Der Plastikmüll der Haushalte sammelt sich in den Gelben Säcken Foto: dpa

Die Umweltorganisation BUND hat bis Ostern zum Plastik-Fasten aufgerufen. Schon nach einer Woche im Selbstversuch wird klar: Ein Verzicht ist kaum möglich, Plastik ist in vielen Bereichen wie bei Lebensmittel- oder Kosmetikprodukten noch ohne Alternative. Bleibt das so?

Stuttgart - Die Umweltorganisation BUND hat bis Ostern zum Plastik-Fasten aufgerufen. Schon nach einer Woche im Selbstversuch wird klar: Ein Verzicht ist kaum möglich, Plastik ist in vielen Bereichen wie bei Lebensmittel- oder Kosmetikprodukten noch ohne Alternative. Bleibt das so?

Montag

Ohne Plastik hätte die Woche sicher besser angefangen, denn den Wecker gäbe es dann nicht. Doch schon im Badezimmer fällt auf: Das wars mit den Vorteilen: Zahnbürste und Zahnpastatube sind aus Plastik, gleiches gilt für die Shampoo-Verpackung. Auch das Frühstück ist mit den derzeit verfügbaren Lebensmitteln im Haushalt nur dank ­Kunststoff möglich: Müsli und Milch sind in Plastik verpackt, das Obst fürs Müsli wird auf einem Plastikbrett geschnitten. Der Wasserkocher hat einen Plastikdeckel. ­Gehört das beim richtigen Plastikfasten ­alles aussortiert?

Verzweifelter Anruf (mit dem Plastik-Telefon!) beim Abfall-Experten Rolf Buschmann vom BUND. Die Umweltorganisation organisiert die Plastik-Fasten-Aktion bis Ostern dieses Jahr zum ersten Mal. „Es geht nicht darum, gleich alle Produkte aus Kunststoff zu entsorgen“, beruhigt Buschmann. „Was man schon hat, nutzt man natürlich, bis es kaputt geht. Aber bei Neuanschaffungen sollte man nach Alternativen Ausschau halten.“ Denn Kunststoff ist ein wertvoller Rohstoff, weil er aus der endlichen Ressource Rohöl besteht. Und Kunststoff ist sehr langlebig: Es dauert Hunderte von Jahren, bis er sich zersetzt.

Dienstag

Die Gelben Säcke werden abgeholt. Eine gute Gelegenheit, um vorab den Inhalt genauer unter die Lupe zu nehmen, denn immerhin besteht dieser in einem deutschen Haushalt durchschnittlich zu etwa 70 Prozent aus Kunststoff. Und zwar zum Großteil aus den Einweg-Verpackungen, auf die man wegen der kurzen Lebensdauer besser verzichten sollte. Es finden sich darin Saft- und Milchtüten, viele dünne Hemdchen-Beutel von Obst und Gemüse, Käseverpackungen, eine leere Essigflasche, Quarkbecher, eine Zahnpastatube, Verpackungen von Gummibärchen und Schokolade, der Plastiksack von den Klopapierrollen. Kurz: Beim Einkauf von Lebensmitteln und Kosmetikprodukten scheint der meiste Einwegmüll aus Plastik anzufallen. Ein guter Ansatz, um mit dem Fasten zu beginnen.

Mittwoch

Schon beim Weg in den Supermarkt meldet sich das schlechte Gewissen: Prall gefüllt ist die Tasche mit leeren 1,5 Liter PET-Wasserflaschen. Steckt man diese in den Pfandautomaten, verrät das laut knirschende Geräusch: Wiederbefüllt werden diese Flasche nicht, zumindest nicht direkt. Zwar wird ein Teil des Granulats für neue Flaschen ­verwendet. Um diese herzustellen muss aber viel Energie und neues Erdöl eingesetzt ­werden.

Für Mineralwasser gibt es auch genug Alternativen in Glasflaschen – ganz anders als für viele Produkte im Kühlregal. Abgesehen von Milch und Joghurt steht dort nicht viel, was im Einkaufswagen landen kann: Kein Quark, keine Wurst, keine Creme fraîche. Im Biomarkt nebenan das gleiche Bild. Ob das auf dem Wochenmarkt am Samstag besser wird? Auch durch das Süßwarenregal kann man den Einkaufwagen als Plastikfastender schieben, ohne zugreifen zu müssen. Klar, Obst und Gemüse sind ohnehin die gesündere Alternative, doch auch dieses lässt sich kaum ohne die Hemdchen-Tüten aus Plastik zur Kasse und nach Hause transportieren. Oder?

Abfallexperte Rolf Buschmann hat für solche Einkaufsschwierigkeiten das Forum für Plastik-Fastende auf der BUND-Homepage empfohlen. Und tatsächlich erscheint kurz darauf ein guter Tipp auf dem Smartphone: Paprika, Champignons, Trauben und Tomaten getrennt abwiegen, dann aber in nur eine Tüte packen und alle Preiskleber darauf bäppen. Das funktioniert aber nur in Geschäften, in denen die Ware nicht erst an der Kasse gewogen wird. Hier wünscht sich Buschmann Einkaufswägen mit kleinen Transportfächern für Obst und Gemüse für den Weg bis zur Kasse. „Für den Transport nach Hause müsste man dann eben Stoffbeutel oder ­Gefäße dabei haben.“

Fazit des ersten Einkaufs: Man kann im Supermarkt zwar an Plastik sparen – aber nicht komplett darauf verzichten.

Donnerstag

Noch schlimmer wird es einen Tag später im Drogeriemarkt. Egal ob Shampoo, Klopapier, Zahnpasta oder Deo: Es gibt praktisch kein Kosmetikprodukt, das ohne Plastikverpackung auskommt. Und sogar in den Produkten selbst ist jede Menge Plastik versteckt: In Form von winzigen Mikropartikelchen wird es in Peelingcremes verwendet, um Hautschuppen abzurubbeln. Oder in der Zahnpasta, um die Zähne schön weiß zu schleifen. Während es hierfür beim BUND eine Übersichtsliste mit Produkten gibt, die Mikroplastik enthalten (www.bund.net/themen_und_projekte/meeresschutz/muellkampagne/mikroplastik/), sieht es mit Tipps fürs Fasten bei den Verpackungen mau aus. Es sei denn, man steht wie Forum-Nutzerin Claudia auf Haarseife und Waschnüsse. Oder man stellt Deo und Duschgel selbst her.

Für den aktuellen Einkauf nützt das wenig. Es landet genauso viel Plastik im Einkaufswagen wie vor der Fastenwoche.

Freitag

Warum ist Plastik eigentlich überhaupt ein so praktisches Verpackungsmaterial für Lebensmittel und Kosmetika? Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft hat auf der Suche nach nachhaltigen Verpackungen einen umfangreichen Vergleich verschiedener Materialien gemacht. Ergebnis: Kunststoff ist prima zu formen und leicht (im Gegensatz zu Glas), hält Luft, Feuchtigkeit und Fett stand (was Papier nicht schafft), ist durchsichtig (funktioniert mit Metall nicht) und lässt sich sehr günstig herstellen (trifft weder auf Glas noch auf Metall zu). Als einzig neues Material tauchen Biokunststoffe auf. Statt auf Erdöl basieren sie auf nachwachsenden, biologisch abbaubaren Produkten wie Maisstärke oder Getreideproteinen. Aber eignet sich dieses Material auch für die hohen Anforderungen an Haltbarkeit und Hygiene, die gerade für Lebensmittel und Kosmetika gelten?

„Ja“, sagt der Chemiker Christoph Wutz, Experte für biologisch abbaubare Kunststoffe an der Uni Hamburg. Es sei kein Problem, daraus Folien, Flaschen und Behälter herzustellen. „Allerdings sind die Kosten noch um bis zu viermal höher als bei billigen Kunststoffen wie Polypropylen.“ Der Grund seien die noch verhältnismäßigen kleinen Herstellungsmengen. Hinzu kommt, dass sich Mais – anders als Erdöl – beliebig anbauen lässt. Allerdings ist dazu dann Fläche nötig, die nicht mehr für Lebensmittel oder Biosprit zur Verfügung steht.

Und selbst wenn sich Bioplastik im Kompostierwerk vollständig zersetzen lässt (was unter derzeitigen Bedingungen auch nicht immer funktioniert), steht das darin enthaltene Mais nicht mehr für neue Verpackungen zur Verfügung.

Bleibt die Mehrweg-Idee von BUND-Abfallexperten Rolf Buschmann: Der Kunde kann seine leeren Duschgel- oder Essig-Flaschen im Geschäft abgeben und sie werden vom Hersteller wieder befüllt. Oder er kann die Flasche an einem Spender direkt selbst auffüllen. „Zumindest bei teuren Kosmetika hätte ich meine Zweifel, ob das funktioniert“, sagt Chemiker Christoph Wutz. Zumindest bei teuren Markenprodukten will der Kunde seiner Meinung nach auch die schicke Verpackung dazu – und die Hersteller wollen diese anbieten, um den teuren Preis zu rechtfertigen.

Samstag

Statt auf mehr Mehrweg-Verpackungen der Hersteller zu warten, wird heute der eigene Haushalt danach abgesucht. Dann geht es bepackt mit mehreren Vorratsgefäßen auf den Wochenmarkt. So kann der Mann vom Käsestand den Quark in die mitgebrachte Tupperdose füllen. Auch der Käse wird nicht in die mit dünnem Plastik beschichteten Papiere gewickelt, sondern kommt gleich in die eigene Vorratsdose. Das funktioniert auch mit Oliven und Wurst. Und die Primeln für den Balkonkasten werden nur deshalb gekauft, weil die Marktfrau bereit ist, die Plastiktöpfe zu behalten und die Wurzeln in Zeitung einzuwickeln. Sie freut sich sogar darüber. „Wir können die Töpfe nämlich nochmals benutzen.“

Die Freude über die ersten Erfolgserlebnisse hält an, bis zu Hause der Briefkasten geöffnet wird. Darin steckt ein Päckchen mit zwei bestellten Büchern. Beide sind in Folie eingeschweißt. Auch an diesem Tag muss also der Gelbe Sack geöffnet werden – wenn auch nur einmal.

Sonntag

Freunde wollen beim gemeinsamen Frühstück wissen, wie die Plastik-Fasten-Woche abgelaufen ist. Die Antwort fällt zunächst ernüchternd aus: Es gab keinen einzigen Tag, an dem nicht zumindest ein neues Stück Plastik entsorgt werden musste. So gesehen ist das Experiment gescheitert. Allerdings sind Radikal-Diäten auch nicht gesund. Und ein Vergleich des Gelben Sackes mit dem aus der Vorwoche zeigt: Er ist deutlich schlanker.