Fast 44 Jahre nach seinem Tod erregt Jugoslawiens einstiger Staatenlenker Josip Broz Tito noch immer die Gemüter. Ein Bürgermeister würde dessen Gebeine am liebsten aus dem Grab werfen.
In Serbien ist ständig Stimmenstreit. Weil im Juni die Wiederholung der verfälschten Belgrader Stadtratswahl vom Dezember ansteht, versucht der geschäftsführende Bürgermeister Aleksandar Sapic von der nationalpopulistischen SNS bereits jetzt bei potenziellen Rechtswählern mit dem Vorstoß für eine umstrittene Grabauslagerung zu punkten.
Die im Belgrader „Haus der Blumen“ bestatteten Überreste von Jugoslawiens einstigem Staatenlenker Josip Broz Tito (1892–1980) sollten dorthin verfrachtet werden, woher der Partisanenchef gekommen sei – in seinen kroatischen Geburtsort Kumrovec, kündigte der bekennende Nationalist zu Monatsbeginn an. Das Haus der Blumen müsse den „Helden“ und nicht dem „schlimmsten Verbrecher der neueren serbischen Geschichte“ gewidmet werden.
Das sehen nicht alle so. 20 Millionen Menschen haben seit dem Tod Titos 1980 dem weißen Marmorsarkophag im Wintergarten seiner einstigen Residenz die Aufwartung gemacht: Mit 120 000 Besuchern pro Jahr ist das „Museum Jugoslawiens“ samt Tito-Grab noch immer das populärste Museum in Serbien.
Freiheitskämpfer oder Autokrat
Doch auch fast 44 Jahren nach seinem Tod scheiden sich an Tito noch stets die Geister. Die einen würdigen Tito als erfolgreichen Freiheitskämpfer gegen die deutsche Besatzung und als Staatsmann, der dank des frühen Bruchs mit Stalin Jugoslawien eine Vorreiterrolle in der Bewegung der blockfreien Staaten sowie einen bis dahin ungekannten Wohlstand beschert habe.
Kritiker sehen in dem gelernten Schlosser hingegen einen sozialistischen Autokraten, der seine Gegner gnadenlos verfolgt habe. Warum sollte die „schönste Hügel“ in Belgrad den Überresten von „Bolschewist“ Tito vorbehalten bleiben, erregt sich Sapic.
Doch nicht nur entgeisterten Historikern, die Sapic Geschichtsrevisionismus vorwerfen, sondern auch bei den Tito-Nachfahren und mitregierernden Sozialisten stößt die angedachte Grabauslagerung in Serbien auf Ablehnung. In den Nachbarstaaten bieten Bürgerväter dem von Sapic posthum zur unerwünschten Person erklärten Tito Alternativruhestätten an.
Tito werde „sicher nicht ohne Platz bleiben“, versichert Nihad Uk, der linksliberale Chef des bosnischen Kanton Sarajevo. Als „antifaschistische Stadt“, die ihr Partisanen-Erbe pflege und deren wichtigste Straße noch immer nach Tito benannt sei, werde Sarajevo „stolz“ dessen Überreste übernehmen.
Auch den Bürgermeister im montenegrinischen Cetinje lässt die serbische Vorwahlkampfvertreibung von Tito nicht ruhen. Wie für „alle Antifaschisten“ sei seine Stadt „stets offen für Tito“: „Ob es Sapic gefällt oder nicht: Es waren Titos Partisanentruppen, die Belgrad von den Besatzern befreiten.“
Gute Geschäft mit Besuchern
Weniger aus ideologischen als aus „kommerziellen“ Gründen fiebert hingegen Robert Splajt, der Ortsvorsteher in Titos kroatischem Geburtsdorf Kumrovec, einer etwaigen Überführung von dessen Gebeine freudig entgegen. Mit diesen könnte die Zahl der Besucher im Tito-Geburtshaus von derzeit 160 000 auf über eine Million pro Jahr steigen, rechnet der geschäftstüchtige Bürgervater vor.