Sein Humor und sein Glauben an die Humanität sind durch nichts zu erschüttern: Salman Rushdie. Foto: dpa/Arne Dedert

Salman Rushdie hat den auf ihn verübten Mordversuch in seinem Buch „Knife“ verarbeitet. Es zeigt, was Literatur gegen die Kräfte der Zerstörung und des Hasses auszurichten vermag.

Wie wichtig es ist, sich für die Sicherheit von Schriftstellerinnen und Schriftstellern einzusetzen – über dieses Thema wollte Salman Rushdie am 12. August 2022 in dem Amphitheater genannten Veranstaltungsort des Städtchens Chautauqua im südwestlichen Zipfel des Bundesstaats New York reden. „Wie ich schon bald herausfinden sollte, war das Amphitheater an diesem Tag kein sicherer Ort für mich.“ Es gehört eine Menge Abgeklärtheit dazu, das, was folgt, mit diesen Worten einzuleiten, die Messerattacke eines Attentäters, eine Folge von Stichen, in die linke Hand, den Nacken, die Brust, ins Auge, überallhin. Die Chancen auf ein Überleben schienen gering.

 

Das Memoir „Knife“ ist im essayistischen Sinn der Versuch, das, was der mörderische Anschlag zerteilt hat, wieder zusammenzufügen. Der Zerstörung stellt dieses Buch den Prozess der Wiederherstellung und Heilung entgegen. Und das ist etwas, was das Private eines aus der Bahn geworfenen Schriftstellerlebens bei Weitem übersteigt. Rushdies Körper ist zum Schauplatz jener säkularen Auseinandersetzung zwischen schneidendem Hass und seinem Gegenteil geworden. Und zu den wundersamen Koinzidenzen, die sich auch als Evidenzen der in Rushdies Werk entfalteten Dynamiken verstehen lassen, zählt, dass das weltweite Erscheinen seines Buches mit dem weltweiten Entsetzen über den Angriff jenes Landes auf Israel zusammenfällt, das vor dreiunddreißig Jahren das Todesurteil gegen den Autor erlassen hat.

Sprache als Waffe

Doch er hat überlebt. Und kann nun in der nur ihm zu Gebote stehenden Mischung aus verschmitztem Witz und einem nach dem Erlebten durch nichts zu rechtfertigenden Optimismus davon erzählen, welche Worte ihm durch den Kopf schossen, als der Tod ihm entgegentrat: „Warum heute? Echt jetzt? Es ist so lange her. Warum heute? Warum nach all den Jahren?“ Und dann ruiniert das Ganze auch noch den schönen neuen Ralph-Lauren-Anzug. Der Kampf, um den es geht, ist auch einer zwischen Menschen mit Humor und Menschen ohne Humor.

Einer der ersten zusammenhängenden Gedanken des Genesenden war, das Geschehene festhalten zu müssen, weil es dabei nicht nur um ihn selbst geht, sondern um etwas Größeres. Wie er unvermutet in einen Messerkampf geraten ist, wird die Sprache zur Waffe, mit der er sich zur Wehr setzt: „Sie kann die Welt aufschneiden und ihre Bedeutung zeigen, ihre inneren Mechanismen, ihre Geheimnisse, ihre Wahrheit.“ Jedes Übel hat seinen ihm analogen Gegenzauber, wie der in metaphorischer Dämonologie bestens bewanderte Autor weiß. In diesem Sinn stillen die Gedanken nach einem Mordversuch von „Knife“ die Wunde, die ein Messer schlug.

Tinte auf weißem Grund

Das gilt auch für die Kraft der Liebe, die vielleicht noch vor der Kunst der Ärzte den Weg zurück ins Leben bahnt. Denn auch sie ereignet sich Knall auf Fall. Bei der ersten Begegnung mit seiner Frau, der Schriftstellerin Rachel Eliza Griffiths, kracht Rushdie gegen eine Glastür, Brille kaputt, Blut im Gesicht, Leute, die sich über ihn beugen – nur dass es sich in diesem Fall nicht um eine Szene des Hasses handelt, sondern um den Beginn einer Beziehung, die dem Autor nach den zerstörerischen Auswirkungen des jahrzehntewährenden Security-geschützten Daseinsmodus auf sein Privatleben ein spätes Glück beschert. Und wo sich dessen Darstellung normalerweise entzieht, unsichtbare Tinte auf weißem Grund, wird es hier im Medium der äußersten Gefährdung lesbar.

„Knife“ ist eine Dankgesang an den lebensspendenden Zauber der Liebe. Und dieser schließt die Literatur mit ein. Für die Opfer von Gewalt gerate das Verständnis von Realität ins Wanken, schreibt Rushdie. Die Wirklichkeit zerreißt und wird durch etwas Unverständliches ersetzt. Doch der Text flicht ein dichtes Netz von Referenzen, das den in seinem Daseinsgefühl Schwerverletzten auffängt und ihm erlaubt, wieder anzuknüpfen an das, was die Messerattacke zerschnitten hat.

Beherzte Urologengriffe

Die wiedererlangte Vollmacht des Schreibens ist gleichbedeutend damit, über das Vorgefallene die Kontrolle zurückzugewinnen. Es fängt an bei den elementaren körperlichen Funktionen, das rechte Auge ist unrettbar verloren, doch in die linke, stigmatisierte Hand kehrt das Gefühl zurück. Vom Privatesten des versehrten Leibes einschließlich des ein oder anderen beherzten urologischen Handgriffs, bewegt sich der Bericht über den sozialen Körper von Beziehung und Familie hin zum Ganzen einer sich verdüsternden Weltlage, aus deren unheilvollem Schoß jener Attentäter hervorgekrochen ist. Er, der hier nur als Initial geduldet wird – A wie Angreifer, Affenblöder und Schlimmeres –, kennt kaum zwei Seiten der „Satanischen Verse“, die Rushdies Leben seit der Fatwa Ajatollah Khomeinis 1988 auf den Kopf gestellt haben, vertraut stattdessen blind den aufpeitschenden Lehren des Imam Yutubi. In einem fiktiven Gespräch stellt der Autor ihn zur Rede, um ihm die Augen für die eigene Erbärmlichkeit zu öffnen.

Doch die eigentlichen Spieler, an deren Drähten die A.s dieser Welt baumeln, sind andere: Die Geschichten, die auf ihrem Schmierentheater zur Darstellung kommen, sollen Überfälle wie den auf die Ukraine rechtfertigen, Amerika ins Mittelalter zurückführen, Indien in religiöses Sektierertum. „Also müssen wir uns bemühen, bessere Geschichten als die falschen Narrative der Tyrannen, Populisten und Narren zu schreiben, Geschichten, in denen die Menschen leben wollen.“

„Knife“ ist eine dieser Geschichten. Sie bezeugt wie jeder große Roman des Autors das Vermögen der Literatur, das Leben zu reparieren, Schlimmes zum Guten zu wenden. Am Ende betritt Rushdie, der sich hier erstmals in ungeschützter Ich-Form präsentiert, wieder die Bühne – im neuen Ralph-Lauren-Anzug. Was für ein hoffnungsvolles Zeichen.

Salman Rushdie: Knife. Übersetzt von Bernhard Robben. Penguin. 256 Seiten, 26 Euro.

Info

Autor
 Ahmed Salman Rushdie wurde am 19. Juni 1947 in Bombay geboren, wo er in einer muslimischen Familie aufwuchs. Sein Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, schickte ihn mit 14 Jahren nach England. An der Universität Cambridge studierte er Geschichte, anschließend arbeitete er als Werbetexter und Journalist.

Werk
Mit „Grimus“ veröffentlichte Salman Rushdie 1975 sein erstes Werk. 1988 erschien sein Buch „Die satanischen Verse“, das der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini zum Anlass nahm, Rushdie mittels einer Fatwa zum Tod zu verurteilen. Er lebte lange unter einem Decknamen im Verborgenen. Nach seiner Übersiedlung in die USA trat er in den letzten Jahren wieder häufiger auf. Bis er im August 2022 bei einem Literaturfestival in Chautauqua von einem islamistischen Attentäter niedergestochen wurde. Zuletzt erschien sein 21. Roman „Victory City“. Im letzten Oktober erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.