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Villingen-Schwenningen Auf Corona-Streife statt im Kindergarten?

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Rathausmitarbeiter als eine Art verdeckte Ermittler im Kampf gegen eine zu laxe Erfüllung der Corona-Auflagen in den Kneipen und Lokalen der Doppelstadt – dieser Vorschlag bringt so manchen Gastronomen auf die Palme. (Symbolbild) Foto: pixabay

Villingen-Schwenningen - Rathausmitarbeiter als eine Art verdeckte Ermittler im Kampf gegen eine zu laxe Erfüllung der Corona-Auflagen in den Kneipen und Lokalen der Doppelstadt - dieser Vorschlag bringt so manchen Gastronomen auf die Palme. Und auch Teile der Rathausbelegschaft sind alles andere als begeistert.

Nach einigen Verstößen gegen die Verordnungen in der Gastronomie in Villingen-Schwenningen sieht sich die Stadt zum Handeln gezwungen. Die Corona-Kontrollen sollen ausgeweitet werden - doch sie sollen nicht nur häufiger stattfinden, sondern auch verdeckt.

Verwaltungsmitarbeiter als verdeckte Ermittler

Und weil das Ordnungsamt ohnehin unter der Last der ihm aufgebürdeten Aufgaben ächzt, sind es ganz normale Verwaltungsmitarbeiter, die ihnen nun unter die Arme greifen sollen. Quasi als verdeckte Ermittler können nun bei der Stadt Villingen-Schwenningen Arbeitende auf "Corona-Streife" durch die Gastronomie im Oberzentrum gehen.

Aus heiterem Himmel trifft diese Maßnahme die Wirte nicht - am 14. September ging ein Rundschreiben an ihre Adressen. Unserer Redaktion liegt es vor. Darin schreibt ein Mitarbeiter des Bürgeramtes von so genannten "Testbesuchen", bei welchen "nicht erkennbar ist", dass gerade eine Überprüfung erfolgt. Und er kündigt häufigere Kontrollen an als bislang. Weil das Bürgeramt alleine personell nicht in der Lage dazu sei, erhalte es Unterstützung von Beschäftigten anderer Ämter.

Die Stadtverwaltung bestätigte die Ausweitung der Kontrollen auf Nachfrage unserer Zeitung und betonte: "Das Ziel der Kontrollen ist nicht etwa eine Gängelung unserer eh schon gebeutelten Gastronomie, sondern die Wahrung der Gesundheit unserer Bürgerinnen und Bürger." Es gebe eine Menge vorbildlicher Gastronomie-Betriebe in VS, die die Corona-Regelungen erfüllen und danach handeln. "Aber es gibt auch schwarze Schafe, die diese Regeln noch nicht so streng umsetzen, wie es unbedingt erforderlich wäre. Wir haben dazu auch etliche Hinweise aus der Bevölkerung erhalten."

Dienstlich in der Kneipe sitzen

Wie hoch die Verwaltungsspitze das Thema einstuft, wird beim Blick auf die Vergütung für den Kneipen-Aufenthalt deutlich: "Es handelt sich hierbei um einen dienstlichen Einsatz, der entsprechend als Arbeitszeit angerechnet wird und die Kosten für Auslagen übernommen werden", bestätigt Pressesprecherin Madlen Falke.

Was in der Mitteilung der Verwaltung geschrieben, nüchtern klingt, sorgte hinter den Kulissen der Rathäuser in Villingen und Schwenningen nach Informationen unserer Zeitung für Entrüstung. Denn: So würden durch die Corona-Kontrollen für den KOD anderswo personelle Löcher aufgerissen.

Laut Falke gibt es für die Kontrollbesuche entsprechende Vorgaben. Insider berichten, die Mitarbeiter könnten pro Abend vier Kneipen für jeweils 30 Minuten aufsuchen – pro Lokalität stehe ihnen ein Getränk zu, das aufs Haus gehe, genauer: aufs Rathaus. Ganz besonders pikant: Durch die Mitarbeiterregelung hätten Kontrollen in Shisha-Bars angeblich erst möglich gemacht werden sollen. Die Belegschaft des KOD bestehe nämlich ausschließlich aus Nichtrauchern, die keine Kontrolle in diesen Etablissements vornehmen würden. Verwaltungsmitarbeiter sollten dort für eine Kontrolle eine Dreiviertelstunde Zeit bekommen. Arbeitszeit versteht sich.

Genau das soll der Knackpunkt für den Protest gewesen sein: Geht beispielsweise die Erzieherin abends auf Corona-Streife, fehle diese Arbeitszeit tagsüber im Kindergarten. Vor allem Amtsleiter sollen deshalb gegen den Vorschlag Sturm gelaufen sein. Trotzdem kann die Stadtverwaltung nun be­stätigen, dass zivile Kontrollen durch amtsfremde Mitarbeiter vorgenommen werden. Um die notwendigen Kontrollen in der Menge durchführen zu können, sei um die "freiwillige Unter­stützung von städtischen ­Mitarbeitern geworben" ­worden, "die nicht im Bürgeramt beschäftigt sind". Wie bereits bekannt, könne das ­Bürgeramt die "Masse an Aufgaben", durch das vorhandene Personal kaum noch ­alleine bewältigen.

"Es geht eine richtige Hetzjagd los"

In manchen Fällen ist nun das Tischtuch zwischen Gastwirt und Stadtverwaltung zerschnitten. "Ich traue mich schon gar nicht mehr, Mitarbeiter der Stadt zu bewirten aus Angst, sie finden irgendeinen Fehler", gesteht einer von ihnen im Gespräch mit unserer Zeitung. Namentlich genannt werden will er nicht.

Dass Kontrollen grundsätzlich richtig und wichtig sind, steht für den Dehoga-Kreisvorsitzenden Michael Steiger außer Frage. "Eins ist klar: Die Gastronomen haben sich daran zu halten und zwar alle, sonst entsteht eine Wettbewerbsverzerrung", sagt er im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Es sei fatal, wenn nicht ordentlich sitzende Mundschutze neue Fälle auslösten oder Infektionsketten nicht zu stoppen seien, weil die Daten ihrer Kontaktpersonen fehlten. Deshalb stehe er auch als Gastronom voll hinter den Verordnungen. Aber er stellt ebenfalls klar: "Denunziantentum brauchen wir keines."

Genau das aber habe sich zwischenzeitlich entwickelt, sagt ein weiterer doppelstädtischer Gastronom unserer Zeitung. "Es geht eine richtige Hetzjagd los. Leute, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, sollen jetzt Verstöße in unseren Unternehmen melden!"

Bei allem Wissen um schwarze Schafe, nicht jeder Gastwirt hat also Verständnis für solche Methoden. Viele fühlten sich mittlerweile von der Verwaltung gegängelt, berichtet auch SPD-Stadtrat Nicola Schurr im Gespräch, für den das vorgeschlagene Prozedere für die zivilen Kontrollen schon fast an eine "Stasi-Manier" grenzt. "Auf mich sind schon viele Gastronomen zugekommen in den letzten Tagen." Stellenweise werde gar der Eindruck erweckt, die Stadtverwaltung arbeite gezielt gegen anstatt für oder zumindest mit der Gastronomie - vor allem dann, wenn horrende Strafen mit Geldbußen in Höhe von 800 Euro und mehr verhängt werden, so Schurr.

"Einige haben schon Existenzangst"

"Einige haben schon Existenzangst", weiß er und zeigt aus diversen Gründen Verständnis: Um die Corona-Auflagen gewissenhaft erfüllen zu können, seien Wirte nämlich auf die Mitarbeit der ­Gäste angewiesen. Nachtschwärmer, die den Corona-Zettel mit ihren Personalien am Ende in die eigene Tasche wandern lassen, anstatt ihn abzugeben, das Ausfüllen der Daten nur vortäuschen oder der Aufforderung des Wirts nicht Folge leisten, seien wenig hilfreich. Und: Nicht jeder Gast beschaffe sich die Zettel zum Ausfüllen aktiv, manche müssten sogar mehrfach dazu ermahnt werden. Fehler oder Versäumnisse seien programmiert – und könnten angesichts der so strikten und verdeckten Kontrollen eben schnell teuer enden.

Finanziell gebeutelt, immerhin da waren sich alle Beteiligten, egal ob Gastronomen, Gäste oder Stadtverwaltung einig, sind die doppelstädtischen Wirte im Corona-Jahr 2020 eigentlich genug.

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