Küchenchef im „Refugio“ wird Mbye Jahateh, der 2014 selbst als Geflüchteter nach Deutschland kam und seither sich in die Gesellschaft integriert hat. Foto: Roth

Am Obertorplatz entsteht das „Refugio“. Landrat Pauli bittet die Bevölkerung, dem Projekt eine „Chance zu geben“. Was im ehemaligen Hotel Klaiber geplant ist.

Hohe Wellen hatte die Ankündigung in Hechingen am Dienstag geschlagen, als bekannt wurde, dass der Landkreis das ehemalige Hotel-Restaurant Klaiber am Obertorplatz als Unterkunft für Geflüchtete in vorläufiger Unterbringung nutzen möchte. Bei einem Pressegespräch machten Landrat Günther Martin Pauli und Hechingens Bürgermeister Philipp Hahn nun klar: Das ehemalige Klaiber wird nicht nur ein Unterkunft für Geflüchtete. Dahinter stecke ein ausgetüftelter Plan eines „ganzheitliches Integrationskonzeptes“ – federführend ausgestaltet vom Hechinger Arbeitskreis Asyl (AK Asyl) – namens „Refugio“. Das „Refugio“ basiert auf drei Ebenen, wie Almut Petersen vom AK Asyl erläutert.

 

Gemeinschaftsunterkunft: Im Obergeschoss des Refugios sollen ab Ende Januar bis zu 40 Geflüchtete in Ein- und Zweibettzimmer mit Toilette und Bad unterkommen. Pauli betont: „Wir wollen nicht sofort 40 Geflüchtete dort unterbringen, sondern das Projekt nach und nach ins Rollen bringen.“ Gemietet habe der Landkreis, der für Geflüchtete in vorläufiger Unterbringung zuständig ist, das ehemalige Hotel Klaiber befristet für drei Jahre. „In diesen drei Jahren kann viel passieren“, so möchte der Landrat lieber nicht zu weit in die Zukunft blicken.

Bei einer Pressekonferenz im ehemaligen Klaiber gaben am Donnerstag: Landrat Günther-Martin Pauli (Zweiter von rechts), Bürgermeister Philipp Hahn (Mitte), Almut Petersen (rechts) und Karl Wolf (links) sowie Georg Link vom Landratsamt eine Pressekonferenz Foto: Roth

Das Besondere am Konzept im ehemaligen Klaiber: „Wir bieten den Menschen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern eine Gemeinschaft, die sie fordert und fördert“, so Petersen. Konkret: Die Geflüchteten kochen gemeinsam mit Koch Mbye Jahateh, einem gebürtigen Mauretanier mit gambischer Staatsbürgerschaft, der auch für das Café und das Restaurant im Erdgeschoss zuständig ist. Er ist selbst vor neun Jahren nach Deutschland geflüchtet, hat eine Ausbildung absolviert und soll seine Erfahrungen an die Geflüchteten weitergeben. „Er ist ein Paradebeispiel dafür, wie Integration gelingen kann“, betont Petersen. Neben den Küchendiensten wird es Wasch- und Putzdienste geben und wöchentliche Treffen, wo auch Streitigkeiten besprochen werden.

Bei Pressetermin gab der Koch Jahateh einen erste Kostprobe seiner Kochkünste mit Tomaten-Mozzarella-Spießen. Foto: Roth

Petersen ist besonders wichtig, dass auch die kleinen Dinge des Alltags erlernt werden: „Mülltrennung, richtig heizen und lüften oder das Bedienen einer Waschmaschine will gelernt sein.“ Ihr Motto: „Statt sich darüber aufzuregen, dass jemand etwas falsch macht, zeigen wir, wie es richtig geht“, appelliert sie an die Hechinger.

Finanzierung: Finanziert wird die Unterkunft vom Landkreis. Noch seien kleinere Renovierungsarbeiten zu erledigen – insbesondere was den Brandschutz betreffe, erklärt Georg Link, Sozialdezernent im Landratsamt. „Auch da wollen wir mit den Geflüchteten anpacken“, fügt Petersen an.

Integrations- und Begegnungszentrum: Die mittlere Ebene des Hauses wird zum Integrations- und Begegnungszentrum. Der AK Asyl zieht unter anderem mit seinen Deutschkursen ins „Refugio“. Bereits ab dem kommenden Montag sei es soweit. Neben der Sprache werden auch Veranstaltungen zum Erlernen von PC-Kenntnissen sowie zum Lesen, Schreiben oder Rechnen angeboten. „Wir wollen unser Kursangebot weiter ausbauen, brauchen dafür aber die Hilfe von den Hechinger Bürgern als Lehrer und Mentoren. Interessierte können sich per E-Mail an refugio@ak-asyl-hch.de wenden.

Und nach der Arbeit soll auch gemeinsam gefeiert werden. Los geht es bereits am kommenden Sonntag, 7. Januar. Ab 12 Uhr wir das orthodoxe Weihnachtsfest gefeiert. Der Landrat informiert weiter: „Behörden wie die Agentur für Arbeit sollen mit ins Boot geholt werden, die Hechinger Schulen als Kooperationspartner fungieren.“

Öffentliches Café und Restaurant: Für die Hechinger die spürbarste Änderung am Obertorplatz: „Es gibt einen Leerstand weniger“, sagt Petersen. Und dieser wird gefüllt mit einem Restaurant und einem Café, das gemeinsam von Geflüchteten und dem AK Asyl betrieben wird. Der Hechinger Verein übernimmt somit die Arbeitgeberrolle. „Geflüchtete werden so schnellstmöglich an den hiesigen Arbeitsmarkt herangeführt.“ Auf der Speisekarte stehen schwäbische Gerichte, genauso wie internationale Feinkost. Die kulinarische Identität der Bewohner soll zur Geltung kommen.

Wann geht es los? „Ab sofort gibt es Kaffee und Tee, das weitere Angebot wird langsam aufgebaut“, gibt Petersen die Pläne bekannt. Ab Anfang Februar fährt Küchenchef Jahateh dann täglich mit einem Tagesessen auf. Immer montags bietet der AK Asyl den „Montag für Menschlichkeit“. Die Veranstaltungsreihe startet am Montag, 8. Januar, ab 17 Uhr mit einem schwäbisch-afrikanischen Essen. Gerade zu Beginn wird zur besseren Planbarkeit um eine Anmeldung per E-Mail an refugio@ak-asyl-hch.de gebeten. Gesucht werden noch zwei Mitarbeiter für den Restaurantbetrieb. Petersen selbst und Jürgen Fischer sowie alle weiteren Ehrenamtlichen vom AK Asyl bilden das Kernteam im „Refugio“.

Was die Verantwortlichen sagen: Landrat Pauli richtet einen Appell an die Bevölkerung: „Ich bitte die Bevölkerung darum diesem Projekt, das auch für uns Neuland ist, eine Chance zu geben.“ Das ehemalige Klaiber solle keine Massenunterkunft werden, sondern umsichtig und achtsam mit Leben gefüllt werden. Schließlich wäre es volkswirtschaftlicher Irrsinn, diesen Leerstand nicht zu nutzen, dafür aber eine Kreissporthalle zu belegen, was weiter die Ultima Ratio sei. Das sieht auch Bürgermeister Hahn so: „Ich bin froh um jeden Geflüchteten, der nicht nach Hechingen kommt. Aber für die derzeitige Situation kann der einzelne Geflüchtete nichts.“ Auch Hechinger seien in der Historie schon zur Flucht gezwungen worden. Niemand verlasse freiwillig seine Heimat.

700 bis 800 Geflüchtete werden dem Landkreis 2024 zugewiesen

Zahlen
 Georg Link, Sozialdezernent im Landratsamt, weiß, mit wie vielen Geflüchteten der Landkreis im anlaufenden Jahr rechnen muss: „700 bis 800 werden dem Zollernalbkreis 2024 wohl zugewiesen.“ In Hechingen seien 70 bis 80 Plätze in vorläufiger Unterbringung vorhanden, was zehn Prozent am Landkreisanteil entspreche. Je nach Entwicklung der politischen Lage in der Welt können es aber noch mehr oder weniger werden.