Er pfiff Fußballspiele für den internationalen Fußballverband Fifa. Doch als Ibrahim Rasool die Korruption im afghanischen Verband anprangerte, wollte man ihn umbringen. Seitdem ist er auf der Flucht und mittlerweile in Bosnien gestrandet.
Bihac - Sein altes Leben trägt er auf seinem Handy herum. Wie so viele der Flüchtlinge, die hier in Bihać gestrandet sind. Im Niemandsland in Bosnien-Herzegowina, nah an der Grenze zu Kroatien. Der Afghane Ibrahim Rasool (33) spult mit dem Daumen durch sein altes Leben. Er im gelben Schiedsrichterdress mit dem Wappen des Weltfußballverbandes Fifa, bei Fortbildungen, seine Diplome und Zertifikate, als Trainer, mit zwei Schiedsrichterinnen an seiner Seite. „Fußball war mein Leben“, sagt er. Jetzt hat er nicht viel mehr als sein nacktes Leben.
Tausende Flüchtlinge sind gestrandet
Er hat Unterschlupf gefunden in einer alten Imkerei in den Bergen bei Bihać. Das ist eine Stadt mit 60 000 Einwohnern am Rande Bosniens. Nur wenige Kilometer sind es bis nach Kroatien, nach „Europa“, wie sie hier sagen. Die Einheimischen wie die Flüchtlinge. Doch Europa riegelt sich ab, die Kroaten bekommen viel Geld, um die Grenze so dicht zu machen, dass keiner durchschlüpft. Tausende von Flüchtlingen versuchen es trotzdem, kampieren im Wald, hausen in verfallenen Fabriken, Gartenhäusern und Ruinen.
Oder in einer alten Imkerei wie Ibrahim Rasool. 17 Menschen sind in dem Gebäude untergekommen, alle aus Afghanistan, darunter fünf Kinder, das jüngste gerade mal ein halbes Jahr alt. Kennengelernt haben sie sich auf der Flucht, „meine Familie“, nennt Rasool sie, sie sind alles, was er noch hat.
Spenden aus Stuttgart
Wir sind mit Serkan Eren und Ivana Stipic von der Stuttgarter Hilfsorganisation Stelp dort, sie haben mit Spendengeldern eingekauft, bringen Kleidung, Essen, Windeln, Schnuller, Seifenblasen vorbei. Und einen Plastikball. Den schnappt sich Rasool umgehend und kickt mit den beiden Jungs Taha (7) und Mostafa (8).
Anschließend erzählt er seine Geschichte. Die vor vier Jahren in Kabul beginnt. Er ist beim Fußballverband Afghanistans für Futsal zuständig. Dabei kickt man in der Halle, einer wichtigen Sparte in einem Land, das bergig ist und wo man das wenige Wasser, das man hat, braucht, um es zu trinken, nicht um Rasenplätze zu gießen. Zudem arbeitet er als Trainer, bildet sich als Schiedsrichter fort, darf schließlich für den Weltfußballverband Fifa pfeifen, ist bei internationalen Futsal-Spielen im Einsatz.
Einen Mordanschlag überlebt
Er steigt auf im Verband, sieht dabei, dass das Geld, das von der Fifa kommt, abgezweigt wird und in privaten Taschen landet. Irgendwann kann er ob der allgegenwärtigen Korruption nicht mehr wegschauen. „Als unser Präsident zur Wiederwahl anstand, habe ich ihm gesagt, dass ich ihn nicht mehr unterstützen werde“, sagt Rasool. Als er wenige Tage später des Nachts nach Hause ging, lauerte ihm ein Mordkommando auf. „Die kamen auf einem Motorrad angefahren“, sagt er, „und haben auf mich geschossen.“ Glücklicherweise habe die Pistole versagt, woraufhin man ihn mit einem Messer attackiert habe. Er wehrte sich, erlitt einen tiefen Schnitt im Oberarm. Als Nachbarn hinzukamen, ließen die Killer von ihm ab. „Ich bin im Krankenhaus wieder aufgewacht“, sagt er.
Gerade so zusammengeflickt, fuhr er nach Hause, packte und setzte sich in den Flieger nach Teheran. Er nahm sich nicht einmal mehr die Zeit, sich von seinen Eltern zu verabschieden. Dort lebte er ein halbes Jahr, bis ihn Freunde warnten, man sei ihm auf der Spur. Also flüchtet er nach Trapzon in die Türkei. Dort lebte er einem Lager, baute eine Fußballmannschaft auf. „Dann habe ich erfahren, dass Unbekannte sich nach mir erkundigt hatten.“
Er kratzte seine letzten 600 Dollar zusammen, kaufte sich damit einen Platz in einem Schlauchboot und landete auf Lesbos. Dort erlangte er lokale Berühmtheit als Trainer der Flüchtlinge. „Weißt du, mit Fußball kannst du den Menschen so viel Freude bereiten. Gerade die Kinder verlieren sich im Spiel und vergessen so für kurze Zeit die Realität.“ Ihn holte die Wirklichkeit aber wieder ein. Im Camp Moria, in dem das Dach über dem Kopf aus Zelttuch war, der Boden aus Schlamm, heißes Wasser und Strom ein Glücksfall, zog er sich eine Gelbsucht zu.
Geschlagen und gedemütigt
Deshalb wurde er nach Athen gebracht. Dort wartete er ein Jahr auf eine Behandlung, Medikamente habe er keine bekommen, sagt er. Wieder half ihm der Fußball, beim örtlichen Verein Panathinaikos in der Akademie arbeitete er ehrenamtlich. Bleiben durfte er aber nicht, behandelt wurde er nicht. Also zog er weiter. Er ging immer nordwärts, bis an die Grenze nach Kroatien, nach Europa. Zehnmal hat er schon probiert, sie zu überqueren. Jedes Mal ist er gescheitert. Wie viele andere Flüchtlinge berichtet auch er davon, dass die Grenzer ihn geschlagen, aller Klamotten und Habseligkeiten beraubt und zurückgeschickt hätten. „Sie haben uns schlimmer als Tiere behandelt“, sagt Rasool.
Wieder gescheitert
Dennoch gibt er nicht auf. Nach Afghanistan kann er nicht mehr zurück, nach dem Rückzug der Nato-Truppen erst recht nicht mehr. Er möchte wieder „trainieren, Schiedsrichter sein, mich einbringen, etwas tun, einfach ein normales Leben haben, so wie ihr in Europa auch“.
Dafür lohnt offenbar jede Entbehrung. Jüngst hat er eine Sprachnachricht geschickt. Auch beim elften Mal wurden sie erwischt, doch zwölf Menschen aus seiner Gruppe wurden nach Zagreb gebracht in ein Lager, darunter die Jungs Taha und Mostafa mit ihrer Familie. Er wurde mit einer anderen Familie zurückgeschickt. Warum? Das weiß er nicht. Aber er wird wieder losmarschieren. Auf der Suche nach einem neuen Leben.