Das Berliner Kabarett-Theater „Distel“ führte das Publikum des Bistroabends in der Alten Seminarturnhalle mit seinem aktuellen Programm „Im Hinterzimmer der Macht“ in eine „schwindelige Bundestags-Revue“.
Das neue Bühnenprogramm aus der Feder des Autorenduos Onkel Fisch ist das erste vollständige Distel-Programm von Adrian Engels und Markus Riedinger. Caroline Lux, Timo Doleys und Jens Eulenberger spielen dort Mäuschen, wo Gesetze entworfen, Absprachen getroffen und Allianzen geschmiedet werden, auf dem sogenannten „stillen Örtchen“, der Bundestagstoilette.
Vor einer Wand mit sieben WC-Sitzen samt aufklappbaren Klodeckeln bot sich ein groteskes Potpourri rund um das Bundestagspersonal samt Gastauftritten neuer und bereits nicht mehr amtierender Politiker, bei dem einem wahrlich schwindlig werden konnte.
Ausgefeilte Choreografien und häufiger Kostümwechsel
Ausgefeilte Choreografien bestimmten dabei die Bühnenshow ebenso wie der häufige Kostümwechsel passend zum Szenario und der effektvolle Einsatz der Toilettenwand zum Durchschauen, Durchschlüpfen usw. Mit dem rasanten Irrsinn durch den Politikzirkus wollte das Autorenduo dem Wahnsinn des Politikbetriebs gerecht werden. Der nervige und unübersichtliche Apparat aus Regierung, Verwaltung, Gesetzgebung und Parlament wurde aus dem Verborgenen beleuchtet.
Kurzgehaltene Gags begegneten nahezu pausenlos bösartigen Liedern und gut inszenierten Tanzszenen, die sich im Laufe des rund zweistündigen Kabarett-Theaters zu einem politsatirisch-gesellschaftlichen Gesamtbild entwickelten. Schwungvoll, mit reichlich Biss und jede Menge schwarzem Humor schlüpften die Darsteller in die Rollen von Robert Habeck, Alice Weidel, Christian Lindner und weiteren Politikern, wie Karl Lauterbach und Ricarda Lang. Und das alles ohne Kamera und an einem Ort, wo jeder Mensch sein darf und die Hose runterlassen kann, im Hinterzimmer der Macht. Hier wurde das Tempolimit auf Autobahnen versteigert und das unbequeme Thema einer alternativen Mobilität der Zukunft diskutiert. Zugleich tauchte die Frage auf, inwiefern „Ku’damm“ noch passend sei, wenn in Berlin ein- bis dreispännige Pferdedroschken flächendeckend eingeführt werden und auf drei Spuren verkehren.
Bundestagsrevue erlaubt rasante Einblicke
Die Bundestagsrevue erlaubt rasante Einblicke in Revierstreitigkeiten von Raffzähnen, Rangordnungskämpfe von Alphatieren mit einer sogenannten Expedition ins Lobbyisten-Reich samt ihrer mächtigsten Waffe, dem falschen Lächeln. Es tauchte ein Ghostwriter auf, der mit dem Schreiben eines Brandbriefs beauftragt wurde, Robert Habeck bewegte sich als herzensbrechender Minister, dem die Frauen vertrauen und charmanter Erklärbär über die Bühne. Björn Höcke und Alice Weidel hatten einen Auftritt, bei dem Weidel als Steigbügelhalterin bezeichnet wurde, die nicht wählerisch sein dürfe.
Schauspieler Timo Doleys in der Rolle der Altkanzlerin sang „Weil ich die Merkel bin“ – alternativlos und mit einem über 16 Jahre vom Steuerzahler finanzierten Arbeitsplatz. Das Kabarett-Theater „Distel“ mit den weiteren Schauspielern Jens Eulenberger, bekannt auch aus TV-Polizeiserien und Caroline Lux, die seit 2012 zum Ensemble gehört, manövrierten turbomäßig durch das heutige deutsche Polit(un)wesen und widmeten sich gleichzeitig dem Mythos „stilles Örtchen“.
Musikalisch begleitet wurde das darstellende Trio von Falk Kreuz und Tilman Ritter. Das Publikum in der gut besuchten Alten Seminarturnhalle war begeistert.