Die Strecke neben der A 81 als Grafik: Geplant sind unter anderem ein Dauerlaufkurs, eine Straßenverkehrs- und eine Lichtstrecke sowie ein Steigungshügel. Foto: Daimler

Sulz könnte Standort eines Auto-Testzentrums werden. Doch nicht alle Bürger sehen das als Chance.

Sulz - Noch ist  es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Sulz  (Kreis Rottweil) und Nellingen (Alb-Donau-Kreis). In den nächsten Monaten entscheidet Daimler, mit welcher Gemeinde wegen des geplanten Prüfzentrums Süd verhandelt wird. Der Standort soll etwa eine Stunde vom Werk des Autobauers in Sindelfingen entfernt und möglichst an der Autobahn liegen. Beide Gemeinden erfüllen die Vorgaben. Doch noch ist es eine Gleichung mit Unbekannten: Angeblich hat das Unternehmen weitere Standorte im Auge.

Daimler will neue Antriebssysteme entwickeln. Um Elektro- und Hybridfahrzeuge, aber auch Assistenzsysteme für sicheres Fahren zu testen, braucht der Konzern ein Prüfzentrum mit verschiedenen Modulen. Gebaut werden sollen unter anderem ein Oval mit einer dreispurigen Straße, ein Dauerlaufkurs, Steigungsstrecken, eine Messgerade und eine Stadtsimulation. 70 Fahrzeuge werden auf dem Dauerlaufkurs permanent ihre Runden drehen – auch nachts und am Wochenende.

Auf bestem Ackerland könnten Autos ihre Runden drehen

Ob in Nellingen oder in Sulz: Wo Daimler bauen will, wird Landwirtschaft betrieben. 200 Hektar benötigt das Unternehmen für sein Projekt, eine Fläche so groß wie ein halbes Dorf. Davon werden 40 Hektar versiegelt. Das Gelände erstreckt sich etwa drei Kilometer entlang der Autobahn.

In Sulz handelt es sich um das beste Ackerland im Landkreis Rottweil. Der Konflikt mit der Landwirtschaft ist somit programmiert. Kopfschütteln gibt es auch in den angrenzenden vier Sulzer Stadtteilen: Bei den Bürgern stößt das Vorhaben auf Widerstand. Vom Lärm durch die Autobahn sind sie jetzt schon genug geplagt, mit der geplanten Teststrecke könnte es noch lauter werden, befürchten sie.

Die Stadt wägt ab: Einerseits ist der Preis mit 200 Hektar sehr hoch. Andererseits gehört Sulz mit seinen rund 12 000 Einwohnern, wie Bürgermeister Gerd Hieber (parteilos) betont, nicht zu den reichen Kommunen. Die Steuerkraft seiner Stadt sei unterdurchschnittlich. Es werde schwieriger, den Verwaltungsaufwand zu finanzieren.

Die erste Frage, nachdem Daimler in Sulz angeklopft hatte, war: Wie viele Arbeitsplätze bringt das Zentrum? Anfangs war von 30 Jobs die Rede, jetzt sind 300 garantiert. Das begeistert zwar noch niemanden, aber Daimler macht eine andere Rechnung auf. Das Prüfzentrum könne ein Kristallisationspunkt für das in Sulz mit der Nachbargemeinde Vöhringen geplante interkommunale Gewerbegebiet werden – weitere Firmen könnten in die Region gelockt werden.

Nellinger Bürgermeister geht von 1000 zusätzlichen Jobs aus

Mit solchen Synergie-Effekten rechnet auch Bürgermeister Franko Kopp (CDU) in Nellingen, wo an die Teststrecke noch ein interkommunales Gewerbegebiet angegliedert werden soll. Er geht, längerfristig gesehen, von 1000 zusätzlichen Arbeitsplätzen aus. Kopp sieht mit der Daimler-Ansiedlung eine Zukunftschance für seine knapp 2000 Einwohner zählende Kommune, jedoch müsse es gelingen, einen Ausgleich für die Landwirtschaft herzustellen.

Doch auch in Nellingen gibt es nicht nur Befürworter. Gleich drei Projektgruppen sind gebildet worden. Sie setzen sich mit den Vor- und und Nachteilen eines Prüfzentrums auseinander. Ihre Berichte sollen dem Gemeinderat als Entscheidungsgrundlage dienen.

Das Prüfzentrum ist auch in Sulz ein viel diskutiertes Thema und füllte ganze Leserbriefspalten. Zu Wort meldeten sich mehrheitlich Gegner des Projekts, die davor warnten, dass der »Daimler-Stern blendet und verführt«. Berichte über »Stuttgart 21« schrecken andererseits auf: Soweit dürfe es in Sulz nicht kommen, mahnt ein Leserbriefschreiber. Zuletzt fand im Ortsteil Bergfelden eine Bürgerversammlung statt. Die Gegner waren auch hier deutlich in der Mehrzahl.

Sehr aktiv ist vor allem die Initiative »Pro Mühlbachebene«, die für den Erhalt der landwirtschaftlichen Flächen eintritt. Vom Daimler-Vorhaben hält sie überhaupt nichts und lehnt es kompromisslos ab. Einen Abbruch des immer wieder zitierten »ergebnisoffenen Dialogs« hat auch der Mühlheimer Ortschaftsrat gefordert, wogegen die Bergfelder Räte nach Aussage von Ortsvorsteher Erwin Stocker mehrheitlich für die Weiterführung der Gespräche seien.

Wirtschaft befürwortet das Projekt

Positive Signale kommen aus der Wirtschaft: Der Bau der Teststrecke und des Prüfzentrums schaffe Arbeitsplätze und verhelfe Handwerksbetrieben zu mehr Aufträgen, ließ die Handwerkskammer Konstanz verlauten.

Entscheidend für die Standortwahl dürfte aber die Verkaufsbereitschaft der rund 200 Grundstückseigentümer in dem fraglichen Gebiet in Sulz sein. Eine Enteignung ist jedenfalls nicht möglich. Eine Umfrage der Stadt ergab, dass die Eigentümer von 16 Prozent der Grundstücke auf keinen Fall verkaufen wollen. Die Eigentümer von 28 Prozent der erforderlichen Flächen meldeten sich erst gar nicht. Hier liegt der größte Unsicherheitsfaktor. Daimler wertet das Ergebnis nichtsdestotrotz als »sehr positiv«.

Der Gemeinderat Nellingen wollte ursprünglich Ende Juli eine Grundsatzentscheidung pro oder kontra einer Ansiedlung treffen. Der Termin ist aber ins Wanken geraten, da das agrarstrukturelle Gutachten abgewartet werden soll.

Der Sulzer Gemeinderat will die Leitung zu Daimler nicht kappen: Der Rat hat den Beschluss gefasst, mit dem Unternehmen im Dialog zu bleiben. Hier sind die Voraussetzungen anders als in Nellingen: In Sulz ist schon ein regionales Gewerbegebiet für einen Großbetrieb ausgewiesen. 

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