Im Bundestag ist die Cannabis-Legalisierung beschlossen worden. Selbst Suchtberatungsstellen wie Rottweil kritisieren zwar einzelne Punkte im Gesetz, befürworten den Schritt aber trotz der Risiken. In Calw hingegen sieht Suchtberaterin Pia Vollmer das ganz anders.
Jörg Hügel, Leiter der Suchtberatungsstelle in Rottweil, sieht der Legalisierung gelassen entgegen. Für ihn ist der Vorstoß „sinnvoll“. Das Verbot habe nichts gebracht und mit der Legalisierung würde nicht mehr jeder, der mit wenigen Gramm Cannabis erwischt wird, direkt Ärger bekommen.
Die Landesstelle für Suchtfragen Baden-Württemberg, zu der auch die Suchtberatung Freudenstadt gehört, begrüßt die Entkriminalisierung grundsätzlich, sieht aber noch Nachbesserungsbedarf bei der Prävention und der Kontrolle.
Und die Leiterin der Suchtberatung Villingen-Schwenningen, Simone Burgert, verweist ebenfalls auf die Linie des Trägerverbands Baden-Württembergische Landesverband für Prävention und Rehabilitation. Der befürwortet die Legalisierung ebenfalls. Dennoch verweisen alle auch auf die Gefahren: Psychosen, psychische Krankheiten und Lungenkrebs sind mögliche Folgen.
In der Suchtberatung Calw ist Beraterin Pia Vollmer nicht angetan von den Plänen. Wir befürworten das überhaupt nicht“, erklärt sie. Sie gibt zu bedenken: Gerade die Legalisierung könnte dazu führen, dass Jugendliche meinen: „Es kann dann ja nicht so schlimm sein.“ Auch der Chefarzt der Suchtklinik der Psychiatrie Calw-Hirsau, Markus Göttle, meint: „Ich halte es für einen Fehler.“ Adalbert Gillmann, Vater zweier mittlerweile erwachsener Kinder, die in ihrer Jugend abhängig waren und Gründer der Selbsthilfe-Gruppe für Eltern süchtiger Kinder im Zollernalbkreis, sieht die Legalisierung ebenfalls kritisch. Jugendliche könnten diese als Freibrief interpretieren – dabei bleibt Cannabis für sie nach wie vor illegal.
Cannabis schon jetzt zweithäufigste Sucht
Das auf sie alle mehr Arbeit zukommt, gilt bei einer Legalisierung als gesetzt. Wie genau die Höchstmengen kontrolliert werden soll und wer schlussendlich das legal gekaufte Cannabis konsumiert, stellen alle in Frage. „Durch die leichtere Verfügbarkeit werden mehr Menschen damit in Kontakt kommen“, meint Göttle. In Freudenstadt sieht Beraterin Maria Flaig-Maier das genauso. Im vergangenen Jahr wurde in Freudenstadt ein Automat mit Hanfprodukten abgebaut, genauso in Horb. Grade die Automaten hätten – wie Zigarettenautomaten – eine 24/7-Verfügbarkeit. Auch sei der Kauf anonym, anders als im Laden.
Schon jetzt ist Cannabissucht nach Alkohol die häufigste Sucht in den Beratungsstellen. Im vergangenen Jahr kamen 205 Menschen wegen Cannabisproblemen in die Beratung in Villingen-Schwenningen. In Freudenstadt waren es 66 Menschen, wobei stets beachtet werden muss: Das sind nur die „Hauptprobleme“ und sagt nichts darüber aus, ob die Klienten noch weitere Drogen konsumieren. In der Beratungsstelle Calw sind 27 Prozent der Klienten nach illegalen Drogen süchtig gewesen.
Prävention soll verstärkt werden – Geldmittel bleiben gleich
Mit der Legalisierung soll die Prävention verstärkt werden. Hügel sieht Legalisierung als Chance für die Prävention, genau wie seine Kollegin Burgert. Da es sich dann nicht mehr um illegale Drogen handelt, könnten Betroffene offener und besser ins Gespräch kommen, hofft sie.
Sie klagt jedoch auch: „Die Prävention soll verstärkt werden, aber es braucht auch die Mittel dazu.“ Die seien bislang nicht aufgestockt worden. Albrecht Gilmann von der Elternhilfe für suchterkrankte Kinder im Zollernalbkreis plädiert dafür, schon früh in Schulen über Rauschgifte aufzuklären – noch früher, als es jetzt der Fall ist, meist in der achten oder neunten Klasse. Außerdem sollten die Eltern mehr geschult werden.
Cannabis oder Nikotin – Uneinigkeit über die „Einstiegsdroge“
Maria Flaig-Maier von der Suchtstelle Freudenstadt möchte Cannabis nicht als Einstiegsdroge bezeichnen. Die eigentliche Droge, die in Abhängigkeiten führe, sei Nikotin. Das Suchtpotenzial bei Nikotin sei vergleichbar mit Heroin. Ähnlich sieht das Burgert in Villingen Schwenningen. Sie betrachtet Nikotin als gefährlichere Suchtdroge. Vollmer widerspricht. Nikotin sei keine Einstiegsdroge sei, Cannabis könne jedoch sehr wohl eine sein.