Der Ausbau Erneuerbarer Energie wird im Moment heiß diskutiert. Endlich, sagt Johannes Haug vom Arbeitskreis Klimaschutz der Lokalen Agenda 21 im Gespräch.
Johannes Haug setzt sich seit Jahrzehnten engagiert für Erneuerbare Energie ein. Seit 25 Jahren beim Arbeitskreis Klimaschutz der Lokalen Agenda 21. Sein Reihenhaus stattete er als Erster in Rottweil mit einer Fotovoltaikanlage aus. Im Herbst wurde aus dem Arbeitskreis heraus die Klimagenossenschaft KlimaRegionRottweil gegründet. Mit Henry Rauner als Vorstand.
Herr Haug, Ihr Interesse für Erneuerbare Energie entwickelte sich zu einer Zeit, als Maßnahmen gegen den Klimawandel noch in den Kinderschuhen steckten. Was war der Auslöser?
Ich bin jetzt 72 Jahre alt. Als einer meiner Lehrer in der Schule sagte, Energie kostet nix, wurde ich zum ersten Mal nachdenklich. Schon damals wurde diskutiert, ob sich durch die zunehmende Luftverschmutzung das Klima abkühlt oder durch den CO2-Ausstoß eine Erwärmung eintritt. Der Treibhauseffekt von CO2 war schon seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Ab da ließ mich das Thema nicht mehr los. Als Vermessungs-Ingenieur kam ich schon im ersten Berufsjahr in Kolumbien in Berührung mit Erneuerbarer Energie. Ich arbeitete an einer Studie mit, die das Wasserkraftpotential des Landes erforschte. Damals war die Wasserkraft die einzige wirtschaftliche Erneuerbare Energie.
Welche Projekte konnten Sie mit dem Arbeitskreis Klimaschutz bislang verwirklichen.
Die Lokale Agenda 21 wurde in Rottweil 1999 gegründet. Wir haben in diesen Jahren viele Aktivitäten durchgeführt. So haben wir viele Veranstaltungen und Vorträge organisiert, etwa mit dem Klimaforscher Mojib Latif. Wir konnten erreichen, dass auf der JVA statt nur 400 Kilowattpeak jetzt 1800 Kilowattpeak installiert werden sollen. Unser erstes Projekt war das Klimaschutz-Konzept Rottweil, das im Jahr 2002 dem Gemeinderat vorgestellt wurde. Zur Einsparung der Kohlendioxid-Belastung waren 18 Ziele vorgestellt worden. Den mit Abstand größten Anteil nahm die Windkraft ein. Es waren drei Windparks mit einer Leistung von 22,5 Megawatt vorgesehen. Passiert ist bekanntermaßen bis heute nichts.
Warum nicht?
Das hat viele Gründe. Vielen ist es bis heute nicht bewusst, wie wichtig es für den Klimaschutz ist, dass die Erneuerbaren Energien möglichst schnell ausgebaut werden müssen. Es war nicht möglich, sich gegen den Willen der bestehenden Kräfte durchzusetzen. Die fossilen Träger von Gas, Kohle und Atomkraft sind bis heute mächtig. Das ist sehr frustrierend.
Ein Windrad wurde damals beim Hochwald privat gebaut. Ist der Betrieb an diesem Standort wirtschaftlich?
2000 gab es noch keine Windräder für Schwachwindgebiete. Ein modernes Windrad kann heute rund zwanzigmal so viel Strom erzeugen wie das bestehende Windrad. Eine Lidarmessung im Jahr 2013 hat allerdings eine ausreichende Wirtschaftlichkeit festgestellt Es wurde empfohlen, den Standort weiter zu verfolgen.
Die jüngsten Bemessungsgrundlagen haben den Regionalverband nun aber dazu bewogen, nicht den Spittelstann zu favorisieren, sondern ein sehr großes Vorranggebiet um den Vahingerwald. Ist dieser nun besser geeignet?
Die Gebiete haben etwa die gleiche Windhöffigkeit, wobei der Vaihingerwald teilweise etwas bessere Werte hat. Das vom Regionalverband festgelegte Vorranggebiet Vaihingerwald ist das mit Abstand größte Vorranggebiet in der gesamten Region. Es umfasst auch Flächen bis hinunter ins Wettebachtal. Es wäre sicher sinnvoll, diese sehr tief liegende Flächen in ein Vorranggebiet Spittelstannwald zu legen. In diesem Bereich sind auch gute Standorte für mehrere Windräder und es würde nicht mit dem privilegierten repowerten Windrad eine Einzelanlage entstehen.
Dennoch gibt es in Neukirch eine Bewegung, die sich gegen die Windkraft richtet. Hätte es besser laufen können? Stichworte: Transparenz, Öffentlichkeitsbeteiligung, finanzielle Teilhabe an der generierten Wertschöpfung
Eigentlich sollte inzwischen jedem bewusst sein, dass die Klimaerwärmung aufgehalten werden muss. Für Behauptungen, die mit Fakten nichts zu tun haben, sehe ich keine Rechtfertigung. Auch, wenn das Projekt direkt vor der Haustür geplant ist. Für den Regionalverband war es sicher nicht sehr einfach, die Öffentlichkeit in der gesamten Region über seine Planung zu informieren. Vielleicht hätte man die Zeit für die Beteiligung der Öffentlichkeit noch etwas verlängern können. Dennoch muss die Wirklichkeit wahrgenommen werden. Und die besagt, dass der Stromverbrauch in Deutschland von bislang 500 Terrawattstunden auf 1000 Terrawattstunden steigen wird. Wenn wir die Klimaerwärmung stoppen wollen, muss diese Strommenge Kohlendioxid-frei erzeugt werden. Und natürlich kann ich nur immer wieder dazu auffordern, sparsam mit der Ressource Strom umzugehen. Eine finanzielle Teilhabe an der Stromgewinnung in Rottweil ist bereits möglich. Im vergangenen Herbst wurde die Klimagenossenschaft KlimaRegionRottweil gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, auch Windräder zu projektieren. Mit Henry Rauner als Vorstand.
Herr Rauner, Sie waren vergangene Woche im Ortschaftsrat Neukirch. Gab es eine Annäherung?
In der Bürgerbefragungsstunde wurde die Gelegenheit von mehreren Windkraftanlagen-Gegnern genutzt, indem sie Thesen als auch Fragen dazu vorgebracht haben. Auf die verschiedensten Fragenstellungen sind Bürgermeisterin Ines Gähn als auch Sandra Graf von der Bauverwaltung eingegangen. Nach der Präsentation der „KlimaRegionRottweil“ und der anschließenden guten Diskussion im Ortschaftsrat hat sich doch eine gewisse Einsicht breit gemacht, dass sich möglichst die Bürger an dem Projekt – zumindest auf städtischem Gebiet – beteiligen sollen, etwa über die Genossenschaft, da an dem zukünftigen Windpark vermutlich kein Weg vorbeiführen wird – siehe Land Baden-Württemberg, Forst BW-Fläche. Die entscheidende Frage wäre nur, ob die Bürger daran mitpartizipieren und damit Mit-Einfluss nehmen wollen oder ob sie „am Zaun stehen und schimpfen“.
Herr Haug, ist das Stromnetz denn ausreichend gerüstet für derartig hohe Strommengen?
Ja. Eine Abregelung von Windrädern wegen zu viel Windstrom müssen wir in Baden-Württemberg überhaupt nicht befürchten. Das war sogar im Schwarzwälder Boten am Freitag auf der Titelseite zu lesen: „Noch viel Luft nach oben“. Es gibt also noch genug Kapazität auf den Netzen. Der Netzanschluss für den Vaihingerwald ist sehr einfach, da mehrere Hochspannungsleitungen nur wenige Kilometer entfernt verlaufen.