In Rottenburg kämpfen Naturschützer gegen ein Verschwinden des Rebhuhns auf heimischen Feldern und Hecken. Bei Weiler stehen bereits mehrere Blühbrachen für das Rebhuhn bereit – es muss sich nur noch dort wieder ansiedeln.
Mitten auf den Feldern auf der rechten Seite der Straße von Rottenburg aus kurz vor Weiler steht auf einer viereckigen Fläche eine Art dichte, hochgewachsene Steppe. Hier, auf der Gemarkung von Bad Niedernau wachsen krautige Pflanzen wie die Wilde Möhre oder die Kardendistel querbeet. Schaut man sich um, erkennt man in der direkten Umgebung weitere solcher Steppen. „Ein Landwirt erträgt so einen Anblick schwer“, räumt Thorsten Teichert vom Landschaftserhaltungsverband des Vereins Vielfalt ein. Für das regionale Rebhuhn könnten die mehrjährigen Blühbrachen allerdings die letzte Rettung sein.
Von Getreideanbau auf Rebhuhnschutz umgestellt Die Blühbrachen bei Rottenburg-Weiler haben die Gebrüder Andreas und Joachim Müller, beraten durch den Verein Vielfalt, angelegt. Von den insgesamt 16 Hektar landwirtschaftliche Fläche haben die Brüder 14 Hektar – aufgeteilt in acht Parzellen – dem Rebhuhn-Schutz zur Verfügung gestellt. Früher haben sie dort Getreide angepflanzt, sagt Andreas Müller, 2016 seien die Getreidepreise aber so heruntergegangen, dass es sich für den kleinen Nebenerwerbsbetrieb nicht mehr lohnte.
Mittlerweile seien die Preise zwar wieder gestiegen, doch die Brüder beschlossen aus Altersgründen, nicht wieder in die Produktion einzusteigen. Zudem beobachtet Andreas Müller, dass sich die Böden langsam erholen und Humus gewinnen, „zum Wohle unserer Nachfahren eventuell“. Zu Zeiten seines Vaters habe es kaum Stilllegungen von Ackerflächen gegeben, durch die Düngung sei der Boden zudem „müde geworden“. Landwirte, die sich am Rebhuhnprojekt beteiligen, bekommen durch die Projektmittel auch einen finanziellen Ausgleich, so Teichert.
Rebhuhn verschwand vor allem wegen moderner Landwirtschaft Früher seien solche Lebensräume wie die Blühbrachen auf landwirtschaftlichen Flächen noch verbreitet gewesen, sagt Teichert. Doch „die Struktur in der Landwirtschaft hat sich verändert“, die Nutzung habe sich intensiviert, ungenutzte Landstriche auf den Feldern seien selten geworden, Mineraldünger und Pflanzenschutzmittel täten ihr Übriges. Dabei sei „öko nicht automatisch gut für Feldvögel“, es gebe sowohl in der ökologischen wie auch in der konventionellen Landwirtschaft gute und schlechte Beispiele.
Außerdem dienen die Felder auch immer mehr als Erholungsraum für Jogger und Spaziergänger. Besonders freilaufende Hunde und Katzen können für das Rebhuhn gefährlich sein oder es zumindest stören. Nicht zuletzt verringert ein Ausbau von Bau- und Gewerbegebieten den Lebensraum für das Rebhuhn, ergänzt Karin Kilchling-Hink vom Naturschutzbund (Nabu) Rottenburg.
Landesjagdverband ist Teil des Rebhuhnschutzprojekts Für die Blühstreifen ist eine Mindestbreite von 20 Metern vorgegeben – bei zu schmalen Brachflächen habe der Fuchs mit den Rebhühnern leichte Beute. Aus der Tierwelt seien Füchse die größte Gefahr für Rebhühner. In Baden-Württemberg kooperiert der Nabu-Landesverband mit dem Landesjagdverband beim Rebhuhn-Schutz – letzterer übernimmt die Rolle, den Fuchsbestand durch systematische Jagd gezielt zu reduzieren.
Ein weiteres Kriterium für die Blühbrachen sei ein großer Abstand zu hohen Bäumen und Büschen. „Das Rebhuhn möchte weit gucken und den Überblick haben“, führt Kilchling-Hink fort.
Verwilderte Hecken sind rebhuhnunfreundlich Das führt zu einem weiteren Problem: Die wilderen Flächen, die in landwirtschaftlichen Gebieten oft noch existieren, sind Hecken. Prinzipiell seien Hecken gute Lebensräume für Rebhühner, doch viele der Hecken seien mittlerweile sehr hoch gewachsen und in Bodennähe kahl geworden, so Teichert. Diese ungepflegten Hecken setzen Rebhühnern der Gefahr von oben in den Ästen lauernden Raubvögeln aus und bieten ihnen, die sich am Boden bewegen und brüten, gleichzeitig keine Deckung.
Unweit der Blühbrachen steht eine Hecke, die der Stadt gehört und in der bis 2018 Rebhühner lebten. Als die Bauern noch Brennholz für den Winter brauchten, seien Hecken wie diese automatisch gepflegt worden, sagt Kilchling-Hink. Nun pflegt die Nabu-Gruppe Rottenburg die Hecke.
Das Gebüsch ist überschaubar und nicht viel höher als ein Mensch. Zwischendrin gibt es Ameisenhaufen – Rebhühner fressen Ameisen. Hier und da liegen Pferdeäpfel – die Büsche werden als Weidefläche benutzt. Die Pferde helfen durch ihre schweren Hufen dabei, dass die Hecke nicht wuchert. Ungefähr 30 aktive Naturschützer vom Nabu und der Initiative Artenvielfalt Neckartal pflegen solche Hecken in Rottenburg – und auch die Heckenpfleger der Stadt sind aktiv.
Rebhuhnschutz hilft Feldvögeln, Insekten und Feldhasen Die verschiedenen lokalen Verbände und Vereine haben bereits vor sechs Jahren das erste Rebhuhn-Schutzprojekt im Landkreis Tübingen initiiert. Seit Juli dieses Jahres nehmen sie am Bundesprogramm „Rebhuhn retten- Vielfalt fördern!“ teil, das ebenfalls auf sechs Jahre angelegt ist.
Neben dem Rebhuhn helfen die Maßnahmen einer ganzen Reihe anderer Tiere, die sich in niedrigen Hecken oder im Offenland wohl fühlen. Feldvögel wie Kiebitz, Grauammer, Graukehlchen und Feldlerche oder verschiedene Insekten und der Feldhase profitieren von den Schutzmaßnahmen. Besonders der Bestand an Feldvögeln befinde sich „im freien Fall“, so Teichert.
Warten auf das Rebhuhn Auf den Blühbrachen bei Rottenburg-Weiler warten die Tierschützer jetzt nur noch darauf, dass sich auch tatsächlich ein Rebhuhn dort niederlässt. Aktuell konnten bei den Zählungen dort noch keine Exemplare festgestellt werden.
Im Rottenburger Kerngebiet, Wurmlingen, Wendelsheim, Seebronn und Hailfingen leben dagegen noch Rebhühner.
Auswilderungen von Rebhühnern sei allerdings kein erfolgversprechendes Konzept: in der Schweiz seien sehr viele Exemplare ausgewildert worden, trotzdem gilt das Rebhuhn dort mittlerweile als ausgestorben, betont Kilchling-Hink.
Seit Beginn der Schutzmaßnahmen 2017 konnten die Tierschützer den Bestand der Rebhühner halten. „Landesweit ist das ein Erfolg“, sagt Teichert. Denn das Rebhuhn sei in Baden-Württemberg „kurz vor dem Aussterben“.
Wissenswertes übers Rebhuhn
Rebhuhn im Winter
Im Winter bilden die Rebhühner sogenannte Ketten. Das bedeutet, dass Rebhuhn-Familien als Verbund zusammen bleiben. Da ein Rebhuhn ungefähr 12 Junge haben kann, sind solche Familienketten recht groß. Wenn Ende Februar die Balzzeit beginnt, lösen sich die Ketten wieder auf.
Mythologie
In Ovids Metamorphosen gibt es die Geschichte von Perdix. Der Name ist griechisch und bedeutet auf deutsch Rebhuhn. Perdix ist der Neffe des berühmten Baumeisters Daidalos und kommt als junger Teenager zu seinem Onkel in die Lehre, wo er erstaunliches Talent beweist. Daidalos stürzt seinen Neffen aus Neid schließlich von Athenes heiliger Burg hinunter. Athene allerdings fängt den Jungen auf und verwandelt ihn in ein Rebhuhn. Als Daidalos Sohn Ikarus zu nah an die Sonne fliegt, seine Flügel schmelzen und er vom Himmel fliegt, scheint das Rebhuhn durch seine Laute Schadenfreude auszudrücken.