Die 1980er Jahre hat das Südwestfernsehen bereits Revue passieren lassen; jetzt sind die 1970er an der Reihe – also auch das Jahr 1978, als in Albstadt die Erde bebte. Jetzt war ein Drehteam in der Stadt.
1978 – das war das Jahr der Discowelle und des „Saturday Night Fever“, das Jahr der Fußball-WM in Argentinien, bei der Hansi Müller sein Debüt in der Nationalelf gab und die sich in Cordoba blamierte – und das Jahr des großen Erdbebens auf der Südwestalb. Familie Luippold aus der Tailfinger Landhausstraße hatte es damals schlimm getroffen: Das Haus mit der Nummer 53 war übersät mit Rissen, der Giebel halb weggebrochen und der Schornstein so stark beschädigt, dass er von der Stuttgarter Feuerwehr, die in Albstadt auswärtige Hilfe leistete, abgebrochen werden musste. Als die Luippolds damals vom Südwestfunk interviewt wurden, musste Ruth Ilse Luippold, die Familienmutter, ein ums andere Mal mit den Tränen kämpfen. In der Folge „1978“ der Reihe „So war es im Südwesten“ werden im nächsten Jahr einige damals gedrehte Sequenzen zu sehen sein.
Und dazu neue, die Thomas Förster, Filmemacher aus Baden-Baden, am Donnerstag vor Ort in der Landhausstraße gefilmt hat. Von den vier Luippolds, die damals gezeigt wurden, wird diesmal keiner von der Partie sein: Vater Luippold und die Oma leben nicht mehr, Mutter Ruth Ilse ist hochbetagt und mochte nicht mehr vor die Kamera treten, und Sohn Michael, damals 15, ist derzeit nicht in Albstadt. Ausgerechnet Christoph Luippold, der im September 1978 knapp elf Jahre alt war und sich hartnäckig geweigert hatte, sich filmen zu lassen, stand Förster 45 Jahre später vor laufender Kamera Rede und Antwort und erinnerte sich an den Tag, als die Erde bebte – und an die, die folgten.
Die Gaffer kamen sogarin Bussen auf die Alb
Diese Erinnerungen sind freilich bruchstückhafte, unzusammenhängende Momentaufnahmen. Beispielsweise an Bewohner der Stadtmitte, die eher planlos Schutt in Eimer schaufelten, an überforderte Feuerwehrleute und THW-Helfer – und an die Gaffer, die in Bussen aus dem verschont gebliebenen mittleren Neckarraum anreisten, Maulaffen feilhielten und die Räummannschaften beim Einsatz behinderten: „Die kalte Wut konnte man kriegen.“
„Hier Späth. Wie viel?“– „100 Millionen“
Später folgten dann die Telefonate des Vaters mit der Versicherung – der gelernte Kaufmann war nicht unbedingt technisch versiert, aber beim Geld ließ er sich nicht so leicht etwas vormachen. Die Frage, wer für die Schäden aufkommen würde, beschäftigte natürlich alle, sobald die Angst vor den Nachbeben gewichen war. Auch Lothar Späth, der erst wenige Tage zuvor zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, wurde, als er nach Albstadt kam, immer wieder und nicht selten in unfreundlichem Ton mit ihr konfrontiert. Sie dürfte ihn kaum gewundert haben – er selbst hatte sein Telefonat mit Albstadts Oberbürgermeister Hans Pfarr mit den Worten „Hier Späth. Wie viel?“ eröffnet. Die Antwort „100 Millionen“ sollte sich später als dezente Untertreibung erweisen.
Auch die Luippolds erhielten seinerzeit Besuch vom Ministerpräsidenten; er sei sichtlich beeindruckt gewesen, erinnert sich Christoph Luippold. Im Großen und Ganzen habe er gehalten, was er versprochen habe – damals habe es so etwas wie „unbürokratische Hilfe“ noch gegeben. Heute, so Luippold, könne er sich das nicht mehr vorstellen – wenn er ans Ahrtal denke und dann ans nächste Erdbeben auf der Alb, werde ihm himmelangst.
Christoph Luippold schlägtregelmäßige Übungen vor
Und nicht nur wegen der Bürokratie. Die Häuser in Albstadt seien zu einem guten Teil noch dieselben wie damals; ob sie vergleichbaren Erdstößen heute gewachsen wären, könne man nicht wissen. Im Übrigen wäre Luippold wohler, wenn es im Rathaus eine zusätzliche Personalstelle für Katastrophenschutz gäbe und wenn Feuerwehr, Rotes Kreuz und Technisches Hilfswerk auch für diesen Katastrophenfall regelmäßig systematisch üben würden. „Ich möchte das nie wieder erleben – aber ich muss damit rechnen, dass es doch dahin kommt.“