Die Kickers-Fans halten ihrem Team die Treue – mittendrin der Aufsichtsratschef Christian Steinle mit seiner Schwenkfahne. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Die Stuttgarter Kickers haben nach vielen Tiefschlägen mit dem Regionalliga-Aufstieg wieder Grund zu jubeln. Wie viel vom Mythos „blauer Adel“ steckt noch im Verein? Und welche neuen Strippenzieher sorgen für den Erfolg?

Degerloch oben – Bad Cannstatt unten. Nein, der Fußball in Stuttgart hat sich bestimmt nicht plötzlich der Topografie angepasst – nur weil die Kickers im Aufzug endlich mal wieder den Knopf in die richtige Richtung erwischt haben. Sie haben nur die Niederungen der fünften Liga verlassen. Selbst in der Stunde des Triumphs, als die letzten theoretischen Restzweifel am Regionalliga-Aufstieg endgültig beseitigt waren, ordnete Rainer Lorz den Erfolg richtig ein: „Wir haben nicht die Champions League gewonnen“, sagte der Kickers-Präsident am vergangenen Samstag in den Katakomben des Reutlinger Kreuzeichstadions. Als hätte er seine Worte etwas wirken lassen müssen, nippte er an einem Meisterbier und ergänzte: „Aber dieser Erfolg war so irrsinnig wichtig für den Verein.“

 

5000 bis 6000 Zuschauer gegen Großaspach

An diesem Samstag (14 Uhr), im Rahmen des Heimspiels gegen den Tabellenzweiten SG Sonnenhof Großaspach, bekommen die Kickers Schale und Wimpel für die Meisterschaft in der Fußball-Oberliga überreicht. 5000 bis 6000 Zuschauer wollen kommen – zum Genießen. Dieses Ende einer langen Leidenszeit geht allen, die die blaue Fahne der Hoffnung nie eingerollt haben, runter wie Öl. „Nach dieser Serie an Tiefschlägen tut dieser Aufstieg einfach nur so unglaublich gut“, sagt die Kickers-Ikone Ralf Vollmer. Der frühere Stürmer machte die Glanzzeiten mit – das DFB-Pokal-Finale 1987 in Berlin, die beiden Aufstiege in die Bundesliga 1988 und 1991.

„Die Kickers – das war schon immer irgendwie ein ganz besonderer Club“, betont Vollmer. Im Volksmund werden sie auch der „blaue Adel“ genannt. Eine Bezeichnung, die bis ins Jahr 1908 zurückgeht. Damals feierten die Kickers die süddeutsche Meisterschaft und gewannen mit Herzog Ulrich von Württemberg standesgemäß einen adligen Schirmherrn. Es kommt also nicht von ungefähr, dass den Kickers bis heute der Ruf anhaftet, der „feine Fußballclub“ in Stuttgart zu sein. „Der Begriff blauer Adel war fast negativ behaftet, hörte sich arrogant an, aber diese Zeiten sind vorbei. Wir sind ein Club aus der Mitte der Gesellschaft“, betont Lorz.

Treff der gut situierten Gesellschaft

In den Hochzeiten wurde die Tribüne auf der Waldau zum Treff der gut situierten Gesellschaft. Kammersänger Klaus Hirte oder Komponist Erwin Lehn gehörten zu den Edelfans und feuerten ihre „blauen Götter“ in kurzen Hosen an. Betont stilvoll ging es zu in den Zeiten unter dem Verwaltungsratsvorsitzenden Volker Merz und dem Präsidenten Axel Dünnwald-Metzler, von dem die legendäre Aussage stammt: „Wie wird man Millionär? Indem man als Multimillionär Präsident der Kickers wird.“

Ziemlich viel Geld bekamen die Kickers einst für Spieler wie Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald, Karl Allgöwer und Fredi Bobic, die in Degerloch ihr Köfferchen packten und über den Neckar zum VfB weiterzogen. Auch die Toptrainer Thomas Tuchel und Christian Streich trugen einst den Dress mit dem Kickers-K und den drei Sternen, die für „Könner, Kämpfer, Kameraden“ stehen.

Familiär und nahbar

Was ist von diesem blauen Mythos bis heute geblieben? „Auf jeden Fall das Familiäre, das Nahbare“, sagt Christian Steinle. Der aktuelle Aufsichtsratsvorsitzende hatte nach Jahren einiger Fehlentscheidungen im Verein und den damit verbundenen Horror-Trips Richtung Oberliga begonnen, sich zu engagieren. Er ist so etwas wie der Prototyp des blauen Adels 2.0. Unter der Woche trägt der promovierte Rechtsanwalt feinen Zwirn, am Spieltag steht er in Jeans und T-Shirt mit seiner riesigen Schwenkfahne im B-Block und peitscht die Mannschaft nach vorne.

Fans quer durch alle Schichten

„So komisch es klingen mag, aber in der tiefsten Krise des Vereins ist ein ganz besonderer Zusammenhalt entstanden. Die Kickers-Fan-Szene wächst, es bilden sich neue Gruppen, viele junge Leute, Studenten, Ärzte, quer durch alle Schichten“, hat Steinle erkannt. Es sei wieder angesagt, auf die Waldau zu gehen. Dass es für den VIP-Bereich eine Warteliste gibt, passt ins Bild.

Seit 2016 sitzt der stellvertretende Porsche-Vorstandsvorsitzende Lutz Meschke im Aufsichtsrat, genauso Ralf Hofmann, der Chef des Hauptsponsors MHP, einem Porsche-Tochterunternehmen, oder der großzügige dunkelblaue Dauer-Gönner, Geschäftsmann, Unternehmer und frühere Vize-Präsident Günter Daiss (u.a. Uhlsport, früher Gin Tonic). Sie alle sorgen für die finanzielle Basis. Was aber hat für den Aufschwung auch außerhalb des Platzes gesorgt? Für Steinle steht fest: „Vieles hat natürlich mit den Erfolgen und der dadurch entfachten Begeisterung zu tun, aber auch mit der Art und Weise, wie die Mannschaft im und nach dem Spiel auftritt. Wie sie die Nähe zu den Fans sucht, wie sie sich Zeit nimmt für ein Schwätzchen.“

In die gleiche Richtung zielen die Aussagen von Ex-Kickers-Profi Vollmer: Im Zuge der zunehmenden Ablehnung der Kommerzialisierung seien solche, etwas andere Clubs wie die Kickers doch eine sympathische Alternative. Und zwar für die Fans, die am Spieltag Bier und Bratwurst bei Fußball pur noch mit Hartgeld zahlen wollen und nicht mit einer Arena-Card.

Sehnsucht nach Gegenpol

„Die WM in Katar hat den ganzen Trend noch verstärkt. Zwar strömen die Leute weiterhin ins Stadion, aber viele sind der Überkommerzialisierung auch überdrüssig und finden bei den Kickers genau das, was sie suchen“, stellt Vollmer fest. Diese Sehnsucht nach einem Gegenpol spiele den Blauen und ihren Werten in die Karten. Hinzu kommt, dass der Begriff Nähe auch auf die geografische Heimat der aktuellen Mannschaft zutrifft. „Bei uns gibt es kein Söldnertum“, sagt Steinle, „bei uns kommen die Spieler aus Stuttgart, Waiblingen, Backnang, Reutlingen, Göppingen oder Heidenheim.“

Auch eine Etage höher in der Regionalliga? Man müsse die Mannschaft in allen Mannschaftsteilen gezielt verstärken, da sind sich Steinle und Vollmer einig. Ob dann im Zuge des Aufstiegs auch mal ein Spieler aus Nordrhein-Westfalen, Österreich oder sonst woher stammt, ist sicher nicht entscheidend, solange der Charakter und die Mentalität des Teams erhalten bleiben.

„Schritt für Schritt und mit Augenmaß muss es weiter nach oben gehen. Zu viel auf einmal zu wollen, das wäre der größte Fehler“, warnt Ralf Vollmer. Was nichts daran ändert, dass der Profifußball aufgrund der lukrativen Fernsehgelder erst in der dritten Liga so richtig losgeht. Und erst wenn der in Degerloch gespielt wird, hat sich der Fußball der geografischen Lage in Stuttgart ein wenig angenähert.

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