war . Strukturen, überlegten die Eltern, sollte diese so ganz andere Tochter haben, und kreativ sollte sie sein.

Vom Akkordeon zu Tanz, Malerei, Dirigieren – und dann zum Gesang

So kam Lauryna in die Kunstschule von Nida, ihrer Heimatstadt, einem Ort auf der litauischen Seite der kurischen Nehrung, nahe der Grenze zum russischen Teil. Drei Sommermonate lang genießen dort Touristen das schmale Land zwischen Haff und Ostsee. Der Rest des Jahres indes sei dort, so Bendziunaite „sehr, sehr ruhig“ (und indem sie dies sagt, mag man sich fragen, ob manche Menschen womöglich auch viel sprechen, um das Erlebnis von Stille zu kompensieren).

In der Kunstschule spielte Lauryna Akkordeon. Ein dünnes, kleines Mädchen und ein großes, schweres Instrument – „das war schmerzhaft“. Besser waren das Tanzen und das Malen. Nach einer Verletzung blieb vor allem Letzteres – doch als es um die Entscheidung für ein Studium ging, kam die Musik mit Macht zurück, „obwohl ich mich immer gefragt hatte, was Musiker eigentlich ernsthaft arbeiten“. Dirigieren sollte es sein. Die Studentin hatte Erfolg – und fand dennoch, dass das nicht genug sei. Nach einer ebenso spontanen wie erfolgreichen Teilnahme bei einem Gesangswettbewerb wurde das Singen zur Profession und Passion. Erste Engagements folgten prompt, auch bei Projekten der Vilnius City Opera. Dort hat sie ihre erste Despina gesungen, war bei der „Zauberflöte“, bei „Werther“ und in „La Bohème“ dabei, „und da“, sagt Lauryna Bendziunaite, „kommt all meine Bühnenerfahrung als Solistin her.“

„Stuttgarts Oper ist eines der schönsten Theater, das ich kenne!“

Bei einer Audition in Stockholm ist die Sängerin Stuttgarts Operndirektorin Eva Kleinitz aufgefallen. Es folgte eine Einladung zum Vorsingen in der Oper Stuttgart. „Crazy“, sagt Lauryna Bendziunaite, „verrückt: Als ich am Stuttgarter Flughafen ankam, dachte ich, ich sei in Vilnius gelandet. So sah das aus, und so habe ich mich gefühlt. Und als ich dann auf der Bühne stand, war alles ganz einfach. Ich schaute in den Zuschauerraum und dachte: Wow, das ist eines der schönsten Theater, das ich kenne!“

So kam es, dass sie blieb, dass sie in Stuttgart nun schon die Musette in „La Bohème“und die Karolka in „Jenufa“ gesungen hat. Und das Ännchen im „Freischütz“ – „dabei ist mir fast die Zunge abgebrochen“. Demnächst kommt die Dirne in Boesmans’ „Reigen“ dazu; auch Despina, Zerlina und Susanna wird die Sopranistin singen.

Ab Sonntag in Henry Purcells „Fairy Queen“ gibt sie außerdem eine Figur, die sich Mystery nennt und die „alles Mögliche ist: Mädchen, Frau, Fee, Geheimnis“. Dass bei den Tänzen, die es in diesem Stück auch gibt, die Mystery den „Dance Captain“ gibt, hätte man sich denken können.

Musik und Schauspiel kommen in „Fairy Queen“ zusammen

Der Regisseur Calixto Bieito, sagt Bendziunaite, nenne sie immer Scarlett O’Hara. Tatsächlich, es gibt Verbindungen nicht nur im äußeren Erscheinungsbild (siehe oben). Wobei Scarletts Rhett Butler in diesem Fall ein Dirigent ist, ein Blasorchester leitet und mit seiner singenden Gattin in Stuttgart wohnt. Manchmal hat diese zwischen Üben, Proben und Deutschkursen auch Zeit für ihn.

Zurück zu Purcells Stück, dessen Untertitel („Semi-Opera“) auf seine Entstehung in der Zeit vor der Oper wie auch auf die Tatsache verweist, dass hier Musiktheater und Schauspiel zusammenkommen. Worum es geht? „Um die Liebe, die einen verrückt macht, die einen leiden lässt, die einem die Sehnsucht einpflanzt. Und um Freiheit und wie man mit ihr umgeht. Und um Pläne, die man sich macht, die dann aber scheitern.“

Also geht es: um das Leben? „Ach ja, natürlich“, seufzt Lauryna Bendziunaite. Aber Calixto Bieito betrachte das Stück aus der Perspektive der Komödienfiguren. Wie jeder Regisseur kämpfe auch er hier mit der Tatsache, dass es „keinen wirklichen Handlungsfaden“ gebe und dass es entsprechend schwierig sei, „die einzelnen Stränge zu verknoten“. „Aber das“, sagt die Sängerin, „ist ja der Grund, warum Gott gute Regisseure geschaffen hat.“ Die Frage zu dieser Antwort hätte einem wirklich selbst einfallen sollen.

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