Das Linden-Museum Stuttgart hat eine neue Ausstellung zu Ozeanien eingerichtet – aber vergessen zu fragen, warum. Obwohl man alles richtig machen will, läuft hier viel falsch.
Wahrscheinlich sind all jene Männer schuld, die einst dem Schwabenland Adieu sagten und in die Ferne zogen. Die einen waren Soldaten, die anderen Beamte, aber auch Pfarrer bestiegen Schiffe, um die Menschen am anderen Ende der Welt zum Christentum zu bekehren. Als sie die Heimreise antraten, hatten sie reichlich Gepäck dabei. Von den Inseln vor Australien brachten sie Masken und Nackenstützen mit, Fächer und Keulen. Hauptsache, exotisch.
Man weiß wenig über die Objekte im Linden-Museum
Heute haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Linden-Museums Stuttgart ihre liebe Not zu rekonstruieren, was es mit den 2300 Gegenständen auf sich hat, die von den Inseln und Atollen nach Stuttgart kamen. Einige von ihnen haben es nun in die neue Dauerausstellung „Ozeanien“ geschafft. Die Sammlung wurde in den vergangenen zwanzig Jahren nicht mehr gezeigt, nur gelegentlich holte man einzelne Objekte aus dem Depot.
Viele Fragen bleiben offen
Nicht alle Besucher werden auf Anhieb wissen, was genau die Region Ozeanien eigentlich einschließt. Das allerdings ist nur eine von vielen Fragen, die man sich in dieser Neupräsentation stellen kann. Denn der Kurator Ulrich Menter geht – zumindest vordergründig – von den Objekten selbst aus. Ethnologische Ausstellungen sind derzeit ein undankbares Geschäft. Die Völkerkundemuseen stecken in einer schweren Identitätskrise, schließlich wurde ein Großteil ihrer Bestände in Kolonien gestohlen oder erbeutet. Wer heute Objekte mit blutigem Hintergrund ausstellt, kann sehr viel falsch machen.
Die Kluft zwischen Europäern hier und anderen dort überwinden
So wollte man offenbar nicht in die Falle tappen und vom Leben der Menschen in Polynesien oder Mikronesien erzählen, weil man sich damit womöglich den Vorwurf des „Othering“ eingehandelt hätte. Mit gutem Grund will man nicht mehr den Dualismus bedienen von den weißen Europäern hier – und den „anderen“ dort. Bloß: Wie kann ein hiesiges Publikum die Bedeutung der Einbäume aus dem Stromgebiet des Sepik erahnen? Was hat es konkret auf sich mit den Nasenstäben, von denen man erfährt, dass die „Durchbohrung der Nasenscheidewand bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch selten zu beobachten“ gewesen sei?
Was hat man an den „Aufhängehaken“ gehängt?
Die neue Ausstellung bemüht sich erst gar nicht darum, selbst naheliegende Fragen zu beantworten. Dabei wäre es interessant zu erfahren, warum die Holzfigur aus dem frühen 20. Jahrhundert, die an eine Eule erinnert, ein „Aufhängehaken“ sein soll. Was und vor allem wie ließ sich an diesem flachen Relief etwas aufhängen? Oder die nackte Figur auf einem Hocker – sie stammt aus einem Männerhaus in Papua-Neuguinea und soll ein Rednerpult sein. Wie und wozu wurde es genutzt?
Dem Publikum wird man nicht gerecht – den Objekten auch nicht
Die Beamten, Händler oder Missionare, die in den Kolonien unterwegs waren, scherten sich nicht um die Bedeutung der Dinge, die sie heim schleppten. Deshalb haben die Museen oft wenige Informationen über sie und versucht das Linden-Museum, seine Sammlungen mit Menschen aus den Herkunftsgesellschaften aufzuarbeiten. In der neuen „Ozeanien“-Ausstellung hat man dagegen das Wenige so aufbereitet, dass es gänzlich am Publikum vorbeigeht. Statt vorab zu überlegen, was man überhaupt vermitteln will, sind die Objekte regional zugeordnet („Am Mittelsepik“, „Salomonen-Archipel“). Mit dem distanzierten Blick der Wissenschaft wird beschrieben, dass das Malagan-Fries „beiderseits symmetrisch zu einem Kreismotiv“ gestaltet wurde. Seinem Publikum wird man damit so wenig gerecht wie den Ausstellungsstücken, die man gar nicht zum Sprechen bringen wollte.
Gut gemeint – und doch hilflos
Das Linden-Museum hofft auf einen Neubau, weil das angestammte Gebäude nicht wirklich taugt als Museum. Die Direktorin Inés de Castro initiiert viel, um die inhaltliche Erneuerung des völkerkundlichen Museums voranzutreiben, aber die Ozeanien-Präsentation zeugt von großer Hilflosigkeit und verrät, dass das wissenschaftlich ausgerichtete Museumswesen an deutliche Grenzen stößt. Es ist gut gemeint, dass man Hinweise auf die Objektgeber findet, also erfährt, wie die Dinge ins Linden-Museum kamen.
Die Texte sind unterkühlt
Trotzdem fröstelt es einen nachgerade, wenn man die unterkühlten Erläuterungen liest. Zeremonienhäuser sind da keine Orte des menschlichen Miteinanders, sondern schlicht Bauten, die als „geheiligtes Zentrum politischer Entscheidungsfindung eine Gesellschaftsorganisation“ widerspiegeln. Und Begriffe wie „Kernfamilie“, „Abstammungsgruppen“, „Geschlechtszugehörigkeit“ vermitteln leider auch nicht den Eindruck, dass man in einen Dialog treten, sondern nach alter Tradition Kultur und Leben der anderen kategorisieren wollte.
Reise um die Welt
Region
Ozeanien ist ein Sammelbegriff für Australien und die rund 7000 Inseln und Atolle im Pazifik. Die deutschen Kolonien, die auch als Schutzgebiete bezeichnet wurden, umfassten ein großes Gebiet großer und kleinster Inseln. 1899 wurde das erste Objekt für das Linden-Museum erworben: ein samoanisches Bootsmodell. Die deutsche Kolonialzeit endete 1918.
Info
Die Ausstellung „Ozeanien. Kontinent der Inseln“ ist von Dienstag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.