Manfred Kuner hat sich für einen gelben Pullover entschieden, die für Anfang Januar eher leichte Jacke legt der Präsident des Skiverbandes Schwarzwald (SVS) schnell ab. Einen Kaffee und rund 70 Minuten später ist klar, dass sich der Skisport auch in unserer Region verändern muss. Eine Biathlon-Nachwuchs-WM am Notschrei könnte dafür als Katalysator dienen.
Als Manfred Kuner in dieser Woche in unsere Redaktion nach Villingen kommt, stehen die deutschen Skispringer nach einer schwachen Tournee in der Kritik, doch Kombiniererin Nathalie Armbruster (SV/SZ Kniebis) sorgte mit weiteren Weltcup-Podestplätzen für Aufsehen. "Sie ist ein echter Rohdiamant", freut sich der frühere Banker über die starken Auftritte der 17-jährigen Freudenstädterin. Erfolge der Aushängeschilder sind wichtig, das weiß der Triberger. Doch allein diese werden nicht ausreichen, um die Zukunft des Skisports in Zeiten von Schneeknappheit, Klimaerwärmung oder hohen Energiekosten mittelfristig im Schwarzwald zu sichern. Neue Ideen sind gefragt.
Die Top-Leute
Manfred Kuner, wie ist der Ist-Stand im Schwarzwald?
Da muss ich etwas differenzieren. Wenn ich den Stand beim Leistungssport bei den Aktiven anschaue, sind wir zufrieden. Wir haben unsere Kaderquoten, die wir anstreben, erfüllen können. So ist die Situation in der NoKo (Nordische Kombination, Anm. d. Red.) gut. Dort haben wir mit Fabian Rießle (SZ Brend) und Manuel Faißt (SV Baiersbronn) zwei Top-Leute. Nathalie Armbruster stand dazu schon mehrfach auf dem Podest. Wichtig ist nun, dass wir ihr nicht zu großen Druck machen, sie sich in Ruhe entwickeln lassen. Aber natürlich wissen wir auch, dass von der Entwicklung der Frauen-Kombination auch die Zukunft der Männer-NoKo abhängt.
Wie sieht es in den anderen Sportarten aus?
Im Langlauf sind wir – trotz einiger Rücktritte – weiter gut aufgestellt. Janosch Brugger (WSG Schluchsee) gehört zur erweiterten Weltspitze. Unser Anspruch beim Biathlon ist es, dass wir 30 Prozent des deutschen Kaders stellen. Das schaffen wir mit Benedikt Doll (SZ Breitnau), Roman Rees (SV Schauinsland) oder Janina Hettich-Walz (SC Schönwald) locker. Beim Ski alpin haben wir – außer Skicrosserin Daniela Maier – gerade keine heißen Eisen im Feuer. Slalomfahrer David Ketterer (SSC Schwenningen) kämpft um seine sportliche Zukunft. Unser Ziel ist es hier, dass wir uns dauerhaft mit einer Quote von zehn bis 15 Prozent im DSV etablieren. Es kommen einige Talente nach. Unser Problem ist, dass wir gute Alpinfahrer ausbilden, die wir in Freiburg am Olympiastützpunkt fördern. Diese müssen wir dann aber im Alter von 16, 17 Jahren nach Oberstdorf ins Sportinternat abgeben. Dort fallen einige durch das Raster, hören sogar frustriert auf.
Mehr Freiheiten den Talenten
Weshalb?
Heimweh ist sicherlich ein Thema. Zudem, so denken wir, ist es die nicht immer optimale persönliche Betreuung dort, also nicht die Leistungssportbetreuung. Die Frage ist, ob wir die Talente generell zu früh in den Spitzensport reinbringen, ihnen zu wenig Luft für die persönliche Entwicklung lassen. Dieses Problem gibt es in Österreich und der Schweiz ja auch.
Im Snowboard sieht es dagegen gut aus.
Ja, da haben wir mit Paul Berg (SC Konstanz), Jana Fischer (SC Löffingen) und Co. einen Kaderanteil von rund 40 Prozent. Wichtig ist, dass wir in Bernau eine permanente Trainingsstrecke haben, aber natürlich nur bei genügend Schnee. Wenn ich ehrlich bin, sieht es im Aktivenbereich am schlechtesten im Bereich Sprung aus.
Stichwort "flügellahme" Schwarzwald-Adler.
Ja, hier gibt es ein Leistungsloch. Leider fehlen auch im Juniorenbereich die ganz großen Talente. Ein Claudio Haas oder eine Anna Jäkle haben leider aufgehört. Zudem war der Wechsel unseres überragenden Nachwuchstrainers Rolf Schilli in die Schweiz schon ein Rückschlag. Wir müssen uns überlegen, wie wir qualifizierte Trainer noch besser an uns binden können.
Die "Running Dragons"
Davon gibt es einige bei den »Running Dragons«, der vereinsübergreifenden Trainingsgemeinschaft für den Nachwuchs.
Philipp Rießle und Co. machen bei den jüngsten Talenten in dieser Kinder- und Jugendgruppe an den Stützpunkten Breitnau und Schönwald hervorragende Arbeit. Es kommt also was nach. Zudem hatten wir in der Vergangenheit ja in Hinterzarten Schanzen-Probleme. Jetzt aber können wir die 70-Meterschanze mit einer Allwetterspur belegen. Wir können diese nun zwölf Monate im Jahr nutzen. Zudem, und dies gibt es in Europa sonst nur noch in Oslo, erhalten wir in Hinterzarten einen Windkanal. Dieser bietet uns ganz neue Möglichkeiten, ja Vorteile gegenüber anderen Skiverbänden. Die Ausrüstung – also vor allem der Sprunganzug und die Ski – macht inzwischen gut 20 Prozent der Weite aus, dies zeigt die Bedeutung eines Windkanals. Bisher musste man für viel Geld den Windkanal bei Audi anmieten, um das Material und die Aerodynamik zu testen. Wir haben also künftig – wohl ab Mai – direkt an der Adlerschanze einen eigenen Windkanal, den andere Nationen natürlich bezahlen müssen, wenn sie ihn nutzen wollen.
Und was kostet der?
Das Land Baden-Württemberg hat den Windkanal bei Investitionskosten von fast 400 000 Euro ganz erheblich gefördert. Betreut wird dieser wissenschaftlich und technisch vom Olympiastützpunkt Freiburg. All dies stimmt mich zuversichtlich, dass wir mittelfristig wieder Schwarzwald-Adler erleben werden.
Wobei Kids erst einmal den Weg an die Schanzen, auf die Loipen und Pisten finden müssen.
So ist es. In den vergangenen beiden Jahren kam aufgrund von Corona von ganz unten nichts nach. Zudem haben wir aufgrund des Schneemangels immer mehr Eltern, die ihren Kindern das Skifahren nicht mehr beibringen können. Dadurch haben wir immer weniger Schulen, die den Schülern den Skisport vermitteln.
Neidische Bayern
Gibt es da Ideen, um das zu ändern?
Wir müssen wieder mehr in die Kindergärten und die Schulen gehen, mit diesen zusammenarbeiten, damit wir die Kids vom Wintersport begeistern. Daran arbeiten wir, daran arbeitet der Deutsche Skiverband (DSV). Aber dafür braucht es auch Schnee. Bei den älteren Talenten sieht es aber besser aus. Da gibt es vielversprechende Talente, auch im Ski alpin. Im nordischen Bereich, gerade im Biathlon, sind wir hier sogar das Maß der Dinge in Deutschland. Die Biathlon-Förderung am Notschrei ist exzellent, da beneiden uns sogar die Bayern oder die Thüringer darum.
Und wie sieht es am Feldberg mit den Cross-Weltcups aus? Immerhin kommt mit Daniela Maier die Olympia-Dritte aus Furtwangen.
Der Snowboardverband will weiter am Feldberg als Außenstelle eines Bundesleistungszentrums festhalten. Die Problematik ist, dass wir vom Bund noch keine Zusage haben, dass man Bundesleistungsstandorte auch splitten kann. Grasgehren ist bisher in Deutschland für Snowboard zuständig. Wir – also der SVS und Snowboard Germany – hätten gerne, dass wir den Feldberg als Außenstelle etablieren. Und wir Baden-Württemberger sind derzeit ja in Deutschland führend in Sachen Snowboard. Um einen Weltcup auszutragen, auch im Skicross, fehlen aber derzeit am Feldberg zwei Dinge: Ein veranstaltender Verein mit einer etablierten Helfergruppe sowie ein Hauptsponsor. Die politischen Gemeinden haben aktuell wenig Interesse an den Weltcups. Sie wissen, dass die Hotels und Lifte bei genügend Schnee auch so voll belegt sind. Sie brauchen also den Werbeeffekt der Weltcups nicht zwingend. Sollte aber am Feldberg eine Lösung gefunden werden, dann gibt es innerhalb von zwei Jahren ein Weltcup-Comeback unterhalb des höchsten Schwarzwald-Gipfels. Davon bin ich überzeugt. Die FIS (Internationaler Skiverband) wartet nur darauf.
Also wird es zumindest kurzfristig bei den Weltcups in Titisee-Neustadt (Skispringen Frauen und Männer), Schonach (Nordische Kombination Frauen und Männer, 10. bis 12. Februar) und Hinterzarten (Skispringen Frauen, 27. bis. 29. Januar) bleiben?
Kurzfristig auf jeden Fall, wenn die Witterung uns keinen Strich durch die Rechnung macht. Schonach ist in diesem Jahr auch sportlich extrem wichtig, es ist für die Sportler die letzte Standortbestimmung vor der Weltmeisterschaft in Planica. Hermann Weinbuch wird auch danach erst sein WM-Aufgebot benennen. Der Damen-Weltcup in Hinterzarten ist deshalb sehr wichtig, weil wir hier eine noch größere Breite an sehr starken Springerinnen brauchen.
Und die Frauen wollen auf große Schanzen, dazu eine eigene Vierschanzentournee.
Wir wollten ja schon vor vielen Jahren in Baden-Württemberg eine eigene Frauen-Tournee veranstalten. Das Land Baden-Württemberg hätte dies damals unterstützt. Es gab aber Widerstände vom DSV und vom Bayerischen Skiverband – natürlich vor allem aus Oberstdorf und Garmisch, den Männer-Tournee-Orten. Und dann kamen die Österreicher dazu, welche die Tournee mit Springen in Innsbruck und Bischofshofen komplett machen wollten. Nun haben sie aber ja einen Halbrückzieher gemacht. Ich denke, dass die Frauen in zwei Jahren endlich ihre eigene internationale Vierschanzentournee bekommen. In der umgekehrten Reihenfolge der Männerspringen.
Der Traum von der Biathlon-Weltmeisterschaft
Voraussetzung für jeden Wettkampf ist Schnee – derzeit wieder Mangelware im Schwarzwald, dazu kommen die hohen Energiekosten.
Der Klimawandel ist nicht wegzuleugnen. Wir haben – über viele Jahre gesehen – eine leichte Erhöhung der Temperaturen. Aber mit großen Schwankungen, es wird auch weiterhin schneereiche Winter im Schwarzwald geben. Wir müssen uns deshalb auf wenige Standpunkte konzentrieren, wenn wir weiter den Wintersport forcieren wollen. Der eine ist das aufgrund der Höhenlage noch relativ schneesichere Feldberg-Gebiet, das andere der Notschrei. Dort investieren wir in den nächsten Jahren gut 3,5 Millionen Euro für den Ausbau und die Ertüchtigung – alleine eine Million Euro ist davon übrigens ausschließlich für den Behindertensport vorgesehen. Dieser entwickelt sich sensationell. 16 von 19 deutschen Medaillen bei den Paralympics wurden am Notschrei "produziert". Wir haben am Notschrei außerdem die besten "Snowfarming-Ergebnisse" in Deutschland, also die geringsten Schneeverluste. Eine gute Quote in Sachen "Schneeübersommerung" haben wir außerdem in Neustadt an der Schanze. Auch der Wettkampfort Hinterzarten ist stabil. Wir müssen es aber schaffen, dass das Skispringen zu einem Ganzjahressport wird. Ähnlich könnte es im Biathlon und in der NoKo kommen. Im alpinen Bereich ist dies natürlich nicht möglich.
Vor allem in das Nordic Center Notschrei wird also groß investiert. Dann wären bald auch internationale Veranstaltungen im Biathlon denkbar.
(lacht). Daran haben wir auch schon gedacht. Man hat ja gesehen, was eine Junioren-WM in Schonach für die dortige Weltcup-Standortsicherung gebracht hat. Der DSV würde es begrüßen, am Notschrei eine Nachwuchs-Weltmeisterschaft auszutragen. Deshalb müssen wir die Schießanlage von 26 auf 30 Schießbahnen erweitern. Wir haben mit Unterstützung des DSV wirklich alle Chancen, in den nächsten Jahren den Zuschlag zu bekommen. All dies ist aber auch nur mit der finanziellen Unterstützung vom Kultusministerium, vom Landessportverband und vom Badischen Sportbund möglich. Bei der FIS haben wir aktuell zwar derzeit nicht die besten Karten, weil wir uns als DSV der kompletten und extremen Kommerzialisierung von Präsident Johan Eliasch entgegenstellen. Da aber ein sehr gutes Verhältnis zur IBU (Internationale Biathlon-Union) besteht, sind wir zuversichtlich, bei einer Bewerbung den Zuschlag zu bekommen.