Auch Teil der Wahrheit: Manchem "Spaziergänger" in Freudenstadt geht es nicht nur um Corona. Foto: Beyer

Die Revolution frisst einen Teil ihrer Kinder: Die "Freiheitsboten Freudenstadt", Kopf der "Spaziergänge", haben "Querdenker" als Redner eingeladen. Das hat Folgen.

Freudenstadt - Sebastian Armbruster, einer der Organisatoren der Kundgebung, wirft darum hin. Denn am kommenden Montag, 11. April, wollen die "Freiheitsboten Freudenstadt" zwei Gästen eine Bühne vor der Stadtkirche bieten, die durch radikale Aussagen aufgefallen sind: Wolfgang Greulich, "Querdenker" aus Stuttgart, und Maximilian Eder, ehemaliger Oberst der Bundeswehr.

 

In Greulichs Reden sind Einschränkungen durch Coronamaßnahmen nur ein Aspekt unter vielen. In seinem Weltbild ist die Bundesregierung ein "Regime", das "zur Rechenschaft gezogen" gehöre. Das Volk werde "belogen und betrogen". Ohnehin regierten Konzerne wie "Amazon" die Welt. Greulich zieht mit anderen bekannten Köpfen der Szene wie Bodo Schiffmann und Samuel Eckert durch die Republik. Ex-Soldat Eder fällt ebenfalls mit Verschwörungstheorien auf und äußerte auf offener Bühne schon den Vorschlag, die Calwer Eliteeinheit "Kommando Spezialkräfte" nach Berlin zu schicken, um "aufzuräumen". Er sprach "vom Krieg mit dem Staat".

"Krieg mit dem Staat"

Die Einladung von Eder und Greulich ist auch innerhalb der "Freiheitsboten" nicht unumstritten. Sebastian Armbruster zieht die Reißleine und will unter diesen Umständen seinen Namen nicht mehr als Verantwortlicher hergeben. Ihm gehe es bei seiner Teilnahme an den "Spaziergängen" darum, eine offene und kontroverse Diskussion über die Corona-Politik zu führen, um damit die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden. "Nun sind zwei Redner eingeladen, die das Potenzial in sich tragen, unsere Gruppe zu spalten", so Armbruster.

Potenzial zur Spaltung

Innerhalb des Organisationsteams könnten "die Ansichten kaum unterschiedlicher sein", weshalb er sich "als Versammlungsleiter zurückgezogen" habe. Darüber hinaus distanziere er sich von der Veranstaltung, weil sie zwei umstrittenen Akteuren eine Bühne biete, ohne die Redner mit kritischen Fragen zu konfrontieren. "Das ist nicht meine Herangehensweise. Es sollte darum gehen, die Sichtweisen der jeweils Andersdenkenden aufzugreifen und zu diskutieren", so Armbruster. Da er mit dieser Sichtweise innerhalb der Gruppe nicht alleine sei, könne es zu einer "Aufspaltung" der "Freiheitsboten" kommen. Die "Bewegung" befinde sich in einem "erneuten Findungsprozess".

Fließende Übergänge

Fließender Übergang zwischen Corona-Bürgerprotest und Politik auch an anderer Stelle: Daniel Cremer, Rettungsassistent und Notfallsanitäter beim DRK, hat als Beiratsmitglied im AfD-Kreisverband Calw/Freudenstadt ein neues Betätigungsfeld gefunden. Sein Name tauchte im "Telegram"-Kanal der "Freiheitsboten" im Zusammenhang mit dem Protestmarsch vor der Praxis des Baiersbronner Impfarztes Wolfgang von Meißner auf. AfD-Sprecher Günther Schöttle war unlängst auch mit einem Transparent beim "Spaziergang" in Freudenstadt präsent, das ein retuschiertes Bild des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann mit Frisur und Kleidung des einstigen chinesischen Diktators Mao zeigte.

Stadt reagiert gelassen

Die Stadt Freudenstadt, bei der Versammlungen angemeldet werden müssen, reagiert betont gelassen auf die Veränderungen: "Es scheint wohl innerhalb des Teilnehmerkreises unterschiedliche Ansichten und Auffassungen zu geben, das war aber die ganzen zurückliegenden Monate so", sagt Christoph Gerber, Leiter des Ordnungsamts. "Für uns als Versammlungsbehörde ändert sich insoweit nichts, als uns ein anderer Versammlungsleiter benannt wurde, dieser war auch bisher bereits im Zuge der angemeldeten Versammlungen organisatorisch mit eingebunden, so dass sich hieraus aus unserer Sicht keine Problematik ergibt."