Prekär ist die Lage beim VfB Stuttgart. Mittendrin der neue Sportdirektor Fabian Wohlgemuth. So versucht er den Spagat zwischen aktueller Situation und Zukunftsausrichtung zu bewältigen.
Wer die positiven Elemente von Fußball-Traditionsclubs im Allgemeinen und des VfB Stuttgart im Speziellen hervorheben möchte, spricht gerne von der Wucht, die Verein und Umfeld erzeugen können. Die aber impliziert auch: dass im Misserfolg eben auch jede Äußerung eine gewisse Wucht entfalten kann. Wer das nicht glaubt, kann seit dem vergangenen Samstag bei Fabian Wohlgemuth nachfragen. Der Sportdirektor des VfB, davor an den eher beschaulichen Standorten Kiel und Paderborn tätig gewesen, mutmaßte nach dem 1:2 auf Schalke, das VfB-Team sei auf das Auftreten der Knappen nicht vorbereitet gewesen. Noch auf Schalke widersprach der Trainer Bruno Labbadia – und das Thema nahm sogleich Fahrt auf. Mangelt es an Abstimmung zwischen Coach und Sportdirektor? Droht womöglich schon nach wenigen Wochen der Zusammenarbeit der große Knatsch?
Vor dem Heimspiel an diesem Samstag (18.30 Uhr) gegen den FC Bayern will man beim VfB von möglichen Dissonanzen der sportlichen Frontmänner, die sich aus gemeinsamen Zeiten beim VfL Wolfsburg kennen, nichts wissen. „Wir gehen sehr respektvoll miteinander um“, beschreibt Labbadia das Binnenverhältnis, berichtet von einem guten gemeinsamen Start und lobt die passgenauen Wintertransfers. „Jeder versucht, in seinem Bereich die Aufgaben zu erfüllen“, sagt der Trainer und berichtet von einer „sehr guten Zusammenarbeit“.
Gibt es Dissonanzen zwischen Labbadia und Wohlgemuth?
Die fokussiert sich aktuell darauf, die Mannschaft auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten – und nicht erst seit dem Auftritt auf Schalke wird auch Wohlgemuths Rolle dabei genauer unter die Lupe genommen. Wie agiert der Mann, der Anfang Dezember den Posten von Sven Mislintat übernommen hat, in der sportlichen Krise?
„Wir werden alle unsere Energie darauf richten, die Mannschaft zu stabilisieren und bestmöglich auf das kommende Match vorzubereiten. Dazu gehört natürlich auch, dass wir die Schalke-Partie sachlich auswerten“, sagt Wohlgemuth. Wer also mit einer öffentlichen Schelte des Sportdirektor gerechnet hatte, sieht sich getäuscht. Wenngleich es nach Informationen unserer Redaktion intern durchaus einen gewaltigen Anpfiff für den indisponierten Auftritt gegeben hat. Nach außen bleibt der 43-Jährige betont sachlich: „Es geht darum, das Team mit konkreten Erkenntnissen und Schlüssen aus dieser Begegnung zu unterstützen.“ Und nicht darum, „den öffentlichen Druck zu verstärken“. Der Sportchef präzisiert: „Wir haben die Dinge klar angesprochen. Ich bin überzeugt, dass die Mannschaft willens ist, gegen den FC Bayern eine Reaktion zu zeigen.“
Fabian Wohlgemuth bevorzugt die Beobachterrolle
Auffällig ist, dass Wohlgemuth sich bei Trainingseinheiten auf die zurückgezogene Beobachterrolle beschränkt. Während sein Vorgänger gern sofort nach Spielen oder dem Training den Draht zu Trainer oder Spielern suchte und so den Eindruck vermittelte, ganz nah, vielleicht sogar zu nah dran zu sein, handhabt Wohlgemuth das anders. Er lässt sacken, bewertet in Ruhe, sucht dann gegebenenfalls hinter verschlossenen Türen das Gespräch unter vier Augen. Die Kabine gehört dem Trainer und dem Team. Sein Vorgesetzter sei „ein sehr besonnener Mensch, der nicht in Hektik verfällt“, sagt Labbadia.
Mitten in der sportlichen Krise hat der VfB Anfang Dezember zu ungewöhnlichen Maßnahmen gegriffen – und sowohl die Position des Cheftrainers als auch jene des Sportdirektors neu besetzt. Im Januar stieß dann noch Christian Gentner hinzu – in einer Rolle, die es in Stuttgart bislang gar nicht gab (Leiter der Lizenzspielerabteilung). Nach wie vor fragen sich viele, was der Ex-Kapitän des VfB eigentlich genau macht. Wohlgemuth, Gentners Chef, ist aber voll des Lobes: „Er ist immer da, arbeitet viel ab. Dazu hat er eine gesunde Nähe zur Mannschaft. Christian ist eine große Hilfe.“ Trotz aller Beteuerungen bleibt der Eindruck: Rund um die Sportliche Führung des VfB greift noch lange nicht jedes Rädchen gut geölt ins andere. Und die Ausgangslage im Kampf gegen den Abstieg hat sich eher verschlechtert.
Das erschwert auch Wohlgemuths sonstige Tätigkeiten abseits der direkten Arbeit mit dem Profiteam. Neben Gesprächen mit Mitarbeitern des Nachwuchsleistungszentrums und der Kontaktpflege mit Spielerberatern setzt der gebürtige Berliner viel daran, im roten Haus einen neuen Geist entstehen zu lassen und alle Mitarbeiter hinter dem gemeinsamen Ziel Klassenverbleib zu vereinen. „Ich führe viele Gespräche, versuche, alle mitzunehmen. Gleichzeitig lasse ich mich auch mitnehmen und versuche, mir ein umfassendes Bild zu machen“, beschreibt Wohlgemuth seine Herangehensweise und die Erfahrungen der ersten Wochen im Amt.
Sein Blick in die Zukunft ist – zwangsläufig – zweigleisig. „Wir lassen uns natürlich nicht überraschen und planen entsprechend“, sagt er zu einem drohenden Abstieg und fügt hinzu: „In erster Linie beschäftigen wir uns damit, wie wir die Klasse halten.“
Damit nicht erneut eine Aussage von Fabian Wohlgemuth Wellen schlägt.