Die Anforderungen, die an eine reguläre Arbeitsmigration gestellt werden, wurden zwar gesenkt, die Bürokratie hat aber zugenommen. Deshalb braucht es das Welcome Center, das von der IHK getragen wird.
Mit zahlreichen Grafiken hatte Michaela Thoma die Änderungen anschaulich aufbereitet, die sich durch die im Sommer 2023 verabschiedete Novelle des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes ergeben haben.
Und doch dürften am Ende ihres Vortrags die Köpfe der Unternehmensvertreter, die sich bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nordschwarzwald in Pforzheim eingefunden hatten, geschwirrt haben.
Vermittlerrolle Die Anforderungen, die an eine reguläre Arbeitsmigration nach Deutschland gestellt werden, wurden zwar gesenkt, die Bürokratie hat aber zugenommen, sagt die Beraterin des Welcome Center. Und genau deshalb braucht es diese Einrichtung.
Das Welcome Center, dessen Träger in der Region Nordschwarzwald die IHK ist, soll dazu beitragen, „dass die Mitarbeiter aus dem Ausland so schnell wie möglich kommen können“, so Thoma. Diese Institution soll sowohl dazu beitragen, dass Unternehmen Fachkräfte aus dem Nicht-EU-Ausland finden, als auch Interessenten aus diesen Ländern helfen, Arbeit zu finden und sich zu integrieren.
Erfolgsgeschichten Und diese Menschen werden gebraucht. Denn trotz der eher verhaltenen Wirtschaftslage leiden nahezu alle Branchen unter dem Fachkräftemangel, so IHK-Präsidentin Claudia Gläser.
Was Stella Hahn zu erzählen hat, ist fast schon eine Erfolgsgeschichte. Die Frau aus Tansania lebt seit vier Jahren in Deutschland, wohnt in Nagold und arbeitet in der Personalabteilung des Tübinger Biotech-Unternehmens CeGaT GmbH. Sie wundert sich sogar, wie schnell sie eine adäquate Arbeit gefunden hat.
Sie weist allerdings auch einen Lebenslauf auf, der die meisten Personalchefs mit der Zunge schnalzen lässt. Sie hat einen Studienabschluss in ihrem Heimatland, hat in den USA, Oman und Dubai, unter anderem bei der Daimler AG, gearbeitet.
Aus ihrer Tätigkeit bei der Außenhandelskammer in der tansanischen Hauptstadt Daressalam kannte sie die IHK und fand so den Weg zu Michaela Thoma. Sie versorgte Hahn mit den notwendigen Informationen. Ein Jahr lang hat sie einen Sprachkurs absolviert.
Stella Hahn ist mit einem Deutschen verheiratet. Die 36-Jährige ist Mutter von zwei Mädchen im Alter von zwei und vier Jahren. Und sie hat natürlich die mentalen Unterschiede zwischen Mitteleuropäern und Afrikanern kennengelernt. „Man muss offen sein und auf die Menschen zugehen“, sagt sie.
Dagegen ist Daniel Dominguez Abarca für seine Tätigkeit in der Vormontage bei der Arburg GmbH + Co KG in Loßburg, einem Hersteller von Spritzgussmaschinen, überqualifiziert.
Er hat in seiner Heimat Mexiko Chemieingenieurwesen studiert. Dominguez hat 2022 den Kontakt zu Thoma gefunden. Und er möchte weiter vorwärts kommen, um irgendwann eine Stelle zu finden, die seiner Ausbildung entspricht. Sein jetzt schon gutes Deutsch will er weiter verbessern. Lesen und Fernsehen sollen den 34-Jährigen dabei weiter voranbringen.
Herausforderungen Relativ schnell gehe es mit der Anerkennung ausländischer Hochschulabschlüsse, berichtet Thoma. Schwieriger werde es bei der Berufsausbildung. Da braucht es immer noch die Anerkennung durch Behörden, die personell unterbesetzt sind.
Die verschiedenen Wege zu einer regulären Arbeitsmigration machen die Sache nicht einfacher und zeigen, wie notwendig eine Einrichtung wie das Welcome Center ist.
Erfahrungen So berichteten bei der Veranstaltung in Pforzheim Matthias Raisch, Geschäftsführer der Raisch Bäckerei und Konditorei GmbH & Co. KG in Calw, und Sebastian Finkbeiner, Geschäftsführer des Hotels Traube Tonbach in Baiersbronn, von ihren Erfahrungen mit dem Pilotprojekt „THAMM“.
Da hilft die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit sowie den Arbeitsbehörden und zuständigen Ministerien in den Partnerländern, dass Auszubildende und qualifizierte Fachkräfte aus Ägypten, Marokko und Tunesien an Betriebe in Deutschland vermittelt werden können.
Elf der 38 Azubis bei Raisch kommen aus diesen Ländern. Natürlich brauchen sie Hilfe bei der Integration in einem für sie fremden Land. Das reicht, so Raisch, von der Wohnungssuche über Behördengänge, Einrichtung eines Bankkontos bis zum Handy-Vertrag. Die Erfahrungen mit diesen jungen Menschen sind durchweg positiv. Raisch: „Die haben in der Berufsschule alle gute Noten.“
Gastliche Menschen
Ähnliches berichtet Finkbeiner: „Nordafrikaner sind gastliche Menschen.“ Die hätten für die Berufe, die in seiner Branche gebraucht werden, eine Art Gen.
Und, so der Hotelier: „Sie bereichern und verschönern den Berufsalltag.“ Finkbeiner hat sogar ein Lob für die Politik, die mit dem novellierten Gesetz auf die Wirtschaft gehört habe – „wenn auch viel zu spät“.
Zahlen Das Welcome Center Nordschwarzwald gibt es seit August 2019. Nach der Unterbrechung durch die Corona-Pandemie wurden zwischen Januar 2021 und April 2024 insgesamt 650 Menschen mit Migrationshintergrund und 200 Unternehmen/Institutionen beraten. Die meisten Personen kommen aus Kolumbien, Türkei, Syrien, Rumänien, Ukraine, Ägypten, Kosovo und Afghanistan.