Ottmar Erath kritisiert die hohen Hürden für Sprachdozenten. Es könnten viel mehr Geflüchtete unterrichtet werden – gäbe es weniger Bürokratie. Foto: Thiercy

Die Volkshochschule wird 50 Jahre alt. Der langjährige Leiter Ottmar Erath blickt zurück auf bescheidene Anfänge, Angebote in Zeiten ohne Internet und Treffen mit internationalen Stars.

Er war zu früh dran zum Vorstellungsgespräch. Persönlicher Referent des damaligen Oberbürgermeisters Eugen Fleischmann wollte Ottmar Erath werden. Er schlenderte noch ein bisschen durchs Städtle. Die B27 verlief in den 1980er Jahren noch quer durch Balingen, es hatte geregnet, ein Laster bretterte an Erath vorbei. Zack! Die gute Hose war verdreckt.

 

Den Job bekommen hat Erath trotzdem, „oder vielleicht deswegen“, sagt der humorige Pensionist. Zehn Jahre lang war er Fleischmanns rechte Hand, vertrat seinen Chef regelmäßig bei Terminen der VHS. Als der Leiter Manfred Schwenzer in den Ruhestand ging, hat Erath keinen Moment gezögert und seinen Hut in den Ring geworfen. „Ich habe es keinen Tag bereut“, sagt er rückblickend.

Bildung von der Wiege bis zur Bahre

„Meine Frau hätte mich wohl gerne mal auf der Gymnastikmatte gesehen.“ Erath greift sich an den Bauch und lacht schallend. Allein: Dafür hatte er keine Zeit. Höchstens an den Wochenenden hätte er selbst Kurse belegen können. Dann aber auch beruflich, es ging ab 1989 ums Internet, um Computer.

Erath, dessen Frau Ulrike Pastoralreferentin ist, war nicht immer der Erste, aber stets der Letzte in der VHS. „Das kam meinem Biorhythmus sehr gelegen.“ Wieder lacht er und dann spürt man das immer noch starke Band, das er zu „seiner“ VHS hat. „Mich hat die Bandbreite der Möglichkeiten fasziniert. Die Volkshochschule bietet Bildungsangebote quasi von der Wiege bis zur Bahre.“

World Press Photo toppt Besucherrekorde

Höchstes Lob hat er für sein ehemaliges Team und sagt mit einem Augenzwinkern: „Sie mussten auch einiges mitmachen.“ Das haben sie – unter anderem auch, den Weg klassischer Bildungswege zu gehen. Entstanden sind unter Eraths Ägide die Wissenswerkstatt, die Jugendkunstschule wurde erfunden. Und Erath ist es auch, der die World Press Photo Exhibition nach Balingen gebracht hat, das sich seit dem in die Reihe von Ausstellungsorten wie New York, Sydney oder Madrid einreiht – und deren Besucherzahlen regelmäßig toppt.

Pressefotos und VHS, wie passt das zusammen? „Es ist politische Bildung in einem sehr attraktiven Format.“ In kürzester Zeit kämen tausende Besucher – Vorträge erreichten dies nicht. Nicht mehr. Das sei in den 1990ern noch ganz anders gewesen. Erath erinnert sich, dass er selbst Stühle schleppen musste, damit alle einen Platz bei einem Vortrag von Petra Gerster in der Stadthalle fanden. Diese Formate scheinen in Zeiten des Internets ausgedient zu haben – was Erath bedauert. „Am interessantesten waren immer die Diskussionen im Anschluss.“

Hürden für Dozenten sind zu hoch

Aktuell hat die VHS einen Aufnahmestopp für Sprachkurse. 1989, erinnert sich der Familienvater, sei der Zulauf ähnlich groß gewesen. Neun Vollzeitkurse für Spätaussiedler habe es gegeben. Aus den Erlösen finanzierte die VHS den Neubau und den Auszug aus dem Gebäude, in welchem heute das Generationenhaus untergebracht ist.

Der „alte Hase“ richtet eine Kritik an den Bund. Die Hürden für Dozenten, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten wollten, seien viel zu hoch. „Dabei ist die Alltagssprache entscheidend, kein Handwerker muss Dativ oder Genitiv definieren können.“

Und dann muss der humorvolle Mann wieder lachen, wenn er sich daran erinnert, wie es sich in einer Mietwohnung in der Hermann-Berg-Straße angefühlt hat, wo anfangs das Büro der VHS war. „Der Computer stand auf der Badewanne.“

Ach ja, fügt er an, Weltstars hat er auch getroffen. Den Gospelsänger Ron Williams zum Beispiel, der mit finanzieller Unterstützung der VHS bei einem Konzert des von Juandalynn Abernathy geleiteten Chors „Voices, Hearts and Soul“ aufgetreten ist. Dessen Anfangsbuchstaben ergeben VHS – und die Ankündigung damals einen Hype, denn die Balinger Teenager dachten, dass Robbie Williams in die Eyachstadt kommt.